EU-Verfahren wegen Android Googles Albtraum wird wahr

Es ist ein direkter Angriff auf Googles Geschäftsmodell: Die EU-Wettbewerbshüter knöpfen sich das Betriebssystem Android vor.
Google-Zentrale in Dublin

Google-Zentrale in Dublin

Foto: PETER MUHLY/ AFP

Im Internet etwas suchen = Google benutzen, das definiert fast jeder so. Und Google tut viel dafür, dass das auch auf Smartphones und Tablets so bleibt. Zu viel, findet die EU-Kommission.

Der US-Konzern missbrauche seine dominante Marktposition, schlage Wettbewerber aus dem Feld oder lasse Konkurrenz gar nicht erst entstehen, sagte EU-Wettbewerbskommissarin Margrete Vestager am Mittwoch in Brüssel. Deshalb nimmt die Behörde in ihrem Verfahren gegen den US-Konzern nun auch das Betriebssystem Android ins Visier .

Die zentralen Vorwürfe:

  • Google zwinge die Hersteller von Smartphones und Tablets, ein Paket mit elf Google-Apps vorzuinstallieren, die nicht gelöscht werden können - darunter der Webbrowser Chrome und die Such-App. Das ist Voraussetzung, damit die Hersteller auch Googles Play Store auf ihren Geräten installieren dürfen - ein Muss, denn der Play Store ist der mit Abstand gängigste Weg, weitere Apps herunterzuladen.
  • Die Hersteller von Geräten mit Google-Diensten müssten außerdem eine sogenannte "Anti-Fragmentierungs-Vereinbarung" unterschreiben. Sie verbiete ihnen, Geräte mit abgewandelten Android-Versionen zu verkaufen - obwohl Android ein Open-Source-Betriebssystem ist, das die Entwicklung alternativer Versionen im Grundsatz erlaubt.

"Googles Verhalten schädigt den Verbraucher, indem es Wettbewerb verhindert", sagte Vestager. Und es gehe um viele Verbraucher. "Smartphones spielen eine Schlüsselrolle in unserem Leben", so Vestager. "Auf weltweit 80 Prozent dieser Geräte läuft Android." Zwar sei es kein Problem, wenn ein Unternehme eine dominante Marktposition erreiche. "Aber wenn die Dominanz missbraucht wird, haben wir ein Problem."

Googles Albtraum

Für Google ist die Einbeziehung von Android in das Wettbewerbsverfahren ein echtes Risiko, eine Entwicklung, die der Konzern jahrelang zu verhindern versuchte. Die Rolle von Android steht nicht nur in Westeuropa auf dem Prüfstand. In Russland ist Google erst kürzlich mit dem Versuch gescheitert, eine Entscheidung der russischen Kartellbehörde anzufechten, die auf eine Beschwerde der russischen Suchmaschinenfirma Yandex zurückgeht.

Yandex-Chef Arkadi Wolosch gab bei einer Veranstaltung in Hamburg vor einigen Wochen offen zu, dass sein Unternehmen, einst unangefochtener Marktführer in Russland, Marktanteile an Google verliert. Wolosch begründete das mit der Smartphone-Revolution: "Auf Android-Geräten finden wir eben einfach nicht statt." Google muss nun seine Verträge mit Geräteherstellern in Russland so ändern, dass auch Apps anderer Hersteller vorinstalliert werden dürfen, entschied die Kartellbehörde.

Besser lief es für Google in Kanada: Die dortigen Wettbewerbshüter gaben am Dienstag bekannt, keine weiteren Schritte gegen Google zu unternehmen. Es gebe nicht genügend Hinweise auf eine erhebliche Einschränkung der Konkurrenz. Vestager gab sich davon unbeeindruckt. Manche Behörden urteilten eben anders als andere. "Das ist etwas, was man akzeptieren muss", meinte die Kommissarin.

Positivbeispiel Amazon?

In seinem Blog  argumentiert Google, Android sei doch ein freies Betriebssystem, das jedermann, jedes Unternehmen auf seinen Geräten verwenden und modifizieren könne. Amazon - das Unternehmen hat das auf Android basierende Betriebssystem Fire OS entwickelt - wird dabei als prominentes Beispiel genannt.

Ohne Google-Apps und vor allem ohne Googles Play Store, in dem Hunderttausende Apps bereitstehen, verlieren Android-Smartphones und -Tablets für viele Anwender trotzdem ihren Reiz.

Für Amazon, die Google als Beispiel nennt, ist der fehlende Google-Store ein weniger schwerwiegendes Problem als für kleinere Firmen. Der US-Konzern hat seinen eigenen App-Store geschaffen, in dem man sich bedienen kann. So werden Amazons Tablets mit speziellen Apps versorgt und gleichzeitig an Amazons Multimedia-Angebote angebunden. Ein solches Angebot können die meisten Hardware-Hersteller aber nicht bieten: Sie sind auf den Play Store angewiesen.

Erinnerungen an Microsoft

Als Menetekel dürfte Google die diversen Kartellentscheidungen gegen Microsoft vor Augen haben, die in der EU über die Jahre gefällt wurden. Insgesamt musste Microsoft Strafzahlungen von fast drei Milliarden Euro leisten. Google hat jetzt zwölf Wochen Zeit, zu den Vorwürfen der EU-Kommission Stellung zu nehmen. Die Android-Untersuchung ist Teil eines größeren EU-Verfahrens der Kommission. Sie weitete das Verfahren kürzlich auch auf die neue Konzernholding Alphabet aus, deren Teil Google seit vergangenem Jahr ist.

Sollte die Kommission ihre Vorwürfe beweisen können und eine förmliche Entscheidung treffen, droht Google ein Bußgeld von bis zu zehn Prozent eines Jahresumsatzes. Der Jahresumsatz des Unternehmens lag 2015 bei 74,5 Milliarden Dollar. Der einzige, wenn auch schwache Trost für Google: Der Zehn-Prozent-Rahmen wird üblicherweise nicht ausgeschöpft.

Wie eine mögliche Lösung aussehen könnte? "Ganz einfach", antwortete Vestager. "Diese Praktiken müssen aufhören." Doch auch das wäre nicht eben billig für Google. Mit Werbeanzeigen in Android-Apps für die Suche, für die Navigation und für E-Mails generiert der Konzern Umsätze von geschätzten elf Milliarden Dollar pro Jahr.

Googles Senior Vice President Kent Walker kommentierte am Mittwoch: "Wir arbeiten gern weiter mit der Europäischen Kommission zusammen, um deutlich zu machen, dass Android den Wettbewerb fördert und gut für Verbraucher ist."


Zusammengefasst: Die EU-Kommission wirft Google vor, seine dominante Marktposition bei den Handy-Betriebssystemen zu missbrauchen. Das Unternehmen hält diese Kritik für unberechtigt, Android sei schließlich ein freies Betriebssystem. Kann die Kommission ihre Vorwürfe belegen und trifft sie eine förmliche Entscheidung, droht Google ein Bußgeld von bis zu zehn Prozent eines Jahresumsatzes.

Worum geht es im EU-Kartellverfahren gegen Google?