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Anders Behring B.: Das Web und der Massenmörder

Foto: Getty Images/ Facebook

Anders Behring Breivik Spuren eines Todesschützen

Wer ist Anders Behring Breivik, der mutmaßliche Massenmörder von Oslo? Ein konservativer Christ sei er, heißt es, ein Muslim-Hasser und Freimaurer. B Breivik hat unmittelbar vor der Tat seine Spuren im Netz hinterlassen - eine Visitenkarte, die zeigt, wie er gesehen werden will.

Die Facebook-Seite des Anders Behring Breivik, wohl auf Betreiben der Ermittlungsbehörden inzwischen aus dem Netz genommen, schien Bände zu sprechen: Vieles von dem, was die Öffentlichkeit bisher über die Person Breivik weiß, stammt von dieser Seite. Sie enthält in typisch knapp gehaltener Facebook-Form die Kernangaben, mit denen er derzeit beschrieben wird: Konservativ, christlich, Jäger, Video-Spieler, Freimaurer sei er.

Dann stellt er seine Lieblingsbücher vor, seine Filme, Musik. Trance mag er, martialische Themen auch, Fantasy, "300", den blutigen, heroischen Kampf der Spartaner gegen die Perser. Im Fernsehen steht er auf "Caprica", die Geschichte von den Arbeitsrobotern, die sich gegen die Menschen wenden, auf "Dexter", den sympathischen Serienmörder, auf "True Blood" und "The Shield - Das Gesetz der Gewalt", wo coole Cops gegen brutale Gang-Kriminalität ankämpfen.

Er veröffentlicht Fotos, die seinen Facettenreichtum dokumentieren: Breivik, der sympathische junge Mann, der Familienmensch, der den Freimaurern angehört. Der adrette, offen in die Kamera blickende Mann - sieht so ein Psychopath aus, ein Rechtsradikaler? Es sind die Bilder, die man heute und in den nächsten Tagen in den Medien sehen wird, Breivik hat selbst ausgewählt, wie man ihn zeigen und sehen soll.

Er liest psychologische Bücher, lernen wir auf seiner Profilseite, aber auch John Stuart Mills "On Liberty", Richard Rortys "Consequences of Pragmatism" sowie Kafkas "Der Prozess". Spiegelt sich in all dem schon eine Geisteshaltung? Oder soll man das als Anleitung zur Deutung der vier Tage später folgenden Untat verstehen?

Die Visitenkarte eines Amokläufers

Anders Behring Breivik legte sein Facebook-Profil am 17. Juli 2011 an. Die Seite ist im Laufe eines Tages und einer Nacht entstanden, ins Netz gesetzt keine vier Tage vor dem brutalen Massaker. Es ist seine Visitenkarte, passgenau und termingerecht veröffentlicht. Kryptisch genug, um einigermaßen authentisch zu scheinen, deutlich genug, die richtigen Schlagzeilen zu produzieren - es ist Futter für die Öffentlichkeit, die über ihn und seine Persönlichkeit rätseln soll. Es hat geklappt.

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Doppelanschlag in Norwegen: Schießerei in Jugendcamp, Bombe in Oslo

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

Es ist eine eigentümlich leere Präsenz. Anders Breivik hat bei Facebook keine "Freunde", keine Kontakte. Das Gerücht geht um, es habe sowohl bei Facebook als auch bei Twitter auch vorher schon Accounts von ihm gegeben, die aus irgendwelchen Gründen von den Betreibern der Dienste gelöscht worden seien. Doch es gibt absolut keinen Hinweis darauf, dass das wahr ist, keine Spuren. Anders Breivik hat nicht mit-genetzwerkt, nicht diskutiert.

Was man bei Facebook sah - SPIEGEL ONLINE liegt eine teilweise Kopie der Seite vor - war die Vortäuschung einer Profilseite. Sie umfasste exakt 17 Postings, die Anders Breivik innerhalb von 17 Stunden, die er offenbar großteils vor dem Rechner verbrachte, veröffentlichte. Kein einziges dieser Postings enthält auch nur ein einziges Wort, das er selbst geschrieben hätte: Fast alle sind nur Links hin zu YouTube-Videos von Musikstücken, kombiniert mit einigen Textzeilen, die er aus den Beschreibungen der Songs bei YouTube ausgeschnitten hat.

Zusammengenommen erscheint die Playlist in Rückschau wie eine Botschaft, wie die Ankündigung seines Amoklaufs in Song-Titeln. Offensichtlich hat er sie nach diesem Kriterium gesucht und zusammengestellt. Die Titel der Songs in der chronologischen Reihenfolge, in der er sie ins Netz stellte:

  • Fireworks
  • Out of the Sky
  • Let It All Out
  • Insomnia
  • After All
  • Big Sky
  • Sound of Goodbye
  • Ere the World Crumbles
  • Hold on to Me
  • Holding on to Nothing
  • Freefalling

In Rückschau ist das mehr als unheimlich. Kombiniert man es mit seiner ersten und einzigen Twitter-Nachricht, die Anders Breivik ebenfalls am 17. Juli absetzte, grenzt all das an ein Bekenntnis: "One person with a belief is equal to the force of 100.000 who have only interests".

Aber Glaube woran? Die Signale, die Breivik mit den kärglichen Inhalten seiner Facebook-Seite setzte, sind klar zu lesen: Pragmatismus ist ein beherrschendes Thema, pragmatisches Handeln. Dazu Heroismus, Gewalt, Transzendenz. Ist das der digitale Daumenabdruck eines Psychopathen, der mit seiner Tat ein Beispiel setzen wollte für die "100.000, die nur Interessen haben"?

Politische Bekenntnisse

So muss man das wohl verstehen. Wer danach sucht, wofür und wogegen dieser Anders Breivik dann konkret ist, landet zwangsläufig in den Forenbeiträgen des deutlich rechts tendierenden, teils ausgesprochen gegen Muslime argumentierenden Publikations- und Diskussionsforums Document.no. Nirgendwo sonst hat sich Breivik anscheinend so deutlich, ausführlich und unmaskiert geäußert wie dort: Vom September 2009 bis zum Oktober 2010 veröffentlichte er zahlreiche explizite Debattenbeiträge, in denen er sich als Rechtsnationaler und "Multi-Kulti"-Hasser outet, vor allem gegen "Kulturmarxismus" äußert, den er beispielsweise bei Norwegens sozialdemokratischer Arbeiterpartei entdeckt.

In Marxisten, Nazis und Muslimen sieht Breivik Feinde, bei denen es nicht darauf ankomme, ob sie moderat oder radikal seien: Sie seien potentielle Gefahren, "Anhänger von Hass-Ideologien", die man "gleich behandeln" sollte, schrieb er in einem Posting. Breivik scheint da weniger ideologisch als Blut-und-Boden-rassistisch motiviert. Ein "Monokulturist" sei er, entwirft in wortreichen, um Intellektualität bemühten Postings eine Gesellschaftsanalyse, die er am Ende auf einen Grundkonflikt herunterbricht: Da seien die "Konservativen", deutlicher: "Monokulturisten", auf der einen Seite, die "Kulturmarxisten" und "Internationalisten" auf der anderen - "dazwischen gibt es nichts". Wer gegen Nationalismus sei, sei "per definitionem Kulturmarxist", egal aus welchem Lager er komme: Breivik führt das am Beispiel der britischen Konservativen aus, die in Wahrheit ebenfalls Kulturmarxisten seien.

Das allein ist schon ein reichlich verschwurbeltes Weltbild. Aber schon 2009/2010 zeigt Breivik auch deutliche Tendenzen zur Radikalität, die auch Handlungen impliziert. Um der "Islamisierung", der "Internationalisierung", dem "Kulturmarxismus" Einhalt zu gebieten, müsse "die Rechte" unter einem Dach geeinigt werden, analysiert Breivik: "Bevor 'wir' etwas unternehmen können, muss es erst einmal ein 'wir' geben. Vereinigung ist die einzige Option, und Widerstand kann sich nicht auf 'essayistische Kritik / Systemkritik' beschränken. (...) Kann Opposition allein uns retten, oder werden wir endlich damit beginnen, die kulturell Konservativen aller Fronten zu vereinen?"

Breivik kann also auch wortreicher argumentieren als bei Facebook - Ende 2010 aber hört er damit auf. Die Betreiber der Seite haben sich inzwischen von Breivik distanziert: Der habe dort zeitweilig lebhaft mitdiskutiert und wohl gehofft, das aus der Seite eine Art Plattform einer neuen Rechten werden könne. Das alles habe aber "wenig Substanz" gehabt, Ende 2010 hätten seine Postings dann aufgehört.

Breiviks Spur im Web verliert sich danach. Nach den Attentaten ist es nun wieder voll von ihm, Kondolenzseiten entstehen auf vielen Plattformen, Hass-Seiten ebenso. Und ja, auch die Web-Nazis melden sich zu Wort, die ihn als einen der ihren adoptieren. Ihre Provokationen gehen unter in den Stürmen aufrichtiger Wut gegen Breivik und seinesgleichen.

Hat Anders Breivik genau das beabsichtigt? Wut gegen "die Rechte" zu wecken. Maßnahmen zu provozieren, auch gegen solche, die "nur Interessen" haben, aber bisher nicht handelten. In den meisten Postings des Anders Breivik geht es um die Frage, wie man "die Rechte" mobilisieren könne gegen "die Kulturmarxisten". Es sieht so aus, als hätte Anders Behring Breivik seine ganz persönliche, kranke, grauenhafte Antwort darauf gefunden.