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03. Dezember 2010, 14:48 Uhr

Attacken auf Plattform

Internetaktivisten eröffnen Kampf für WikiLeaks

Von und

Eine US-Firma entzieht WikiLeaks seine bekannte Internetadresse, Amazon stellt Dienstleistungen ein, Washington und nun auch Paris machen Druck - der Kampf um die Enthüllungsplattform eskaliert. Netzaktivisten wehren sich, sie sehen die Informationsfreiheit in Gefahr.

John-Perry Barlow, Ex-Hippie, Songtexter, Journalist, Bürgerrechtler und Internetberühmtheit, hat eine klare Position: "Der erste ernsthafte Informationskrieg hat begonnen. Das Schlachtfeld ist WikiLeaks. Ihr seid die Truppen."

Diese martialischen Sätze twitterte Barlow am Freitagmorgen deutscher Zeit. Der Mann ist einer der Gründer der Bürgerrechtsorganisation "Electronic Frontier Foundation" und einer von vielen, die in diesen Stunden Solidarität mit WikiLeaks bekunden. WikiLeaks ist für sie der Underdog, der Streiter für die Informationsfreiheit, der vor Angriffen mächtiger Gegner geschützt werden muss.

Seit am vergangenen Sonntag die Veröffentlichung der gigantischen Sammlung von US-Diplomatendepeschen begonnen hat, scheint WikiLeaks tatsächlich unter Beschuss:

Wie groß der Druck auf Internetunternehmen in den USA inzwischen ist, zeigen Äußerungen des parteilosen, den Demokraten nahe stenden US-Senators Joe Lieberman. Der Vorsitzende des Senatsausschusses für Heimatschutz hatte offenbar bei Amazon interveniert. Lieberman kommentierte Amazons Entscheidung so: "Ich hätte mir gewünscht, dass Amazon diese Maßnahme früher ergreift angesichts der vorherigen Veröffentlichungen klassifizierter Informationen durch WikiLeaks." Der Beschluss solle nun anderen als Beispiel im Umgang mit dem Enthüllungsportal dienen. Keine verantwortungsbewusste Firma in den USA oder anderswo solle WikiLeaks helfen, gestohlene Informationen zu verbreiten, die "die nationale Sicherheit aufs Spiel setzen und weltweit Leben gefährden".

Assange selbst stellt sich nun auf den Standpunkt, man habe Amazon ohnehin nur testen wollen. In einer Online-Fragestunde des britischen "Guardian" schrieb er: "Seit 2007 haben wir manche unserer Server absichtlich in Hoheitsgebieten platziert, in denen wir ein Meinungsfreiheitsdefizit vermuteten, um Rhetorik von Realität zu unterscheiden. Amazon war einer dieser Fälle."

"Stabilität der Infrastruktur bedroht"

Nach dem Amazon-Beschluss liegen die Daten von WikiLeaks inzwischen weitgehend wieder auf den Servern des schwedischen Unternehmens Bahnhof, außerdem in Frankreich bei OVH und möglicherweise auch noch an anderen Orten verteilt. Inwieweit der Entzug der Adresse wikileaks.org durch EveryDNS mit politischem Druck zu tun hat, ist nicht ersichtlich. Der DNS-Provider ist eine Art Übersetzungsdienst: Er verknüpft Domainnamen wie spiegel.de mit der eigentlichen Internet-Adresse, der IP-Nummer (bei SPIEGEL ONLINE: 195.71.11.67). Wenn dieser Dienst nicht mehr funktioniert oder wie bei wikileaks.org abgeklemmt wird, finden viele Nutzer den Weg nicht mehr auf die Seite - weil sie die kryptische IP-Nummer der Seite nicht kennen (bei WikiLeaks: 213.251.145.96). EveryDNS begründet seinen Schritt mit den Hacker-Attacken, denen WikiLeaks seit Sonntag immer wieder ausgesetzt sei: "WikiLeaks.org ist Ziel mehrfacher distribuierter Denial-of-Service-Attacken. Diese Angriffe haben die Stabilität der Infrastruktur von EveryDNS.net bedroht, von der beinahe 500.000 andere Websites abhängen, und würden das auch weiter tun."

Bei DDoS-Attacken werden Server durch eine Vielzahl automatisch gesteuerter, gleichzeitiger Anfragen aus dem Netz ausgebremst und im schlimmsten Fall komplett lahmgelegt. Üblicherweise werden solche Angriffe mit Hilfe sogenannter Botnets ausgeführt - großen Netzwerken aus Rechnern, die durch eingeschleuste Schadsoftware ferngesteuert werden können. Die Besitzer dieser Rechner merken oft nicht einmal, dass ihre Computer Teil eines Großangriffs sind.

Von wem die Hackerattacken ausgehen, darüber kann man derzeit nur spekulieren. Zwar bekannte sich ein US-Hacker mit dem Künstlernamen The Jester schon am Sonntag dazu. Doch Prahlen und Angeben gehört für manche Hacker durchaus zum Handwerkszeug - und wer hinter The Jester tatsächlich steckt, ist unbekannt. Außerdem machte der Hacker in Blog-Einträgen und Kurznachrichten klar, dass er keine DDoS-Attacken und Botnetze verwendet, sondern ein anderes, von einem Rechner aus gesteuertes System. Vielerorts wird auch spekuliert, US-Geheimdienste könnten hinter den Attacken stecken - doch für keine der Theorien gibt es derzeit Belege.

Es gibt viele WikiLeaks

Die Unterstützer von WikiLeaks haben ohnehin vorgesorgt. Diverse Internetadressen wie wikileaks.ch sind eingerichtet, um Nutzer nach wie vor verlässlich zur Seite der Enthüllungsplattform zu bringen.

Auch wikileaks.de ist registriert - von Theodor Reppe, der in Freiburg als Systemadministrator arbeitet. Er habe die Adresse schon "kurz nach der Gründung des Projektes 2006" übernommen, sagt er. Er sei auf die Plattform aufmerksam geworden und wolle sie unterstützen. wikileaks.de zu unterhalten, koste ihn nur "wenige Euro im Jahr". Er habe die Adresse einfach sichern wollen, "weil es heute ja schnell geht, dass solche Domains weggefangen werden". Mit WikiLeaks habe er ansonsten nichts zu tun. Einmal habe er zwar Besuch von der Polizei bekommen, 2009, als die Plattform Sperrlisten eines australischen Internetfilters publizierte. Doch die damals von den Behörden angestrebte Schließung der de-Adresse habe sich nicht durchsetzen lassen.

Reppe will nun sicherstellen, dass der DNS-Eintrag für wikileaks.de direkt beim zentralen deutschen Domainregistrar Denic registriert wird. Dort sei man durch gewaltige Kapazitäten auch für DDoS-Attacken gerüstet, sagt Reppe: "Da geht das dann hoffentlich im Grundrauschen unter."

"Feigheit und Unterwürfigkeit"

Reppe ist einer von vielen mehr oder minder stillen Unterstüztern von WikiLeaks. In diversen Internetforen wird derzeit zum Boykott des Internethändlers Amazon aufgerufen, weil er sich durch die Aussprerrung von WikiLeaks auf die Seite der Mächtigen gestellt habe.

Der Ökonom Daniel Ellsberg, der mit den "Pentagon Papers" einst die Verfehlungen der US-Regierung im Vietnamkrieg öffentlich machte, schrieb einen offenen Brief an Amazon und dessen Gründer Jeff Bezos. Er sei "angewidert von Amazons Feigheit und Unterwürfigkeit", weil der Online-Händler "angesichts der Drohungen von Senator Joe Lieberman und anderen Rechtsaußen im Kongress" WikiLeaks die Tür gewiesen habe. Ellsberg kündigte an, Amazon ab sofort zu boykottieren, und rief andere auf, es ihm gleichzutun. Das Vorgehen der US-Politik und Amazons erinnere ihn an die Internetzensur in China.

Über Twitter wurden am Freitagvormittag deutscher Zeit im Minutentakt alternative IP-Adressen und Domains für WikiLeaks weitergereicht, es gab Spendenappelle und weitere Boykottaufrufe gegen Amazon. Eine Seite unter der Adresse wikileaks.info listet zehn Alternativadressen auf, die alle auf die Original-IP-Adresse von Wikileaks verweisen. Darunter stehen drei weitere, andere IP-Adressen, unter denen das gesamte Angebot der Plattform oder Teile davon gespiegelt werden - sogenannte Mirror Sites.

Dass WikiLeaks durch DDoS-Attacken und öffentlichen Druck zum Verschwinden gebracht werden kann, scheint derzeit nicht wahrscheinlich.

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