Assange-Verhaftung WikiLeaks ist kaum zu stoppen

Der Chef ist im Gefängnis, die Finanzkanäle drohen auszutrocknen - kann WikiLeaks ohne Julian Assange überhaupt weiterarbeiten? Die Plattform hat sich für den Krisenfall gerüstet. Und sie scheint stärker denn je.
WikiLeaks-Gründer Assange in London verhaftet: Enthüller ohne Anführer?

WikiLeaks-Gründer Assange in London verhaftet: Enthüller ohne Anführer?

Foto: Facundo Arrizabalaga/ dpa

Hamburg - Julian Assange ist verhaftet und muss bis auf Weiteres in Großbritannien im Gefängnis sitzen. Ihm wird vorgeworfen, in Schweden zwei Frauen vergewaltigt zu haben - was er bestreitet, doch schon das nun bevorstehende langwierige Auslieferungsverfahren hat Folgen für WikiLeaks.

Ist die Organisation ab sofort führerlos?

Ist sie gar in ihrer Existenz bedroht?

Und was bedeutet der Druck, der auch von anderen Seiten kommt - zum Beispiel von Banken und Zahlungsabwicklern, die die Finanzkanäle der Plattform austrocknen könnten?

Die zentralen Fragen zur Lage von WikiLeaks - was der Plattform droht:

Kann man WikiLeaks auf technischem Wege abschalten?

Eines ist nahezu ausgeschlossen: dass die Plattform WikiLeaks in ihrer derzeitigen Form aus dem Netz verschwindet. Denn stündlich kommen weitere gespiegelte Versionen der Web-Seite hinzu - derzeit existieren etwa 750 Kopien des WikiLeaks-Angebotes an unterschiedlichen Stellen im Netz. WikiLeaks ist unter Adressen in Russland und Italien, Deutschland und der Schweiz, Dänemark und Tuvalu zu erreichen. Jede Kopie enthält auch eine Liste anderer Spiegel-Server.

Um all diese Versionen ein- und desselben Angebotes aus dem Netz zu tilgen, bräuchte man eine internationale Kampagne bislang unbekannten Ausmaßes. Die Verbannung von WikiLeaks von Amazon-Servern und die Abschaltung der Internet-Domain wikileaks.org hat die Organisation somit eher gestärkt denn geschwächt. Von der psychologischen Wirkung der Solidarisierung ganz zu schweigen - hier kommt die Hacker-Ethik ins Spiel.

Mit Denial-of-Service-Attacken, die seit zehn Tagen immer wieder gegen die WikiLeaks-Hauptseiten gerichtet wurden, sind die vielen hundert Webserver gleichzeitig kaum mehr anzugehen. Denn solche Attacken verschlingen gewaltige Ressourcen.

Außerdem hat die Organisation eine sogenannte Versicherungsdatei verbreitet - einen verschlüsselten, knapp eineinhalb Gigabyte großen Datensatz voller Dokumente. Er liegt schon jetzt mutmaßlich auf Tausenden Rechnern rund um den Globus gespeichert; der genaue Inhalt ist unbekannt. Falls WikiLeaks funktionsunfähig gemacht würde, soll ein 256 Zeichen langer Schlüssel zu der Datei verbreitet werden.

"Wir müssen nur das Passwort zu dem Material veröffentlichen, dann ist es sofort verfügbar" - so hat Assange die Taktik einmal erklärt. Derzeit bestehen dazu aber keine Pläne. Der US-Sender Fox News zitiert einen WikiLeaks-Sprecher mit den Worten, damit das geschehe, müssten schon gravierendere Ereignisse eintreten.

Geht der Plattform das Geld aus?

Technisch ist WikiLeaks nicht so einfach zum Verschwinden zu bringen - der zweite Ansatzpunkt der Gegner ist, der Organisation die Finanzkanäle auszutrocknen. Hier ist die Plattform in den vergangenen Tagen tatsächlich unter Druck geraten:

  • Schon am Wochenende verkündete der Online-Bezahldienst PayPal in einer dürren Pressemitteilung, man habe das WikiLeaks-Konto mit sofortiger Wirkung eingefroren - weil der Dienst nicht für Aktivitäten genutzt werden dürfe, die "illegale Aktivitäten ermutigen, fördern, erleichtern oder andere dazu anleiten".
  • Mit einer sehr ähnlich lautenden Begründung teilte am Dienstagmorgen auch das Kreditkartenunternehmen Mastercard mit, man werde künftig keine Spenden für WikiLeaks mehr abwickeln.
  • Am Montag hatte außerdem die Schweizer Postbank, bei der ein Konto unter anderem zur Verteidigung von Julian Assange eingerichtet worden war, dieses Konto gesperrt. Begründung: Bei der Kontoeröffnung seien falsche Angaben über Assanges Wohnort gemacht worden.

Nach wie vor in Betrieb ist jedoch beispielsweise das deutsche Spendenkonto bei der Commerzbank. Ein Sprecher teilte auf Anfrage nur mit, man nehme prinzipiell nicht Stellung zu Kundenbeziehungen.

Die Spenden werden über die Wau-Holland-Stiftung  abgewickelt. Sie ist an diesem Dienstag wegen eines Mahnschreibens der Behörden in die Schlagzeilen geraten - dem Regierungspräsidium Kassel zufolge geht es allerdings ausschließlich um einen zu spät eingereichten Rechenschaftsbericht der Stiftung. "Das hat nichts mit WikiLeaks zu tun", sagte Behördensprecher Michael Conrad der Nachrichtenagentur dpa. Hintergrund: Eine Stiftung muss nach Auskunft des Regierungspräsidiums spätestens neun Monate nach Abschluss des Geschäftsjahres ihren Bericht vorlegen, sonst werden Mahnungen verschickt - die erste nach sechs Wochen, die zweite nach weiteren vier Wochen. Danach setzt die Behörde einen Wirtschaftsprüfer ein, der den Bericht auf Kosten der Stiftung erstellt. Ist er in Ordnung, drohen jedoch keine weiteren Konsequenzen.

Fest steht: WikiLeaks finanziert sich vor allem über Spenden. Benötigt werden nach früheren Angaben der Macher mindestens 200.000 Dollar im Jahr (knapp 150.000 Euro), besser noch 600.000 Dollar. Dank mehrerer spektakulärer Veröffentlichungen ist das Spendenvolumen im vergangenen Jahr stark angeschwollen: "Seit Oktober 2009 sind rund 800.000 Euro Spenden eingegangen", sagte Winfried Motzkus, Vorsitzender der Wau-Holland-Stiftung.

Die Stiftung will sich offenbar zur Wehr setzen, falls PayPal die eingefrorenen Gelder nicht wieder weitergibt. Man habe "anwaltliche Schritte" eingeleitet, heißt es in einer Mitteilung . Auch verbitte man sich die Behauptung des Bezahldienstes, "illegale Aktivitäten" zu unterstützen. PayPal wurde demnach aufgefordert, "diese Behauptung von ihrem Firmenblog zu entfernen sowie den berechtigen Zugriff auf das Spendenkonto wiederherzustellen".

Dass WikiLeaks in der aktuellen Situation tatsächlich das Geld ausgehen könnte, erscheint unwahrscheinlich - zumal die Spendenbereitschaft bei den Unterstützern in der derzeitigen Lage wohl eher wachsen als schrumpfen dürfte.

Hat WikiLeaks genug Personal?

Nach Assanges Verhaftung hat die Plattform zunächst keinen prominenten Vorkämpfer in der Öffentlichkeit mehr. Eine große Frage ist: Wie ist WikiLeaks personell aufgestellt?

Als Sprecher der Organisation tritt derzeit vor allem der Isländer Kristinn Hrafnsson auf. Neben ihm existiert wohl ein weiterer innerer Kreis um Assange. Hrafnsson erklärte der Nachrichtenagentur Reuters zufolge, WikiLeaks werde nun von einer Gruppe von Personen in London und an anderen Orten weiterbetrieben.

Über den Twitter-Account der Organisation wurde kurz nach der Verhaftung verkündet, die Polizeiaktion werde die Arbeit der Organisation nicht beeinträchtigen: "Wir werden heute Abend wie üblich weitere Botschaftsdepeschen veröffentlichen."

Selbst einstige Kritiker stellen sich angesichts der derzeitigen Situation auf Assanges Seite. Die isländische Parlamentarierin Brigitta Jonsdottir, die zeitweise dem Projekt eng verbunden war, Assange aber später öffentlich für seinen Umgang mit den Vorwürfen aus Schweden kritisierte, twitterte: "Es liegt an uns, sicherzustellen, dass er nicht in die USA überstellt wird."

Wie reagieren Twitter und Facebook?

Twitter ist für die WikiLeaks-Organisatoren ein idealer Kanal. Über den Kurznachrichtendienst verbreiten sich derzeit alle Äußerungen, die vom offiziellen WikiLeaks-Konto kommen, in rasendem Tempo. Die knapp 426.000 Follower (Abonnenten) tragen dazu bei, dass sich alles schnell um den Globus verteilt.

Das Gute an Twitter: Die Plattform lässt sich von jedem Computer mit Browser, aber auch von jedem Smartphone aus bedienen. Man muss nur das Passwort für den entsprechenden Account haben. Es ist davon auszugehen, dass dieser Zugang bei WikiLeaks einer Reihe von Personen zur Verfügung steht.

Um dieses derzeit effektivste und schnellste Sprachrohr der Organisation abzustellen, müsste Twitter den Account schließen. Nutzer behaupten, das Unternehmen zensiere schon jetzt seine "Trending Topics" - also die Liste der Begriffe, die besonders oder ungewöhnlich häufig in Tweets auftauchen. "WikiLeaks" und "Cablegate" sind dort seit Tagen nicht zu sehen. Twitter bestreitet jedoch vehement, auf die "Trending Topics" Einfluss zu nehmen.

Würde nun der WikiLeaks-Account abgeschaltet, würde der Argwohn vieler Nutzer bestätigt - und das Image von Twitter schwer beschädigt. Es wäre ein Desaster für ein Unternehmen, das stets den eigenen Wunsch nach Offenheit, Transparenz und Austausch hervorhebt.

Das gleiche gilt übrigens auch für Facebook. Auf dieser Plattform kommuniziert WikiLeaks ebenfalls ständig mit seinen Unterstützern.

Wie realistisch ist ein Gerichtsverfahren in den USA?

Die Vorwürfe gegen Assange haben mit WikiLeaks und den Diplomatendepeschen nichts zu tun. Trotzdem argumentieren seine Anwälte mit dem Szenario einer Kettenreaktion: Wenn der WikiLeaks-Gründer nun wegen des Vergewaltigungsverdachts nach Schweden ausgeliefert werde, könnte er von dort weiter in die USA ausgeliefert werden.

Auch Kritiker Assanges sehen dieses Risiko. Die isländische Parlamentarierin Brigitta Jonsdottir, die zeitweise dem Projekt eng verbunden war, Assange aber später für seinen Umgang mit den Vorwürfen aus Schweden kritisierte, twitterte: "Es liegt an uns, sicherzustellen, dass er nicht in die USA überstellt wird." Der isländische Student Herbert Snorrason schrieb: "Zum Thema Assange: Wagt nicht, ihn an die USA auszuliefern."

Tatsächlich haben die USA angekündigt, auf eine Auslieferung Assanges zu dringen. Nur: Derzeit liegt gegen ihn nicht mal eine Anklage vor.

Die "New York Times" formulierte es am Dienstag so: "Während es offenkundig illegal ist, wenn ein Regierungsbeamter mit einer Sicherheitsfreigabe als geheim eingestufte Dokumente an WikiLeaks weitergibt, ist es bei weitem nicht klar, ob es auch illegal ist, wenn die Organisation diese dann publiziert."

Sprich: Niemand weiß genau, ob die Veröffentlichung geheimer Dokumente wirklich illegal und zu bestrafen ist. Juristen streiten seit den ersten Enthüllungen auf WikiLeaks darüber. Und damit auch über die Frage, wie realistisch ein US-Gerichtsverfahren gegen Assange überhaupt wäre.

Fest steht, dass er in Großbritannien mindestens bis zu einer Anhörung am 14. Dezember in Polizeigewahrsam bleiben wird. Eine Kaution verweigerte ihm das Gericht, und er kündigte an, sich gegen eine Auslieferung zu wehren.

Eine lange juristische Auseinandersetzung steht bevor.

mit Material von dpa, AFP
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