Theaterstück "Assassinate Assange" Am Ende doch ein Held

Angela Richter hat mit "Assassinate Assange" dem WikiLeaks-Gründer ein Theaterstück gewidmet. Darin zeigt sie ihn als Einzelkämpfer, der den Mainstream verabscheut. Dabei versteht doch gerade er, die Aufmerksamkeit der Massen zu nutzen.
Regisseurin Angela Richter (l.), Darsteller im Affenkostüm: Am Ende dann doch ein Held

Regisseurin Angela Richter (l.), Darsteller im Affenkostüm: Am Ende dann doch ein Held

Foto: Arno Declair

Hamburg - Der Schwarm besteht aus 13 Affenmenschen in hellen Fellanzügen. Alle Schauspieler tragen plüschige Overalls in weiß oder rosa, manche tragen weiße Masken, andere schwarze. Es soll wohl ein bisschen sein wie im Internet: Der Schwarm bleibt anonym. Auf den Anzügen leuchten bekannte Sätze, die an die Wand projiziert werden, sich manchmal im Fell verfangen: We will not forget. We will not forgive. Expect us. Das Mantra von Anonymous.

Die Regisseurin Angela Richter hat ein Theaterstück geschrieben und inszeniert über den WikiLeaks-Gründer Julian Assange. Am Donnerstag hatte es im Hamburger Kulturzentrum auf Kampnagel Premiere als Teil eines "Zukunftscamps" namens "Vernetzt#".  Richter hat sich für das Stück mehrfach mit Assange getroffen, ihn stunden- und nächtelang befragt. Aus den langen Protokollen hat sie ein Mosaik zusammengesetzt, bunt und wirr wie das Netz, furios umgesetzt von einem phantastischen Ensemble. Manchen Zuschauer aber wird es ratlos zurücklassen.

Einer der Affen liest etwas vom Bildschirm ab: "Das Internet gehört den Trollen und Hackern, den Enthusiasten und Extremisten". Das hat Topiary gesagt, einer der Hacker, die als LulzSec ein paar Monate lang mit Akten des Vandalismus das Netz unsicher machten. Dem Zuschauer aber erschließt sich das kaum. In "Assassinate Assange" bleibt stets offen, was Zitat ist und was Dichtung.

Man kann durchaus Hinweise finden auf die Hybris, die Richter in den Gesprächen mit Assange immer wieder erlebt haben muss. Er habe einmal geträumt, berichtet der Assange-Darsteller, das Gehirn von Saddam Hussein sei ihm in seine Gebärmutter transplantiert worden. Davon habe er Befehle empfangen, die er weitergeben sollte an die Generäle. Er aber habe die Befehle weitergedacht, verbessert, und schließlich kaum noch auf Saddams Stimme in seinem Körper gehört. Zum Schluss habe er im Traum den Irak regiert, als schwangere Frau, mit Saddams Gehirn im Bauch.

"Die Zeitung ist das Ekelhafteste, was je erfunden wurde"

Richter kam mit Assange in Kontakt, indem sie auf Ebay ein Essen mit ihm ersteigerte , für 1600 Euro. WikiLeaks war in Geldnot, Assange wollte auf diesem Weg die Kasse aufbessern. Richter flog nach London und berichtete von ihrem Vorhaben. Assange erklärte sich zu Gesprächen bereit.

Von diesen Unterhaltungen berichtet Richter gelegentlich selbst, die Regisseurin und Autorin erscheint auf der Bühne. Sie reißt sich die Affenmaske vom Gesicht und erzählt, wie es in der ecuadorianischen Botschaft in London war: wie Assanges Zimmer dort aussieht, eine fensterlose Kammer mit Bett, Schreibtisch, Bücherregal und Laufband. Muffig sei die Luft gewesen.

Mit einem anderen Affen spielt sie einen (echten? erdichteten?) Gesprächsausschnitt nach. Assange sagt, er halte die Zeitung "für das Ekelhafteste, was je erfunden wurde". Sie setze vielen Lesern gleichzeitig dieselben Texte vor, das mache die Menschen selbst auch immer gleicher. WikiLeaks sei anders. Die Informationen seien einfach da, die Leser könnten sich nach ihren Interessen informieren, und "wenn Menschen etwas auf WikiLeaks sehen, dann können sie sicher sein, dass es wahr ist".

Die "massenhafte Standardisierung" sei gefährlich, sagt der Affen-Assange. Dazu bewegen sich die Affenwesen im Hintergrund synchron, spiegeln seine Gesten. Ist der Schwarm tatsächlich klüger? Gerade das Beliebte pflanze sich schnell in die Köpfe ein, und deshalb sollte jeder "erfolgreiche Dinge vermeiden", sich dem Mainstream entziehen. So wie er. Wie das zu Assanges öffentlicher Selbstinszenierung passt, zu seiner Talkshow im Kreml-nahen russischen TV-Sender RT, diese Frage stellt das Stück nicht.

Assanges Peniswurzel und aufgeblasene Kondome

Tatsächlich funktioniert das ganze Projekt ja nur deshalb, weil Assanges Leben viele Menschen gleichzeitig interessiert und bewegt. Er weiß das zu nutzen.

Bradley Manning in seiner Zelle dagegen wird in Richters Stück nur kurz erwähnt. Die mutmaßliche Quelle all der geheimen Informationen, des "Collateral Murder"-Videos ebenso wie der Kriegsprotokolle und der Botschaftsdepeschen, bleibt zurück hinter dem schillernden Star, von dem der Schwarm offenbar lieber hört als von dem blassen Jungen im Gefängnis.

Dass WikiLeaks tatsächlich etwas beizutragen hat aus ihrer Sicht, macht Richter in teils eindrucksvollen Szenen durchaus klar. Da erzählt eine Schauspielerin in der Rolle eines traumatisierten US-Soldaten von der Bergung zweier Kinder nach dem berühmten Hubschrauberangriff aus dem "Collateral Murder"-Video. Der Junge mit dem Bauchschuss, das Mädchen mit Glasscherben auf den Augen. Es gibt etwas zu enthüllen, da ist sich die Regisseurin mit ihrem Protagonisten einig.

Ein Stück über die "Supernerds"?

Ebenso prominent geht es um die Vergewaltigungsvorwürfe aus Schweden: Zwei Schauspielerinnen schildern ausführlich die Version der beiden Frauen, sprechen über Körpersäfte auf dem Bettlaken und über Assanges Peniswurzel. Beim Sprechen pustet eine von beiden ein Kondom auf und knotet es zu einem Luftballon. Gekränkte Frauen, ihre Geschichte beinahe ins Lächerliche gezogen. Sind das irrelevante Details im Vergleich zum großen Ganzen? "Es sollte hinterfragt werden, ob die Vorwürfe gleich sein gesamtes Schaffen in Abrede stellen", sagte Richter in einem Interview.

Eigentlich habe es im Stück um die "Supernerds" gehen sollen, hat Richter auch einmal gesagt, weil die "die Welt verändern". Auf der Bühne stehen Laptops, Twitter-Hashtags und Anonymous-Parolen wandern von der Bühne an die Wand, machmal auch von der Mauer in die Münder der Schauspieler. Der gesprochene Text springt zwischen Deutsch und Englisch hin und her, manchmal mitten im Satz. Das Internet und der Aktivismus, sagt Richters Inszenierung, sind wild und chaotisch. Wer von außen draufschaut, wird sie kaum verstehen.

"Wir sind viele", heißt es, doch ein gemeinsames Ganzes ist gar nicht erkennbar - Julian Assange bleibt ein einsamer Held. Egozentrisch, schwierig, streitbar - aber ein Held. "Ich werde ganz bestimmt kein Propagandastück für Julian Assange machen", hatte Richter vor der Premiere gesagt. Doch das lässt sich schwer vermeiden, wenn man eine Person so sehr zum Thema macht.

Das Theaterplakat zeigt Richter und Assange, ihr Kopf an seine Schulter gelehnt, ein Schriftzug verdeckt ihre Augen. Ob sie geöffnet oder geschlossen sind, kann man nicht erkennen.

Mit Material von dapd