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14. Mai 2012, 13:01 Uhr

Urheberrechts-Kampagne

Anonymous veröffentlicht Künstler-Adressen

Netz-Vandalismus statt Debatte: Unbekannte haben Adressen und zum Teil Telefonnummern von Künstlern veröffentlicht, die einen Pro-Urheberrechts-Aufruf unterzeichnet haben.

Unbekannte haben Adressen und teilweise Telefonnummern einiger der Unterzeichner des Aufrufes "Wir sind die Urheber" offen ins Internet gestellt. Auf einer Plattform, die üblicherweise zum Austausch von Programmcode verwendet wird, wurde eine Liste mit Namen, Adressen, E-Mail-Adressen, Website-Adressen und zum Teil Telefon- und Faxnummern veröffentlicht. Viele davon stammen augenscheinlich aus öffentlich zugänglichen Quellen wie Homepage-Impressumseinträgen, Telefonbüchern oder Adressverzeichnissen. Unter den Betroffenen sind etwa die Moderatorin und Schauspielerin Charlotte Roche, der Dramatiker Moritz Rinke, der Journalist Günter Wallraff und der Komiker Michael Mittermeier.

Sie alle zählen zu den mittlerweile mehreren tausend Unterzeichnern des Aufrufs "Wir sind die Urheber", den der Literaturagent Matthias Landwehr initiiert hat. In dem Aufruf wird vor einer Abschaffung des Urheberrechts gewarnt. Er wird unter anderem als Reaktion auf die Wahlerfolge der Piratenpartei verstanden, die die private, nichtkommerzielle Nutzung von Internettauschbörsen für legal erklären möchte.

Matthias Landwehr sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", es gehe hier um "Bloßstellung und Bedrohung", wie man sie "aus totalitären Staaten kennt".

Das Sammeln und Veröffentlichen von Informationen über Personen oder Organisationen, die man als Gegner ausgemacht hat, gehört seit Jahren zum Repertoire der losen Netzgruppierung Anonymous. Die Praxis wird "doxing" genannt (von "Docs"= Dokumente). Zu den Anonymous-Grundprinzipien gehörte bislang eine bedingungslose Verteidigung des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Dass nun Künstler und Kulturschaffende, die öffentlich ihre Meinung kundtun, mit einer derartigen Aktion eingeschüchtert werden sollen, lässt sich mit diesen Grundprinzipien nicht vereinbaren. Doch die Marke "Anonymous" kann sich jeder überstreifen, der online oder offline Aktionen startet. Es gibt weder ein Mitgliederverzeichnis noch eine Satzung oder gar verbindliche Absprachen zwischen all jenen, die sich selbst hin und wieder Anonymous nennen.

Dass die Veröffentlichung als aggressiver Akt gemeint war, haben die Verfasser der ursprünglichen - mittlerweile gelöschten - Veröffentlichung unmissverständlich klar gemacht: "Das hier ist Teil 1 - wenn Ihr mit diesem Scheiß nicht aufhört, werden wir doxen und doxen und doxen!"

cis

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