Sascha Lobo

Attentat von Hanau Die migrantische Wut darf nicht länger ignoriert werden

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Ein Jahr nach dem mörderischen Attentat von Hanau stellt sich eine unbequeme Frage: Wie ernst ist es der weißdeutschen Mehrheitsgesellschaft mit ihrem Antirassismus?
Völlig inakzeptabel, von »Einzeltäterschaft« zu sprechen: Gedenkveranstaltung in Hanau

Völlig inakzeptabel, von »Einzeltäterschaft« zu sprechen: Gedenkveranstaltung in Hanau

Foto: Boris Roessler / dpa

Wenn sich am 19. Februar das mörderische, rassistische Attentat von Hanau zum ersten Mal jährt, dann jährt sich auch ein Symbol der Ausgrenzung. Nicht, dass in Deutschland alles schlecht wäre, was den gesellschaftlichen Fortschritt gegen Rassismus angeht. Es ist immerhin ein Bewusstsein gewachsen, das vor fünfzehn Jahren in dieser Form kaum vorhanden war. Aber Hanau steht für alles, was schlecht ist.

Die Empfindung vieler migrantischer Gemeinschaften ist, dass Fatih Saraçoğlu, Gökhan Gültekin, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Mercedes Kierpacz, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz und Vili-Viorel Păun als Terroropfer zweiter Klasse  gesehen werden. Viele, vielleicht die meisten Knalldeutschen haben bisher nicht begriffen, wie tief, wie radikal, wie allerschütternd sich Hanau in migrantische Köpfe eingebrannt hat, wie sonst wohl nur die Terrorserie des NSU samt der katastrophalen Aufklärungsversuche der Polizei, bei der Opfer vertätert wurden .

Kein Zufall, natürlich nicht, dass der Vater des Hanauer Massenmörders die Opfer »Täter« nennt  und seinen Sohn als »Opfer« einer Verschwörung sieht. Die Täter-Opfer-Umkehr gehört zum wichtigsten Werkzeug des Rassisten, der die bloße Existenz nichtweißer Menschen als Angriff auf sich und sein Weltbild interpretiert. Gegen das er sich ja bloß wehrt. Die Hinterbliebenen haben gegen den Vater eine Anzeige wegen Beihilfe zum Mord gestellt. Der Sohn war dem Vater nahezu hörig, ein Psychiater sprach von einer »zu zweit ausgelebten, psychotischen Störung«. Es gibt viele Hinweise auf eine mögliche Mittäterschaft – wenigstens ideell – des Vaters, der wie sein Sohn ein eindeutig rassistisches Weltbild hat. Er hat sich bei seinen Aussagen in teils hanebüchene, durch Zeugenaussagen aufgedeckte Widersprüche verwickelt. An der Kleidung des Vaters wurden Schmauchspuren gefunden, er könnte sogar am Mord an seiner Frau, der Mutter des Attentäters beteiligt gewesen sein. Trotzdem wollte und wollte die Staatsanwaltschaft keine näheren Ermittlungen aufnehmen. Was wiederum die Skepsis dramatisch verstärkt: Wäre ähnlich irritierend auch bei Opfern mit den Namen Schmidt, Meier, Steinhausen ermittelt worden?

Es ist gar nicht so wichtig, wie man diese Mutmaßung beantwortet. Allein, dass die Frage sich derart aufdrängt und dass so viele Rassismusbetroffene von dieser Benachteiligung überzeugt sind, deutet auf ein unterschätztes Massengefühl hin: eine migrantische Wut.

Eine Wut, die durch den rassistischen Terror von Hanau, das darauf folgende, verhaltene Echo in der deutschen Öffentlichkeit und die unzureichende, beinahe halbherzige Aufklärung der Behörden  und ihres möglichen Versagens eine neue Ebene erreicht hat. Es handelt sich um eine Wut, die zwischen leisem Brodeln und eruptiven Ausbrüchen viele Formen annehmen kann. Nur verschwinden wird sie nicht von allein, denn sie ist in erster Linie eine Reaktion auf rassistische Strukturen, rassistische Erlebnisse, rassistische Personen, die vielen Betroffenen immer wieder begegnen. Natürlich ist auch Unfug, die migrantisch geprägten Teile der Gesellschaft als monolithischen Block zu betrachten, der sich gefälligst in seine Opfersituation gnädig einzufügen hat. Eine Haltung, die übrigens auf der linken Seite oft vorkommt und ungefähr das Gegenteil von sinnvoller Integration bedeutet. Aber das ändert nichts daran, dass in Hanau die Auswahl des Tatorts und der Opfer offensichtlich rassistisch motiviert waren. Wogegen innermigrantische Vielfalt exakt nichts ausrichten kann.

Der Anschlag von Hanau wurde, das wissen wir aus den hinterlassenen Schriften und Videos des Täters, mit ausgelöst durch eine Gemengelage rassistischer Verschwörungstheorien. Durch Corona ist offenbar geworden, wie verstörend groß die Bereitschaft unter Weißdeutschen ist, solchen Rassismus als tolerierbar zu betrachten. Deshalb gehen scheinlinke Impfgegnerinnen oder scheinliberale Corona-Maßnahmen-Gegner gemeinsam mit Nazis auf die Straße. Die migrantische Wut speist sich aus genau solchen Erkenntnissen: Im Zweifel meint ihr euren Antirassismus nicht wirklich ernst.

Dazu gehört auch, dass die weiße Mehrheitsgesellschaft durch eine Vielzahl kleiner, oft nicht einmal absichtsvoller Kniffe das Rassismusproblem als weniger gravierend darstellt. In den letzten Jahren zum Beispiel war oft von »Hass im Netz« die Rede. Diese Wendung dient leider oft der Verschleierung, denn in den meisten Fällen steht hinter »Hass im Netz« eigentlich eine Trias der Menschenfeindlichkeit, bestehend aus Sexismus, Antisemitismus und Rassismus. Aber Hass ist ein Gefühl, während Rassismus auf gesellschaftlichen Strukturen fußt. Jedes Mal, wenn offener Rassismus als »Hass im Netz« bezeichnet wird, nimmt sich die weiße Mehrheitsgesellschaft selbst aus der Verantwortung.

Wenn ich heute mit Menschen, die eine migrantische Wut spüren, über Hanau spreche, dann begegnet mir hinter dieser Wut auch Fassungslosigkeit. Sie changiert zwischen den Polen »Woher kommt nur diese dumpfe Ablehnung?« und »Wollt ihr mich eigentlich fucking verarschen?«. Hanau ist zu einem Zeichen geworden, dass Rassismus in Verbindung mit netzbasierten Verschwörungstheorien und der fehlenden Sensibilität der weißdeutschen Mehrheitsgesellschaft jederzeit mörderisch werden kann. Dass ein amtsbekannt psychisch kranker Rassist gleich zwei Waffenbesitzkarten haben kann, trägt enorm dazu bei. Ebenso wie der Klang des Wortes »Shishabar« in nicht wenigen Teilen der Medien, bei dem die vermeintliche Zwielichtigkeit zwischen den Silben hervorquillt, mit dem schalen Beigeschmack »irgendwie selbst schuld«. Was dem Sexisten der kurze Rock, ist dem Rassisten die Shishabar. In tiefbraunen Ecken des Netzes wird der Attentäter zwar als »verrückter Einzeltäter« verlacht, weil er in seinem Manifest äußerst krude, mutmaßlich pathologisch begründete Absurditäten geäußert hat. Aber zugleich wird Hanau dort als Muster einer ethnischen Säuberungsfantasie betrachtet. Weshalb es völlig inakzeptabel ist, von »Einzeltäterschaft« zu sprechen, weil so suggeriert wird, dass zwischen Hanau und gesellschaftlich verbreitetem Rassismus kein Zusammenhang bestehe.

Wie sollen Rassismusbetroffene eigentlich nicht wütend werden?

Die niederländische Anthropologin Philomena Essed hat schon 1991 in ihrer Studie »Alltagsrassismus verstehen« beschrieben, wie demütigend eine derart vielgestaltige Benachteiligung sein kann. Wie tief sich die rassistische Diskriminierung in das Denken, die Überzeugungen, die Handlungen eingefräst hat. Wenn man weiß ist, muss man sehr, sehr aufmerksam sein, um auch nur einen minimalen Bruchteil davon wahrzunehmen. Wenn man nicht weiß ist, gibt es eine größere Chance, die rassistischen Strukturen unausweichlich erleben zu müssen, manchmal auch an überraschenden Stellen. Eines der Beispiele, die mir insbesondere für eher skeptische Weiße am überzeugendsten erschienen, ist der rassistische Seifenspender . Die weiße Hand wird unter den berührungslosen Seifenspender gehalten und bekommt augenblicklich einen vollen Strahl Schaum. Die schwarze Hand wird nicht als Hand erkannt und von der Maschine ignoriert.

Um eine aktuellere, sehr konkrete Dimension in Deutschland zu beschreiben: Der Bayerische Rundfunk und der SPIEGEL untersuchten 2017 den Mietmarkt in der Studie »Hanna und Ismail« . Dabei bekamen Vermieter absolut identische Wohnungsbewerbungen – bis auf die jeweiligen Namen, die unter anderem knalldeutsch, arabisch oder türkisch waren. So wurde bundesweit eine teilweise dramatische Diskriminierung sichtbar, in München bekamen Bewerber mit ausländischem Namen 46 Prozent weniger Einladungen zur Wohnungsbesichtigung. Wie soll man dabei eigentlich nicht wütend werden, erst recht, wenn man erahnt, dass ähnliche Mechanismen von der Jobbewerbung über die Kreditvergabe bis zur Behandlung durch staatliche Institutionen wie die Polizei  am Werk sein dürften?

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Die migrantische Wut kann man auch als Chance betrachten – als zu ergreifende Chance für die weißdeutsche Mehrheitsgesellschaft. Denn so dreht sich die Fließrichtung der Verantwortlichkeit um, bisher war Rassismus ein Problem vor allem für Nichtweiße und dadurch für Weiße oft unsichtbar oder besser: ignorierbar. Die migrantische Wut aber, wie sie sich nach und durch Hanau massiv entladen hat, tritt so eindeutig als Reaktion auf Rassismus auf, dass sie zu übersehen keine echte Option mehr darstellt. Es sei denn, man findet ein klitzekleines bisschen Rassismus dann doch irgendwie akzeptabel, und sei es nur als »kleineres Übel«. In der Folge zwingt die migrantische Wut die weißdeutsche Mehrheitsgesellschaft dazu, sich zu positionieren. Wenn man sich dann mehr über die migrantische Wut selbst erregt als über den mörderischen Rassismus wie beim Attentat von Hanau – zeigt man, wo man steht.