Facebook, Google und Co. Warum Merkel an die Algorithmen will

Die Kanzlerin verlangt von Facebook und Google Informationen über die Funktion ihrer Seiten. Die wird sie nicht bekommen. Aber Merkel geht es ohnehin um etwas anderes.

Es war nur ein kurzer Satz in einer langen Rede, aber er verfehlte seine Wirkung nicht. Die Kanzlerin will an das, was Internetgiganten wie Google und Facebook am heiligsten ist: den Algorithmus.

"Ich persönlich bin auch der Meinung, dass Algorithmen transparenter sein müssen, sodass interessierten Bürgern auch bewusst ist, was eigentlich mit ihrem Medienverhalten und dem anderer passiert", hatte Angela Merkel (CDU) auf den Medientagen in München gesagt. Die Algorithmen bestimmen, welche Suchergebnisse bei Google angezeigt werden, oder welche unterschiedlichen Posts in den Newsfeeds der Facebook-Nutzer auftauchen.

Will die deutsche Kanzlerin also das bestgehütete Geschäftsgeheimnis der Konzerne Facebook und Google gelüftet sehen? Meint sie das wirklich ernst?

Die Antwort lautet: Ja. Und Nein. Merkel dürfte es nur indirekt um den Algorithmus gehen, also den Code, der so zentral für den Erfolg von Facebook und Google ist und an dem die Konzerne ständig werkeln. Stattdessen geht es um die gesellschaftliche Debattenkultur und die Frage, wie Facebooks und Googles Algorithmen sie beeinflussen.

"Wir brauchen mehr Informationen"

Der netzpolitische Sprecher von Merkels Unionsfraktion, Thomas Jarzombek (CDU), erklärte SPIEGEL ONLINE jetzt: "Die Kanzlerin meint sicher nicht, dass die Firmen ihre Geschäftsgeheimnisse offenlegen sollen. Aber wir brauchen mehr Informationen von Betreibern wie Facebook darüber, wie ihr Algorithmus im Großen und Ganzen funktioniert."

Seit ein paar Monaten gibt es aus der deutschen Politik Forderungen, dass Internetfirmen mit ihren Geheimrezepten offener umgehen sollen. Eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern formuliert sie gegenüber Plattformen wie Facebook oder Google. Diese müssten erklären, nach welchen Kriterien die Algorithmen Informationen sammeln, auswählen, gewichten und präsentieren. Diese Informationen müssten die Konzerne verständlich aufschreiben und leicht erreichbar für die Nutzer veröffentlichen. Aber: "Eine Offenlegung der Algorithmen ist von dieser Pflicht nicht umfasst." In der Arbeitsgruppe ist man dementsprechend überrascht vom Satz der Kanzlerin. "Vielleicht nicht zu Ende gedacht", heißt es aus zwei Bundesländern.

Alle warten auf Oettinger

Die Empfehlungen wurden nach Brüssel geschickt, wo EU-Digitalkommissar Günther Oettinger bis 2017 Regeln für Online-Plattformen basteln lässt. "Die Kanzlerin spricht ein wichtiges Thema an", sagte Oettinger SPIEGEL ONLINE. Er will sich die Formulierung Merkels aber nicht zu eigen machen: Transparenzfragen müsse man "einer tiefergehenden Prüfung unterziehen". Alle warten jetzt auf Oettinger.

Umsetzbar wären die Forderungen etwa in Form einer kurzen Seite, einer Art Impressum zur Funktionsweise. Auf der könnten die Dienste grundsätzlich erklären, was in ihr Produkt einfließt.

Im Groben weiß man darüber schon Bescheid: Google bevorzugt aktuelle Seiten, auf die verlinkt wird. Bei Facebook ist wichtig, mit welchen Freunden man wie viel schreibt, was diesen gefällt, welche Werbung man anklickt.

Aber es ist unklar, wie viele Faktoren wie stark berücksichtigt werden. Der Algorithmus wird außerdem ständig verändert, mal merklich, mal unmerklich. In Sachen Google jagt ein neuer Berufszweig der SEO-Experten dem hinterher. Die deutschen Politiker wollen hingegen, dass jede "Änderung der zentralen Kriterien" kenntlich gemacht wird.

Google gibt sich auf Anfrage schmallippig. Man fühle sich vom Satz der Kanzlerin nicht angesprochen. "Wir erläutern die Art und Weise, wie Google-Produkte wie die Suche und die ihr zugrundeliegenden Algorithmen funktionieren, seit vielen Jahren auf diversen öffentlich zugänglichen Wegen", sagt ein Sprecher auf Anfrage. Unter anderem gibt es ein deutsches Blog dazu . Bei Facebook heißt es, man bemühe sich "so klar, transparent und eindeutig wie möglich bezüglich des News Feed zu kommunizieren". Beide Firmen verweisen auf ihre Informationsangebote (etwa hier  und hier ).

Merkels Sorge vor der Echokammer

Im Kern geht es bei der Debatte ohnehin um etwas anderes. Die Kanzlerin treibt die Sorge vor den Begleiterscheinungen des Booms der Netzwerke und Suchmaschinen um: den Filterblasen und Echokammern. Beide Schlagwörter beschreiben das Phänomen, dass viele Nutzer aufgrund der Algorithmen-Auswahl nur noch Inhalte konsumieren und zu sehen bekommen, die ihrer eigenen Haltung entsprechen.

Viele Beobachter glauben seit langem, dass dieses Zurückgeworfensein auf die eigene Haltung die gesellschaftliche Debatte vergiftet hat. In den vergangenen Monaten hat sich das Problembewusstsein auch in der Bundesregierung und den Parteizentralen durchgesetzt. Es ist jetzt Konsens in Berlin, dass die Filterblasen ein Problem für die Demokratie sind, und alle haben den nahenden Bundestagswahlkampf im Kopf.

Merkel hat in ihrer Rede von einer "Herausforderung nicht nur für politische Parteien, sondern für die Gesellschaft insgesamt" gesprochen. Wenn nicht klar sei, wie solche Mechanismen funktionierten, könne das "zur Verzerrung der Wahrnehmung führen". An diese Problemdefinition schließt sich die Forderung an, Algorithmen zu durchleuchten.

CDU-Politiker will aktive "Beimischung von Inhalten"

Fachpolitikern wie CDU-Netzpolitiker Jarzombek schwebt gar vor, dass Facebook Nutzern aktiv Inhalte präsentiert, die der sonst im Feed dominanten Meinung entgegenlaufen. Das wäre ein erheblicher Eingriff, den Jarzombek aber für technisch leicht machbar hält. Betreiber sollten bestimmen dürfen, wie sie die Forderung umsetzen. "Aber wenn wir Vielfalt statt Echokammern wollen, müssen wir das jetzt diskutieren."

Hinter solchen Ideen steckt auch die Sorge aller etablierter Parteien, dass der nahende Bundestagswahlkampf sich dem US-Niveau annähern könnte: Dort dominiert in der Schlacht zwischen Clinton und Trump im Netz die Lüge, und ein Milieu bezieht seine Nachrichten fast ausschließlich aus einem rechtspopulistisch-verschwörungstheoretischen Netzwerk aus vermeintlichen Nachrichtenseiten. So weit soll es in Deutschland nicht kommen.


Zusammengefasst: Angela Merkel hat mit dem Satz für Aufsehen gesorgt, dass Internetfirmen ihre Algorithmen offenlegen sollen. Der Kanzlerin geht es dabei vor allem um die Debattenkultur im Land.