Apple, Facebook und Co. Großwesire des Web

Apple nutzt sein Hausrecht und löscht umstrittene Anwendungen aus dem iPhone-Angebot - auch Facebook und Google kontrollieren immer größere Bereiche im Internet. Die US-Unternehmen definieren Regeln für Millionen weltweit. Wie kann das App-Web transparenter werden?
Facebook-Weltkarte: Die Angebote der Web-Riesen ziehen immer mehr Publikum an

Facebook-Weltkarte: Die Angebote der Web-Riesen ziehen immer mehr Publikum an

Foto: KAREN BLEIER/ AFP

Hamburg - Apple hat wieder einmal eine umstrittene App aus dem iPhone-Software-Laden verbannt: Die Anwendung "ThirdIntifada" an sich ist einen grundsätzlichen Streit über vermeintliche Zensur nicht wert. Dieser App-gewordene Versuch, den palästinensischen Widerstand gegen die israelische Besatzung anzufeuern, verbindet nationalistische Musik und Schwüre, niemals Jerusalem aufzugeben und sich mit "Geld und Blut" für die Stadt einzusetzen. Die Stücke haben Titel wie "Palästina ist unser" oder "Jerusalem ruft uns", dazu erklingt pathetische Marschmusik. Die Macher erkennen Israel als Staat nicht an - das schwingt überall mit.

Die App ist geschmacklos, keine Frage. Ob sie in den Vereinigten Staaten als "Hate Speech" gilt und damit strafbar wäre, ist nicht so einfach einzuschätzen. Wir konnten in der Anwendung keine Aufrufe zu Selbstmordattentaten oder Raketenangriffen auf israelische Ziele finden.

Doch die Löschung der Intifada-App durch Apple wirft ein Licht auf ein grundsätzliches Problem im Netz: Unternehmen wie Apple, Facebook und Google kontrollieren immer größere Bereiche im Web.

Man muss sich den Appstore wie eine Shopping Mall oder einen Hauptbahnhof vorstellen. Diese Gebäude nehmen viele Besucher als öffentlichen Raum wahr. Doch in jedem Bahnhof und jedem Einkaufszentrum gilt das Hausrecht des privaten Betreibers. Das merken zum Beispiel Journalisten, die in Bahnhöfen Reisende befragen wollen - ohne Erlaubnis der Hausherren geht das nicht. Wenn der Sicherheitsdienst das bemerkt, ist man schnell wieder draußen. Genauso können es Einkaufszentren und Konzertveranstalter ihren Besuchern verbieten, an den falschen Orten die falschen Getränke zu konsumieren oder auch nur ein Foto zu machen.

Apple nutzt sein Hausrecht

Analog dazu kann Apple mit dem Hausrecht argumentieren: Das Unternehmen betreibt den Appstore. Wer dort Software verkauft, schließt einen Vertrag mit Apple und unterwirft sich den Hausregeln des Unternehmens.

Das klingt einleuchtend, doch im Detail ist das mit dem Hausrecht doch komplizierter. Denn Apple versucht sich da an etwas, dass schon einzelne Staaten seit Jahrzehnten kaum hinbekommen: Es gibt allenfalls einen vagen Konsens darüber, wie viel nackte Haut nun erlaubt ist, wie für Alkohol geworben werden darf, ab welchem Punkt genau Aussagen als zu beleidigend und anstößig gelten - oder noch als Satire oder Parodie durchgehen.

Apple will nun solche einheitlichen Regeln für alle Entwickler und Besitzer von iPhones und iPads finden - und das auch noch weltweit. Das kann nicht reibungslos funktionieren. Wie weit die Vorstellungen über zulässige Inhalte von Apples App-Prüfern von denen in anderen Staaten, ja selbst von einigen Gruppen in den Vereinigten Staaten abweichen, zeigen viele umstrittene App-Löschungen. Apple verbannte eine App, in der man mit Schuhen nach dem US-Präsidenten George W. Bush werfen konnte und eine Satire-App, die jedes Foto zum Heiligenbildchen ummodelt.

Nun kann man sagen: Viel Glück, Apple! Wenn ihr wirklich glaubt, den eigenen App-Markt global nach den Moralvorstellungen weniger Mitarbeiter regulieren zu können - okay. Und wenn das Unternehmen in einigen Staaten Kompromisse eingeht, Dalai-Lama-Apps aus dem chinesischen Appstore löscht, könnte das für ein US-Unternehmen auf dem Heimatmarkt problematisch werden. Apple wird schon spüren, wenn dieser Gutsherren-Pragmatismus nicht funktioniert, wenn die Entwickler sich andere Plattformen zum Vertrieb suchen und die Kunden andere Software-Downloadshops.

Die Shopping Malls im Web werden immer voller

Ganz so einfach ist das im Netz aber nicht. Wenn ein Einkaufszentrum einen Journalisten rauswirft, weil er Kunden befragt, kann er sich auf die Straße vor den Eingang stellen. Da werden schon genug Kunden vorbeilaufen. Betrachtet man die Entwicklung der vergangenen Jahre im Web, sieht es so aus, dass die Einkaufszentren immer größer werden. Auf den Straßen und den öffentlichen Plätzen außerhalb laufen nicht mehr so viele Menschen vorbei - sie bleiben lieber drin. Zum Beispiel bei Facebook oder in Anwendungen, die über streng kontrollierte Appstores wie den von Apple vertrieben werden.

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Markenrecht: Appstores von Apple, Amazon und Co.

Diese Entwicklung führt dazu, dass Menschen in den Konsumtempeln der Online-Riesen mehr und mehr Dinge tun, die früher im öffentlichen Raum stattfanden - also auf privaten Websites, in Chats, auf diversen Servern, in Mailboxen und Foren wie "The Well". Demonstranten vernetzen sich über Facebook, Karikaturisten und Medien vertreiben ihre Werke über Apples Appstore - die Malls sind inzwischen so groß, dass sie schon in vielen Punkten als quasi-öffentlicher Raum fungieren. Die Freiheitsgrade der Angebote an sich werden wichtiger, weil die Vielfalt relevanter Plattformen und Kanäle sinkt.

Das ist in vielen Punkten beunruhigend: Werden Nutzer angeschwärzt oder verstoßen sie gegen eine der zahlreichen, zum Teil mehr gefühlten als klar definierten Hausregeln, wird ihnen schon mal der Account gelöscht. Dann ist es vorbei mit der politischen Satire, dann verschwindet der Demonstrationsaufruf im Nirwana.

Der Hausherr gestaltet seine Plattform im eigenen Interesse

Denn Besitzer mit Hausrecht gestalten ihre Räume immer so, dass sie den eigenen und den Interessen der Kundenmehrheit dienen. Ein Hotel mit angeschlossenem Casino in Las Vegas kann man zum Beispiel nicht verlassen, ohne an Spielautomaten vorbeizukommen. In vielen Einkaufszentren ist es viel einfacher, in die nächste Passage zu laufen, als zum Ausgang zu gelangen.

Das digitale Gegenstück: Facebook lockt die Nutzer immer weiter in das eigene Netzwerk - und erklärt seit Jahren durch Änderungen der Nutzungsbedingungen immer mehr Daten der Nutzer zu "öffentlich zugänglichen Informationen". Die überwiegende Mehrheit der Nutzer ändert die sehr weitreichenden Standardeinstellungen nicht. Das ist keine bewusste Entscheidung, die meisten Menschen akzeptieren vorgegebene Optionen - sei es beim Pizzabelag oder bei der Organspende. Je mehr Menschen wenige Plattformen nutzen, je wichtiger diese Plattformen als Vermittler von Meinungen, Analysen, Kontakten werden, desto wichtiger wird die Frage nach dem öffentlichen Raum im Netz.

Wo ist die Berufungsinstanz?

Auch Apple gestaltete seine Mall im eigenen Interesse: Wer iPhones nutzt, kann nur über Apples Appstore Programme laden. Allein seine Größe gibt dem Apple App Store Macht: Über 425.000 kleine Programme stehen dort zum Download bereit, über 14 Milliarden wurden in weniger als drei Jahren heruntergeladen. Und auch wenn der Android Market sich zum Konkurrenten entwickelt hat, werden immer noch rund 60 Prozent aller Apps aus dem Appstore heruntergeladen.

So wächst die Bedeutung der digitalen Räume mit Hausrecht. Beunruhigend daran ist, dass sehr wenige Anbieter für Hunderte Millionen Nutzer Regeln aufstellen. Und da wird das mit dem Hausrecht schwierig: Ist es sinnvoll, dass Betreiber wie Apple und Facebook in kaum transparenten Entscheidungsprozessen Seiten und Anwendungen löschen, sperren, ablehnen, zum Teil bestimmte Suchbegriffe für alle Nutzer blockieren? Müssten derart mächtige Unternehmen, deren Angebote für viele Nutzer so etwas wie öffentliche Räume sind, die Entscheidungswege nicht transparent machen?

Vor allem fehlt eine zweite Instanz, bei der Betroffene Berufung einlegen können. Große Medienhäuser und Pulitzer-Preisträger haben manchmal Chancen, Gehör bei Apple zu finden, wenn sie sich über unfaire Entscheidungen beschweren. Die Chancen kleiner Entwickler stehen schlecht. Von ihren Problemen mit den Hausherren wird man womöglich gar nicht hören.

Mitarbeit: Kathrin Dorscheid, Yassin Musharbash
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