Assange-Buch "Cypherpunks" Aluhüte unter sich

Das Internet macht uns alle zu Opfern der Geheimdienste, behauptet das Buch "Cypherpunks". Julian Assange, Jacob Appelbaum, Jérémie Zimmermann und Andy Müller-Maguhn wollen damit aufrütteln: Nur Verschlüsselung kann unsere Freiheit retten, raunen sie. Hoffnung haben sie aber kaum noch.

Wenn sich nicht noch dramatisch etwas ändert, dann schlittert unsere Welt gerade in die totale Überwachung: Alles, was wir über das Internet übertragen, ob Gedanken, Geolocations oder Geld, wird für immer gespeichert und ausgewertet. Nur die ganz Schlauen, eine Elite von High-Tech-Rebellen, wird dann noch frei sein. Das ist das Untergangsszenario, das WikiLeaks-Gründer Julian Assange in seinem am Montag erschienenen Buch "Cypherpunks " beschreibt.

Unterstützt wird er dabei von den Internet-Aktivisten Jacob Appelbaum und Jérémie Zimmermann sowie dem Chaos-Computer-Club-Hacker Andy Müller-Maguhn. Der Titel bezeichnet eine Hacker-Subkultur, die seit den achtziger Jahren existiert und für das Recht auf Daten-Verschlüsselung kämpft. Assange und Appelbaum sind Teil dieser Szene, haben selbst Krypto-Software entwickelt.

"Cypherpunks" ist die aufgebohrte Schriftform eines Gesprächs, dass die vier für Assanges Fernsehsendung "The World Tomorrow" im Juni dieses Jahres geführt haben. Da saßen sie bei Whiskey in Großbritannien beisammen und plauderten über Freiheit und die Zukunft des Internets.

"Die vier Reiter der Info-pocalypse"

Diese Zukunft sieht düster aus: Das Internet wird als riesige Spionagemaschine beschrieben, die zur Bedrohung für die menschliche Zivilisation wird. "Dieses Buch ist kein Manifest", heißt es am Anfang, dafür sei keine Zeit: "Dieses Buch ist eine Warnung." Oft verweisen sie dabei auf WikiLeaks, und wie Behörden und Unternehmen der Organisation mal mehr, mal weniger subtil zugesetzt haben.

Dann wieder geht es um generelle Trends: Die Militarisierung des Internets, Zensur, wirtschaftliche Interessen. Regierungen weltweit greifen nach der Netz-Kontrolle, sie beschwören dazu die, wie Appelbaum es nennt, die "vier Reiter der Info-pocalypse": Kinderpornografie, Terrorismus, Geldwäsche und der Kampf gegen einige Drogen. Vieles davon mag stimmen.

Trotzdem liest sich "Cypherpunks" wie eine Sammlung von kommentierten Nachrichten und geraunten Verschwörungstheorien. Es ist das genaue Gegenteil von Journalismus. Da werden Google und Facebook als verlängerte Arme der US-Geheimdienste dargestellt, ebenso die großen Zahlungsdienstleister wie Visa oder PayPal. Und afrikanische Länder bekommen von China Internet-Infrastruktur hingestellt, China greift dann die Daten ab, "als neue Währung".

"Keine sinnvolle demokratische Kontrolle"

Zwar hat das Buch, im Gegensatz zur Fernsehsendung, etliche Fußnoten bekommen, die auf Quellen verweisen - bei viele Behauptungen bleiben die Autoren diese aber schuldig. Vieles könnte stimmen, bleibt aber ungefähres Geraune. Als "Aluhüte" bezeichnen Hacker ihre paranoiden Vertreter. Als Julian Assange hat man vielleicht gar keine andere Wahl, als zum Aluhut zu werden. Die Verfolgung von WikiLeaks ist unbestritten, die Einschüchterungsversuche gut dokumentiert.

So ist es fast nachvollziehbar, dass den Vieren die Grenzziehung zwischen Diktaturen wie dem Mubarak-Ägypten und demokratischen Regierungen mindestens schwerfällt. Zum Glück "glaubt das Universum an Verschlüsselung", so Assange: Es ist einfacher, etwas zu ver- als zu entschlüsseln. Das ist die Chance für Cyber-Rebellen, die Chance auf Freiheit: Codierte Nachrichten, selbst betriebene Speichersysteme, eine dezentrale Währung ohne staatliche Aufsicht wie Bitcoin.

"Wir" brauchen unsere eigene Infrastruktur - nicht US-Konzerne, nicht der Staat - sagen die Cypherpunks, und "wir" brauchen unser eigenes Geld, damit "wir" WikiLeaks unterstützen können, auch wenn "sie" es nicht wollen. Bleibt die Frage, ob die Angst vor dem namenlosen "sie" in demokratischen Staaten wirklich der einzig richtige Ratgeber ist.

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