Ansgar Heveling CDU-Hinterbänkler trollt die Netzgemeinde

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Ansgar Heveling hat es geschafft: In einem Gastbeitrag fürs "Handelsblatt" hat er die "Netzgemeinde" angegriffen - und sich zum Gespött gemacht. Jetzt schlägt das Web zurück.
Ansgar Heveling: "Das Web 2.0 wird bald Geschichte sein"

Ansgar Heveling: "Das Web 2.0 wird bald Geschichte sein"

Foto: CDU/CSU

Kennen Sie Ansgar Heveling? Nein? Macht nichts. Ansgar Heveling sitzt für die CDU im Bundestag, er ist in seiner Partei für die Verteidigung des geistigen Eigentums zuständig, und deshalb sitzt er auch in der Enquetekommission "Internet und digitale Gesellschaft". Dort ist er offenbar fehl am Platz, denn, wie sich jetzt herausstellt, hat Ansgar Heveling für das Internet nicht viel übrig, von der digitalen Gesellschaft ganz zu schweigen. Immerhin: Im Internet ist er berühmt. Im Moment.

"Liebe 'Netzgemeinde', ihr werdet den Kampf verlieren", schleudert Heveling - ja, wem eigentlich? irgendjemanden jedenfalls - in einem Gastbeitrag fürs "Handelsblatt" entgegen. Der Text ist auf eigentümliche Weise lesenwert, weil er schön demonstriert, was herauskommt, wenn man versucht, das komplexeste Gebilde in der Geschichte der Menschheit zur Person, zum Feind zu erklären. Die "Netzgemeinde" hat am Montag eine Menge Spaß mit Heveling, der im "Handelsblatt" das getan hat , was man im Netz "trollen" nennt: Provozieren um der Provokation willen.

Nun trollt die Gemeinde zurück. Unter dem Hashtag #Hevelingfacts sammeln sich Anachronismus-Witze wie : "Ansgar Heveling ist in Eile, er muss das Drei-Uhr-Drehflügelflugzeug nach Belgisch-Kongo erreichen." Oder : "Ansgar Heveling hatte 1962 die Beatles weggeschickt mit den Worten: 'Gitarrenmusik ist ohnehin nicht gefragt.'"

Am späteren Nachmittag fand dann offenbar jemand heraus, dass die Administratoren-Zugangsdaten für Hevelings offizielle Website sehr einfach zu erraten waren. Nun ist dort zu lesen, Heveling wolle aus der Union austreten. An anderer Stelle steht unter der Überschrift "Ich habe versagt": "Jeder kleine Gnom in der Internetwelt kennt nun den Admin-Benutzernamen samt Kennwort dieser Seite." Auch eine Abhandlung über die Frage "Warum der Begriff 'Geistiges Eigentum' falsch ist" findet sich nun auf Hevelings Seite. Offenbar fühlte sich mit dem Begriff "Netzgemeinde" jemand angesprochen, der nun zurückschlägt. Vandalismus, widersinnig nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass es hier doch um Netz- und Meinungsfreiheit gehen soll.

Gehackte Heveling-Homepage (Screenshot): "Ich habe versagt"

Gehackte Heveling-Homepage (Screenshot): "Ich habe versagt"

Rundgang durchs Hohlspiegelkabinett

Hevelings vermutlich flammend gemeinter Text im "Handelsblatt" wirkt nicht nur verzweifelt gestrig, sondern vor allem wie ein torkelnder Rundgang durchs Hohlspiegelkabinett. Kostprobe: "Wenn wir nicht wollen, dass sich nach dem Abzug der digitalen Horden und des Schlachtennebels nur noch die ruinenhaften Stümpfe unserer Gesellschaft in die Sonne recken und wir auf die verbrannte Erde unserer Kultur schauen müssen, dann heißt es, jetzt wachsam zu sein."

Noch eine: "Das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Es stellt sich nur die Frage, wie viel digitales Blut bis dahin vergossen wird."

Also gut, eine noch: "Also, Bürger, geht auf die Barrikaden und zitiert Goethe, die Bibel oder auch Marx. Am besten aus einem gebundenen Buch!"

Was genau die Bürger mit diesem öffentlichen Zitieren aus gebundenen Büchern erreichen sollen, erklärt Heveling leider nicht. Womöglich verstößt man damit sogar gegen das Urheberrecht? Auf jeden Fall hat es irgendwie damit zu tun, dass im Internet alles nichts mehr wert ist und das Abendland untergehen wird, weil die Piraten immer alles kostenlos kopieren wollen. Oder so. Jedenfalls haben die französischen Revolutionäre offenbar vor allem das Urheberrecht erfunden (Freiheit, Gleichheit, Copyright?) und heute sitzen irgendwo "Menschen hinter Maschinen", die uns "unsere Lebensentwürfe vorschreiben wollen".

Bei Heveling wird alles eins: Wikipedia und Google, Twitter und Pac-Man, Maoismus und Monopolisten. Internet halt. Alles eine Soße. Und gefährlich. "Natürlich soll niemandem verboten werden, via Twitter seine zweite Pubertät zu durchleben. Nur sollte man das nicht zum politischen Programm erheben." Interessant wäre, ob Heveling diesen Rat mit der Pubertät und dem Programm auch seinen zahlreichen twitternden Parteifreunden, etwa seinem eigenen Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier oder seinem Enquete-Kollegen Thomas Jarzombek gegeben hat.

Mit Marx gegen die Piraten

Eigentlich geht es Heveling - das lässt sich nach eingehender Exegese des Textes zumindest vermuten - um die in den USA eben aufgrund verfassungsrechtlicher und technischer Bedenken aufs Abstellgleis geschobenen Gesetzesvorhaben zum Urheberrechtsschutz, Sopa und Pipa. Die Ablehnung dieser Vorhaben, gegen die es gute, gewichtige Argumente gibt, geht in den USA über die Parteigrenzen hinweg: Demokraten sorgen sich um die Meinungsfreiheit und fürchten einen Machtzuwachs für Lobbyverbände, Republikaner fürchten allzu weitgehende Eingriffe des Staates in die in den USA längst als lebenswichtig erkannte Infrastruktur Internet.

Heveling aber scheint den Eindruck gewonnen zu haben, eine moderne, konservative Netzpolitik bestehe vor allem darin, die Branchenverbände der Unterhaltungsindustrie vorbehaltlos zu unterstützen. Wenn schon nicht mit Argumenten, dann doch wenigstens mit Leidenschaft und schiefen Bildern. Zur Not mit dem "Kapital" in der Hand.