Facebook-Pranger Hat Ariane Friedrich recht?

Hochspringerin Ariane Friedrich hat es gereicht: Ein Mann hatte ihr bei Facebook eine obszöne Nachricht geschickt, sie veröffentlichte Namen und Wohnort des mutmaßlichen Täters. Durfte sie das? Drei Fragen, drei Antworten.
Hochspringerin Friedrich: "Es ist Zeit, mich zu wehren"

Hochspringerin Friedrich: "Es ist Zeit, mich zu wehren"

Foto: AFP

Eine Frau wird im Netz Opfer sexueller Belästigung, sie wehrt sich und prangert den Mann auf Facebook an: Über den Fall der Hochspringerin Ariane Friedrich diskutiert Deutschland. Mit seiner Facebook-Nachricht hatte der Mann Ariane Friedrich ein Foto geschickt, mutmaßlich eines seiner Geschlechtsteile. Kombiniert war der Anhang mit einer fröhlichen Werbebotschaft für die auf dem Bild dargestellten Vorzüge, "gerade geduscht und frisch rasiert". Friedrich platzte der Kragen: Sie machte die obszöne Zuschrift öffentlich, mitsamt dem Namen und Wohnort desjenigen, von dessen Account sie die Nachricht erhalten hatte. "Anzeige folgt", endete ihr Facebook-Posting lakonisch.

Mehr als 2200 Menschen haben seitdem auf den "Gefällt mir"-Button unter dem Posting geklickt, mehr als 400 Kommentare sind verzeichnet. In einem weiteren Eintrag erklärte Friedrich, sie habe sich Zuspruch und Kritik "genau durchgelesen". Es sei "natürlich ein großer Schritt, solch eine unverschämte E-Mail öffentlich zu machen", aber ihr sei Derartiges schon wiederholt passiert und sie sei es schlicht leid: "Ich wurde in der Vergangenheit beleidigt, sexuell belästigt, und einen Stalker hatte ich auch schon. Es ist Zeit zu handeln, es ist Zeit, mich zu wehren." Auch dieses Posting wird nun intensiv diskutiert, mehr als 1100 Kommentare haben sich angesammelt. Recht hat sie, sagen die einen, die anderen warnen vor Selbstjustiz und einer Erosion des Rechtsstaats.

Hat Friedrich, die ausgebildete Polizistin ist, mit ihrem öffentlichen Outing womöglich selbst Recht gebrochen? Drei Antworten.

Hat Ariane Friedrich sich mit der Veröffentlichung strafbar gemacht?

Gesetzt den Fall, dass die Nachricht tatsächlich von dem Betreffenden stammt: nein. Wenn es stimmt, was Friedrich schreibt, wenn sie Nachricht und Anhang tatsächlich erhalten hat und der Genannte tatsächlich der Absender ist - dann hat sie keine falsche Tatsachenbehauptung veröffentlicht und sich nicht der Verleumdung schuldig gemacht. Etwas komplizierter würde der Fall, wenn stimmt, was ein von der "Bild"-Zeitung zitierter Mann, der den gleichen Namen wie der Absender trägt, dort zu Protokoll gab: Sein Facebook-Account sei stillgelegt, weil er vor einiger Zeit gehackt worden sei. Selbst dann allerdings würde ein Richter vermutlich nicht davon ausgehen, dass Friedrich hier absichtlich einen Unschuldigen an den Pranger gestellt hat. Eine strafrechtliche Verfolgung wäre demnach eher unwahrscheinlich.

Ist Ariane Friedrich zivilrechtlich belangbar?

Vermutlich ja. Mit der Veröffentlichung des Namens und des Wohnorts hat sie gegen das Persönlichkeitsrecht des Betroffenen verstoßen. Sollte der Mann sich entscheiden, vor Gericht zu gehen, könnte er zivilrechtlich unter Umständen Recht bekommen. Allerdings dürften die besonderen Umstände der Veröffentlichung hier wohl ins Gewicht fallen.

Hat Ariane Friedrich richtig gehandelt?

Legt man, als simpelste ethische Richtschnur, Kants kategorischen Imperativ zugrunde, ist die Antwort eindeutig: Friedrich hätte lieber anders handeln sollen. Wenn jeder, der vermutet, ein bestimmter Anderer habe an ihm eine Straftat verübt, den Namen des mutmaßlichen Täters öffentlich machen würde, wäre das für den Rechtsstaat keine gute Nachricht. Auch in Fällen, in denen die Sachlage eindeutig zu sein scheint, gilt in Deutschland die Unschuldsvermutung und es ist nicht die Aufgabe des Opfers, Rache am mutmaßlichen Täter zu nehmen. Bestrafung ist in einem Rechtsstaat die Sache der Justiz.

Am konkreten Fall lässt sich die Problematik auch ganz praktisch illustrieren: Den Wohnort, den Friedrich in ihr Facebook-Posting schrieb, gibt es in Deutschland gleich dreimal. Allein in einem davon wohnen mindestens zwei Männer mit dem Namen, den Friedrich angab. Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass nun nur aufgrund der Veröffentlichung völlig Unschuldige und Unbeteiligte in Erklärungsnot geraten - und sei es nur ihren Nachbarn und Freunden gegenüber.

cis
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