NSA-Affäre ARD verbannt Snowden in die tiefste Nacht

Die ARD ist stolz auf ihr exklusives Interview mit dem NSA-Whistleblower Edward Snowden. Gesendet wurde es trotzdem mitten in der Nacht, damit bei Günther Jauch über das noch nicht gesendete Gespräch diskutiert werden konnte. Klingt komisch? War auch so.
Snowden (bei seiner Weihnachtsansprache): Erstes Interview nach der Flucht im deutschen Fernsehen

Snowden (bei seiner Weihnachtsansprache): Erstes Interview nach der Flucht im deutschen Fernsehen

Foto: AFP/ Channel 4

Was macht die ARD, wenn sie ein exklusives Interview mit Edward Snowden hat? Das erste Fernsehinterview überhaupt, seit der Whistleblower im Sommer nach Russland geflohen ist? Sie sendet Teile des sechsstündigen Gesprächs spät in der Nacht und lässt vorher Günther Jauch darüber diskutieren.

Man kann sich darüber streiten, ob das die richtige Reihenfolge ist, und ob ein schlechter "Tatort" wichtiger ist als der Geheimdienstskandal. Und ob "Bild"-Chefreporter Julian Reichelt und der ehemalige US-Botschafter John Kornblum wirklich die richtigen Talkgäste bei Jauch sind, um das Snowden-Interview vor der Ausstrahlung politisch einzuordnen.

Reichelt behauptet im Talk, die NSA habe ja gar nicht gegen Gesetze verstoßen, und überhaupt seien die Enthüllungen schädlich für das transatlantische Bündnis. Marina Weisband, die ehemalige Hoffnung der Piratenpartei, muss sich von ihm belehren lassen: "Die NSA möchte Ihre Großmutter nicht abhören."

Flucht in die Ironie

Wie Massenüberwachung funktioniert, hat Reichelt offenbar nicht verstanden. Kornblum setzt Kritik an den Daten-Schleppnetzen mit Anti-Amerikanismus gleich. Von einer Geheimdienstaffäre wollen beide nichts wissen. Weisband, der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele und Snowden-Interviewer Hubert Seipel ringen sichtlich um Fassung.

"Herr Snowden hat sich verdient gemacht, das muss man mal zur Kenntnis nehmen", ärgert sich Ströbele und fordert erneut Asyl für den Whistleblower. Als Weisband sagt, mit den Geheimdiensten habe man Institutionen geschaffen, die sich nicht durch den demokratischen Staat kontrollieren lassen, lächeln Kornblum und Reichelt milde.

Es bleibt nur noch die Flucht in die Ironie. Auf die Frage, ob Russland von der NSA-Affäre nicht profitiere, antwortet Seipel: Natürlich habe der russische Präsident Wladimir Putin ihn instrumentalisiert und eine Million in die Schweiz überwiesen. Gastgeber Günther Jauch wirkt entspannt, als das Gespräch endlich völlig gescheitert ist. Nach den Tagesthemen, in denen das Interview natürlich auch Thema ist, wird es dann endlich gesendet.

BND und NSA arbeiten eng zusammen

Und was sagt Snowden Neues? Zum Gespräch sitzt er wieder einmal im weißen Hemd in einem Hotelzimmer in Russland. (Hier finden Sie das Video in der ARD-Mediathek,  hier eine Mitschrift des Interviews. ) Doch er spricht vor allem in Andeutungen - eine Bedingung seines Asyls in Russland lautet, dass er den USA nicht weiter schaden darf. Deswegen will er nichts verraten, was nicht bereits von den Journalisten öffentlich gemacht wurde, die mit den von ihm kopierten Dokumenten arbeiten.

Die wichtigsten Botschaften hatte die ARD ohnehin schon vorab verbreitet: "Es gibt keinen Zweifel, dass die USA Wirtschaftsspionage betreiben", sagt Snowden, und dass die NSA Millionen von Millionen Daten über deutsche Staatsbürger sammelt, was der deutsche Auslandsgeheimdienst eigentlich wissen müsse - denn er habe Zugriff auf ein NSA-System.

Laut Snowden ist es eine enge Partnerschaft: Die NSA und der BND würden nicht nur Informationen austauschen, sondern auch Instrumente und Infrastruktur miteinander teilen. "Deutschland ist eines der Länder, die Zugang zu XKeyscore hat", sagt Snowden. Mit dem Programm lassen sich die Daten durchsuchen, die bei der NSA gesammelt werden.

"Eine rote Linie überschritten"

Letztlich sagt er in dem gezeigten Ausschnitt  nicht viel mehr, als er bereits im Juni dem "Guardian", zu Weihnachten im britischen Fernsehen und am Donnerstag in einem Live-Chat gesagt hat: Die NSA überwacht das Internet, und die Öffentlichkeit habe ein Recht darauf, das zu erfahren und selbst über die Rechtmäßigkeit zu entscheiden.

"Mir wurde klar, dass eine rote Linie überschritten worden war", sagt Snowden über seinen Entschluss, über seine Arbeit für den Geheimdienst auszupacken. Dass er ausgerechnet einem deutschen Fernsehsender sein erstes Interview seit seiner Flucht gibt, könnte damit zusammenhängen, dass er zunächst nur für ein Jahr in Russland bleiben darf; im August muss er sein Asyl verlängern.

Wenn Snowden das beschäftigen sollte, lässt er es sich jedenfalls nicht anmerken. Auch angesichts von anonymen Drohungen aus dem US-Sicherheitsapparat sagt er über seine Enthüllungen wie schon am Donnerstag: "Es war das Richtige, und ich werde keine Angst haben."

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