Hacktivismus Anonymous hackt Ken-Jebsen-Website

Anonymous hat Ken Jebsen ins Visier genommen: Der ehemalige Journalist gilt als Schlüsselfigur der »Querdenker«-Szene. Jetzt wollen Hacker die Namen seiner Spender erbeutet haben.
Ken Jebsen: Gerät wegen Verschwörungsgeschichten ins Visier von Anonymous

Ken Jebsen: Gerät wegen Verschwörungsgeschichten ins Visier von Anonymous

Foto: Arnulf Hettrich/ imago images

Am 12. Juni um 17:07 Uhr veröffentlichte einer der Administratoren der Anonymous-Nachrichtenseite AnonLeaks einen Artikel, der einen angeblich erfolgreichen Hack der Website des umstrittenen Ex-Journalisten Ken Jebsen dokumentiert . Der Artikel zeigt Screenshots der sogenannten Dashboard-Seite von Jebsens KenFM, das mit dem kostenfreien Content-Management-System Wordpress produziert wird, sowie ein »Defacement« der Website.

Demnach hatten die Hacker die Inhalte der Website zeitweilig gelöscht und durch eine Seite ersetzt, auf der Anonymous die Nutzer von KenFM darüber informierte, dass »ihre« Website von Anonymous übernommen worden war.

Wörtlich heißt es auf der Abbildung des Defacements: »Operation Tinfoil erklärt hiermit die Kendemie für beendet. Liebe KenFM-Weltverbesserer, schön dass ihr seit vielen Jahren dem geschickten Manipulator und Lügner ›Ken Jebsen‹ hinterherlauft. Mit seinen Lügen und eurer Angst hat er viel Geld verdient.«

Dieses Defacement von KenFM veröffentlichte Anonymous: Der Begriff beschreibt die Ersetzung des »Gesichts« einer Website durch einen Inhalt, der zeigt, wer eine Seite per Hack übernommen hat.

Dieses Defacement von KenFM veröffentlichte Anonymous: Der Begriff beschreibt die Ersetzung des »Gesichts« einer Website durch einen Inhalt, der zeigt, wer eine Seite per Hack übernommen hat.

Wie im späteren AnonLeak-Artikel zählt auch dieses Defacement dann die durch den Hack gemachte Beute auf: Anonymous behauptet, neben rund drei Gigabyte Daten auch Informationen über Abonnenten und Spender erbeutet zu haben. Im Artikel heißt es dazu, dass ein komplettes Datenbank-Back-up heruntergeladen wurde, das unter anderem rund »39.000 persönliche Daten von Abonnenten, Vornamen, Nachnamen, E-Mail, Passworte« sowie »Spenderdaten bis 2019 inklusive Summen, knapp 38K Euro über die Website« umfasste: »wir haben Namen, Beträge, Mailadressen von Spendern«.

KenFM-Ausfall dokumentiert

»Operation Tinfoil« oder kurz »#OpTinfoil« (beides für »Operation Alufolie«), ist eine Kampagne von Anonymous, mit der die Hacker-Gemeinschaft gegen prominente oder einflussreiche Personen und Webseiten vorgeht, die den Coronaleugnern oder der Verschwörungsideologen-Szene zugerechnet werden. Vor Jebsen, dessen Website unter anderem vom Berliner Verfassungsschutz als Verdachtsfall beobachtet wird, hatte Anonymous schon erfolgreiche Hack-Aktionen gegen den mit Haftbefehl gesuchten Reichsbürger-Sympathisanten Attila Hildmann sowie den Arzt Bodo Schiffmann, eine der prominenten Figuren der Coronaleugner-Szene, durchgeführt.

Und jetzt Jebsen?

Möglich, das im AnonLeaks-Artikel geschilderte Verfahren ist nachvollziehbar und plausibel. Doch wenn der Hack gelang, dann nur für kurze Zeit: Am Sonntagmorgen war KenFM wieder online. Die Screenshots, die das durch Stiftungen finanzierte Internet-Archive in San Francisco  sporadisch von Webseiten macht, dokumentieren allerdings, dass KenFM im Laufe des Samstags tatsächlich nicht normal funktionierte. Das Archiv verfügt für den 12. Juni 2021 über vier abgespeicherte Zustände der Website zwischen 15:04 Uhr und 22:36 Uhr.

Was sie zeigen: In der Zeit zwischen 15:04 und 16:38 Uhr war KenFM definitiv nicht erreichbar und zeitweilig zumindest durch eine schwarze Seite ersetzt worden. Um 22:36 Uhr mitteleuropäischer Zeit war Ken Jebsens Website dann zwar wieder online, allerdings in einem Zustand, der keine Artikel umfasste, die nach dem 31. Mai verfasst worden waren.

Screenshot aus dem Web-Archive: Die Abbildung zeigt, dass KenFM am Abend des 12. Juni 2021 nur in einer Version vom 31. Mai 2021 zu sehen war.

Screenshot aus dem Web-Archive: Die Abbildung zeigt, dass KenFM am Abend des 12. Juni 2021 nur in einer Version vom 31. Mai 2021 zu sehen war.

Das deutet stark darauf hin, dass die aktuellen Inhalte zu diesem Zeitpunkt nicht zur Verfügung standen. Gezeigt wurde stattdessen offenbar ein rund zwei Wochen altes Back-up. Am Sonntagmorgen waren die aktuellen Inhalte wiederhergestellt. Das eigentliche Defacement vom Samstagnachmittag dokumentierte das Archiv, das seine Webseiten-Archivierungen zu zufällig gesetzten Zeiten und automatisiert produziert, allerdings nicht.

Die Diskussionen in den Social-Media-Kanälen von Anonymous stellen den erfolgreichen Hack aber nicht infrage. DER SPIEGEL hat am Sonntagmorgen sowohl Anonymous als auch die Betreiber der Ken-Jebsen-Website kontaktiert. Beide Parteien haben auf unsere Anfragen bisher nicht reagiert.

Ken Jebsen, eigentlich Kayvan Soufi-Siavash, war bis 2011 als Radiojournalist beschäftigt. Sein Arbeitgeber RBB trennte sich von ihm, nachdem eine antisemitisch gefärbte Mail bekannt wurde, die Jebsen an einen Hörer geschickt hatte. Seitdem ist Jebsen Betreiber »alternativer« Medien und fällt vor allem mit Verschwörungstheorien und durch Kooperationen mit russischen Staatsmedien auf. Er gilt als eine der prominentesten Figuren der Anti-Corona-Szene, die er mit derart alternativen Fakten versorgt, dass YouTube seinen Kanal sperren ließ, der Verfassungsschutz Berlin ihn geheimdienstlich beobachten lässt und die Medienanstalt Berlin-Brandenburg im Mai 2021 wegen Nichtbeachtung journalistischer Sorgfaltspflichten ein Verfahren gegen seine Website KenFM einleitete .

Jebsen kündigte daraufhin an, Deutschland mit KenFM verlassen zu wollen und in ein Land umzuziehen, »wo man uns in Ruhe arbeiten lässt«. Wogegen er sich so erregt wehrt: dass von ihm verlangt wird, dass er Quellen für die von ihm verbreiteten Behauptungen nennt. Und das geht wohl gar nicht.

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