Sascha Lobo

Rushdie-Attentat Der deutsche Umgang mit Islamismus ist erbärmlich

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Salman Rushdie wurde Opfer eines Islamisten, weil Irans Führung einen weltweiten Mordaufruf aussprach, noch bevor der Täter geboren wurde. In Deutschland aber verharmlosen Konservative wie Linke den Terrorstaat.
Salman Rushdie wird schwerverletzt zu einem Rettungshubschrauber getragen.

Salman Rushdie wird schwerverletzt zu einem Rettungshubschrauber getragen.

Foto: @HoratioGates3 / EPA

Wie kann es sein, dass die Gefahr des Islamismus noch immer von so vielen Menschen unterschätzt wird? Wird sie doch gar nicht, entgegnen irgendwelche Leute, die sicherlich bei jedem islamistischen Terroranschlag in den letzten zehn Jahren eine Kerze angezündet haben, zumindest in Gedanken. Faktisch aber ist der deutsche Umgang mit Islamismus nichts weniger als erbärmlich, wie man zum Beispiel am islamistischen Terrorstaat Iran zu erkennen vermag.

Salman Rushdie wurde Opfer eines Islamisten, weil die iranische Führung einen weltweiten Mordaufruf aussprach , bevor der Täter überhaupt geboren wurde. Der iranische Staat, der Frauen unterdrückt, Minderheiten verfolgt, Homosexuelle und Oppositionelle ermordet. Der iranische Staat, der Israel zum Erzfeind erklärt und die Auslöschung des Staates gefordert hat. Der offenbar nach der Atombombe strebt, Terror strategisch unterstützt und finanziert, zum Beispiel die palästinensische Terrororganisation Hamas.

Und trotzdem ist Deutschland nach wie vor mit viel Enthusiasmus wichtigster Handelspartner Irans in der EU. Man möchte gut miteinander zurechtkommen. Das mit der möglichen Atombombe nimmt man offenbar weniger ernst, was soll schon passieren, die Menschenrechtsverletzungen, na ja, tun andere auch. Tara Sternenrot , deutsch-iranische Aktivistin mit einem scharfen Blick für rechtsextreme wie islamistische Verwerfungen der Gegenwart, sagt im Gespräch auf die Frage nach den Gründen: »Im Hinblick darauf, dass Iran der Staat mit der zweitgrößten Erdgasreserve der Welt ist, schielt Deutschland sicherlich auch auf weitere Energiereserven. In Iran ist seit 34 Jahren offiziell Frieden – eine beachtliche, scheinbare Stabilität in dieser Region, was für künftige wirtschaftliche Zusammenarbeit spricht. Der Frieden ist Fassade, der islamistische Terror reicht bis in die USA.«

Die offensichtliche Akzeptanz des Islamismus ist breit gefächert. Aber meine These wäre, dass die beiden großen politischen Richtungen in Deutschland, der Konservatismus und die Linke, jeweils eigene, spezifische Verharmlosungs- und Veregalungsstrategien entwickelt haben. Die schlichte, konservative Variante der Islamismus-Akzeptanz besteht meiner Vermutung nach aus einer Mischung aus Egoismus und Rassismus. Das heißt nicht, dass sämtliche Konservative so sind – nur diejenigen, die beim Islamismus so bereitwillig wegsehen.

Der Egoismus flüstert ihnen ein: Hauptsache es herrscht Stabilität, dann sind Investitionen und Handelspartnerschaften sicher und wir können allerbeste Geschäfte machen, irgendwie muss der Titel »Exportweltmeister« ja zurück in deutsche Hände gelangen. Und ihr Rassismus bewirkt, dass sie sich nicht wirklich für »diese Leute« interessieren. Irgendjemand wird unterdrückt, verfolgt, ermordet? Ach, bei »denen« ist das doch an der Tagesordnung, kein Grund, gleich Konsequenzen zu ziehen, die ersten und häufigsten Opfer von Islamismus sind ja meistens Muslime. Und eigentlich geht es uns nichts an, jedenfalls solange »die« nicht vor Europas Tür stehen. Totalitäre Regime haben diesbezüglich ja den Vorteil, dass sie ihre Leute kontrollieren. So lässt sich aus konservativer Sicht prima mit irgendwelchen islamistischen Staaten kooperieren.

Deutsche Linke dagegen haben ihre eigenen Rituale und Realitätsverbiegungen entwickelt, um Islamismus weniger schlimm finden zu können. Islamismus ähnelt dem Faschismus, er basiert auf Menschenfeindlichkeit gegen Frauen, gegen sexuelle und geschlechtliche Minderheiten, gegen Nichtgläubige und Juden, gegen beinahe alle, deren Kampf für Menschenrechte in den letzten 150 Jahren als »links« betrachtet worden ist.

Die linke Solidarität schließt auch die Mörder von der Hamas ein

Da sollte man meinen, dass die Nähe zur Linken nicht besonders tragfähig ist. Leider ist das Gegenteil der Fall. Das kann man besonders gut im Konflikt zwischen Israel und der islamistischen Terrororganisation Hamas erkennen, wo linke Solidarität mühelos auch die islamistischen faschistoiden Mörder eben dieser Hamas mit einschließt. Von Links wird manchmal sogar der Kampf gegen Islamismus in den jeweiligen Ländern diskreditiert.

Kürzlich ist in der »taz« das Meinungsstück einer Frau erschienen , die einen knalldeutschen Namen trägt. Sie verspottet die mutigen Frauen in Iran, die öffentlich ihre Zwangskopftücher ablegen und Gefängnis, Schläge und Schlimmeres riskieren. Sie spielt die dortige Unterdrückung der Frauen herunter, vergleicht den islamistischen Zwang zur Verhüllung – etwas antilinkeres kann man sich kaum vorstellen – mit dem Kopftuch katholischer Nonnen. Dann erklärt sie noch, dass in Iran ja auch Männer gewissen Kleidungszwängen unterliegen würden, und man ist dann einfach nicht mehr überrascht, dass sie selbst an Saddam Hussein noch etwas Positives findet, der habe im Irak schließlich einen, wie sie selbst in Anführungszeichen schreibt, »Staatsfeminismus« praktiziert.

Liberale muslimische, jesidische und wahrscheinlich die meisten migrantischen Aktivist*innen fühlen sich regelmäßig in ihrem Kampf gegen islamistischen Faschismus von der weißdeutschen Mehrheitsgesellschaft und eben besonders von der weißdeutschen Linken alleingelassen. Ganz zu schweigen von Juden und Jüdinnen, deren Verzweiflung mit der deutschen Islamismus- und Antisemitismus-Bräsigkeit sich dem Siedepunkt nähern dürfte. Weil islamistischer Antisemitismus, insbesondere israelbezogener Antisemitismus, in Deutschland oft achselzuckend hingenommen oder gar, zur »Israelkritik« umgedeutet, unterstützt wird.

Worin aber liegt der unbändige Islamismus-Verharmlosungswunsch so vieler weißdeutscher Linker? Meine These wäre: Die Schlüsselzutaten sind Bequemlichkeit – und wiederum Rassismus. Rassistische Stereotype und Verhaltensweisen sind eben nicht nur rechts zu finden, sie sind tief in die Gesellschaft eingewoben und finden sich deshalb auch in linken Köpfen. Was eigentlich geschehen müsste, erklärt die Soziologin Natasha Kelly , sie sagt, dass wir »Rassismus auch als Struktur, das heißt, als historisch gewachsene Kontinuität einer lange andauernden rassistischen Ideologie lernen müssen zu verstehen«.

Was deutsche Linke zu oft stattdessen machen: Sie präsentieren ein paar symbolische Aktionen, um bloß nicht als rassistisch zu gelten. Auf die tatsächlich betroffenen Menschen kommt es dabei überraschend selten an. Und eine dieser symbolischen Aktionen, mit denen man sich – ohne jedes Hinterfragen der eigenen, eventuell rassistischen Denkstrukturen – als nichtrassistisch fühlen kann ist prinzipiell die Schnauze halten, wenn es um potenziell Rassismus-Betroffene geht. Als könnten Opfer von wirklich existierendem, strukturellem Rassismus nicht zugleich Täter in Sachen Menschenfeindlichkeit sein. Was bedeutet, dass manche weißdeutsche Linke über Islamismus hinwegsehen aus Furcht, sich dann nicht mehr selbst den Orden des weißen Nichtrassismus anheften zu können.

Im Zweifel Rassismusvorwürfe aushalten

Längst haben Islamisten durchschaut, dass die panische Angst vieler Linker, sich mit dem eigenen, eben oft vorhandenen Rassismus auseinanderzusetzen, diese sehr anfällig macht für entsprechende Vorwürfe. Deshalb missbrauchen Islamisten den Rassismusvorwurf manchmal geschickt für ihre Propaganda, eines der bekannteren Beispiele ist von 2019. Der damalige, scheinbar toleranzgetriebene Hashtag #NichtOhneMeinKopftuch stammte in Wahrheit zu einem großen Teil von Sympathisant*innen der islamistischen Bewegungen »Generation Islam«, deren Umfeld laut Verfassungsschutz ein weltweites Kalifat anstrebt . Aber für eine qualifizierte, nichtrassistische Kritik am Islamismus von nichtmigrantischen Linken müsste man sich einerseits näher mit der gesamten, komplexen Thematik beschäftigen und mit Islamismus-Betroffenen sprechen. Und andererseits müsste man im Zweifel Rassismusvorwürfe aushalten oder sich gar näher damit auseinandersetzen. Beides ist viel zu aufwendig, wenn man eigentlich nur ungestört seinem Vorzeige-Linkssein nachgehen will, mit dem wohligen Gefühl, ganz sicher kein Rassist zu sein.

Und so ergänzen sich die bräsig-kapitalistische Islamismus-Akzeptanz von Konservativen und die oberflächlich-egozentrische Islamismus-Akzeptanz von Linken zum großen, deutschen Islamismus-Schweigen. Deshalb können zum Beispiel die von der Ditib – also letztlich von Recep Tayyip Erdoğan – kontrollierten, fast tausend Moscheen in Deutschland entspannt weiter den Kurs in Richtung Radikalisierung verfolgen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, stattdessen darf die islamistische Ditib sogar den Unterricht an deutschen Schulen mitgestalten.

Deutsche Unternehmen machen mit dem Segen der Bundesregierung weiterhin Geschäfte mit Iran, der Israel weiterhin als seinen Feind betrachtet und möglicherweise fieberhaft an der Atombombe arbeitet. Und deshalb musste Salman Rushdie nach den Messerstichen nicht nur die Verhöhnung der verantwortlichen, iranischen Führung, sondern zusätzlich auch noch eine mittelgroße Zahl deutscher, vollständig konsequenzenloser Betroffenheitstweets erdulden. Schwer zu sagen, was am meisten schmerzt.

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