Sascha Lobo

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Wir sind Terroregozentriker

Der Anschlag von Würzburg zwingt uns auch zur Auseinandersetzung mit uns selbst. Kolumnist Sascha Lobo hat fünf reflexhafte Reaktionen ausgemacht, die als Spiegel der Persönlichkeit für jeden Einzelnen dienen.

Der erste Anschlag einer neuen Art in Deutschland, offenbar junger Täter, muslimischer Flüchtling, scheinbar gelungene Integration, Blitzradikalisierung, Alltagswaffe. Das Amokattentat scheint eine neue, heraufziehende Gattung des Terrors zu sein, politische, religiöse und psychische Faktoren wirken vereint. Es lässt sich jetzt schon abschätzen, dass diese Art von Tokktai-Terror  viel verändern wird, in seiner Wirkung auf die Gesellschaft.

Eine Vorahnung lässt sich an den Reaktionen in sozialen Medien erkennen. Nur wenige Stunden nach dem Anschlag kursierte bereits das reflexartig konstruierte Hashtag #PrayForGermany im Netz. Die Introspektion, der Blick nach innen, hilft mir dabei, diese und andere Reaktionen besser zu verstehen.

Wenn ich mir gegenüber ehrlich bin, nehmen mich Anschläge in Westeuropa mehr mit als die im Irak, im Südsudan, in Bangladesch. Ich würde das gern anders empfinden und ein Bild von mir als einer Person zeichnen, die, um ermordete, unschuldige Menschenleben immer gleich zu trauern in der Lage ist, egal wo auf der Welt sie zu beklagen sind. Aber nach Nizza war ich zwei Tage benommen.

Nach dem Bombenattentat in Bagdad  ein paar Tage zuvor erfuhr ich von fast 300 Toten und ging später am Tag in der Natur spazieren und sah bunten Schmetterlingen zu. Offensichtlich ziehe ich konzentrische Kreise der Betroffenheit um mich herum. Meine Betroffenheit enthält ohne Zweifel Mitleid, ich bin ein empathischer Mensch. Aber es hilft nicht, das zu leugnen - sie enthält auch Selbstmitleid. Zu beschreiben mit einer verstörenden Gleichung: Wie sehr mich ein Attentat mitnimmt, wird auch definiert durch die gefühlte Wahrscheinlichkeit, dass ich Opfer hätte sein können. Selbsterkenntnis: Ich bin Terroregozentriker, und ich kann offenbar kaum anders.

Anhand der Reaktionen in sozialen Medien stelle ich die These auf, dass dieser Terroregozentrismus überall ist, in allen Köpfen - in sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Das würde nebenbei auch die geringe Anteilnahme der deutschen Öffentlichkeit an den Anschlägen in der Türkei erklären. Ich habe mit türkischen Deutschen gesprochen, die verwundert bis verletzt waren, dass fast alle Paris und Brüssel waren, aber kaum jemand ohne türkische Wurzeln war Istanbul oder Ankara. Was war noch mal in Ankara? Ja, exakt. In den letzten neun Monaten wurden allein in Ankara mit drei Bombenattentaten  fast 200 Menschen ermordet. Das ist nicht nur ein Zeichen des mangelnden Integrationswillens der deutschen Öffentlichkeit, was die über drei Millionen Türkischstämmigen in Deutschland angeht. Es verdeutlicht auch, wie flächendeckend selbstbezogen die Wahrnehmung des Terrors ist. Terroregozentrik ist aber bis zu einem gewissen Grad normal. Denn die erste Reaktion ist die Überprüfung der potenziellen Selbstbetroffenheit.

So erklären sich auch die Reaktionsmuster auf den Axt-Angriff bei Würzburg, dessen neue Qualität die Nähe ist. Fünf Kategorien habe ich beobachtet, alle erscheinen mir reflexhaft. Dafür muss man den sozialen Medien dankbar sein, durch ihre situative Geschwindigkeit, ihre dokumentierte Emotionalität, ihre Sofort-Allgegenwart in jeder Jackentasche halten sie Gefühle und Gedanken fest, die sonst kaum analysierbar wären: "Der kollektive Schockmoment als Spiegel der Persönlichkeit für jeden einzelnen."

1. Der Mitgefühl-Reflex

Die meisten Reaktionen drücken verschiedene Formen von Mitgefühl und Trauer aus.

Nachvollziehbar, Mitleid mit unschuldigen Opfern ist gesellschaftlich akzeptiert, oft gefordert. Der Anteil der Selbstbetroffenheit durch Nähe wird erst im Kontrast deutlich, wenn zu Würzburg Bestürzung geäußert wird, zu islamistischen Morden in Israel, in der Türkei, im Sudan aber nicht. Der Mitgefühl-Reflex findet dabei auffällig oft formelhaft statt. Hilflosigkeit mischt sich in die Traurigkeit, es fehlen die Worte, man greift in der Erschütterung auf Phrasen zurück, eine ungewollte Illustration der Beliebigkeit. Abnutzung, Abstumpfung lässt sich beobachten, ich nehme sie in Ansätzen auch bei mir wahr, ein Schutzmechanismus, eine emotionale Hornhaut. Der Mitgefühl-Reflex ist aber auch eine Art emotional-moralischer Ablasshandel gegenüber der Öffentlichkeit. Mitgefühl offen zu zeigen bedeutet neben Anteilnahme auch Bewältigung und Selbstentlastung, darin liegt diese milde Form der Terroregozentrik.

2. Der Aufrege-Reflex

Sofort ist Wut da, Empörung, Aufregung. Zu Recht, eine islamistische Terrorattacke muss auch betrachtet werden als Angriff auf "die Ungläubigen", wie es mit der mörderischen Anmaßung religiöser Terroristen heißt. Wenn man nicht wütend ist auf die Ermordung Unschuldiger, hier im Namen eines islamistischen Faschismus, worauf dann? Auch hier schwingen Ambivalenzen mit, auch hier werden sie erst in der Gesamtschau deutlich. Wer sich nur über den islamistischen Axt-Angriff erregt, aber ähnlich nahe, nicht-islamistische Gewalttaten unbeteiligt zur Kenntnis nimmt, kann in eine Falle des Zynismus laufen. Selektive Wahrnehmung ist zwar normal, aber ohne entsprechendes Bewusstsein zugleich die Grundlage von Vorurteilen. Mit Aufregung, Wut, Empörung zu reagieren, beinhaltet daher die Möglichkeit der Instrumentalisierung, sowohl durch Rechtsextreme wie auch durch Islamisten. Denn beiden ist an der Polarisierung "Wir gegen die" gelegen. Der an sich gute und notwendige Aufrege-Reflex ist damit eine Form von Bewältigung, die zum Teil einer Aufschaukelung werden kann. Wer diesem Reflex freien Lauf lässt, zeigt seine Ohnmacht am deutlichsten. Man empfindet die Bedrohung der eigenen Welt - und schreit sie hinaus in die digitale Öffentlichkeit, wo die Chancen quasi null sind, die eigentlichen, terroristischen Adressaten zu erreichen. Der Aufrege-Reflex ist die Transformation von Trauer in Wut, weil Wut ein Ziel hat und sich anfühlt, als täte man etwas.

3. Der Täterschutz-Reflex

Ein verstörender Reflex, der sich politisch rechts wie links (und besonders im islamistischen Milieu) beobachten lässt. Im Fall des Axt-Angriffs eher von links oder vermeintlich links, wo neben der Andeutung des Opfer-Mitgefühls sofort die Frage nach der Verhältnismäßigkeit des Schusses gestellt wird. Das ist in einem Rechtsstaat prinzipiell nicht falsch - aber einer der meistunterschätzten Faktoren der Kommunikation ist Timing. Und der Zeitpunkt unmittelbar nach einer Tat macht aus einer legitimen Frage eine täterschützende Anmaßung. Gerade in Verbindung mit der Unkenntnis der Details zu diesem Zeitpunkt. Der Täterschutz-Reflex entspricht dem Mitgefühl-Reflex auf Speed, indem es das Mitgefühl auf den "armen Täter" ausdehnt, manchmal sogar konzentriert. Die entsprechenden Personen scheinen die Verantwortung des Einzelnen zu wenig anzuerkennen. Die Idee von "Die Gesellschaft ist immer schuld" treibt den Täterschutz-Reflex, was fatal ist, weil zwar eine gesellschaftliche Mitverantwortung selten ausgeschlossen werden kann und analysiert werden muss. Aber niemand muss in Westeuropa andere ermorden, weil die Gesellschaft eine Zumutung ist. Selbst, wenn sie es sein kann, ökonomisch, kulturell, strukturell. Der Täterschutz-Reflex ist egozentrisch, weil die eigenen Wertmaßstäbe über die Situation und die Opfer gestellt werden.

4. Der Zynismus-Reflex

Der Zynismus-Reflex ist die Steigerung des Aufrege-Reflexes. Auch Aufregung, Wut, Empörung nutzen sich ab. Man erkennt den Zynismus an der Pose der Abgeklärtheit, verbrämt mit schlechtem Sarkasmus. Diese bittere Form von Humor, oft ausgedrückt durch Spott über die Mitfühlenden, kommt in zwei Geschmacksrichtungen: resignativer Zynismus, Zeichen einer Verbitterung, also der Unfähigkeit, das Weltgeschehen zu bewältigen. Und boshafter Zynismus, die Vorstufe zur Billigung der Gewalt. Sei es, weil in sozialen Medien offen die Unterstützung eines mörderischen Terrorismus gezeigt wird, was irritierend häufig vorkommt. Oder weil die scheinbar entgegengesetzte Haltung dahintersteht: "Ich hab doch schon immer gesagt, Flüchtlinge sind Terroristen." Daher lässt sich dieser Reflex des boshaften Zynismus bei Islamisten wie bei Rechtsextremisten beobachten. Beide triumphieren, die einen der Gewalt gegen "Ungläubige" wegen - die anderen des willkommenen Radikalisierungsanlasses wegen. Bei beiden wird das Attentat zuerst als Bestätigung der eigenen Weltsicht betrachtet, Opfer sind egal. Der Zynismus-Reflex, besonders in der boshaften Variante steht damit auf der Egozentrik-Skala an zweiter Stelle.

5. Der Täter-sind-Opfer-Reflex

Auch wenn ich glaube, dass Terroregozentrik bis zu einem gewissen Grad normal ist, gibt es eindeutig eine Grenze: die der Menschlichkeit. Die wird hier weit überschritten, denn dieser Reflex vertauscht Täter und Opfer. Die erste Stufe wird manchmal durch eine sich mutmaßlich für links haltende Suböffentlichkeit gestützt: Der "arme Täter" (Täterschutz-Reflex) wird dann ausschließlich zum "armen Opfer der Umstände", während die Opfer als Teil der Gesellschaft die Umstände vorgeblich mitgeprägt haben oder - absurd! - den Täter irgendwie provozierten. Die zweite Stufe findet sich auf deutschsprachigen, islamistischen oder Islamismus-nahen Facebook-Seiten und auf einer Reihe deutschsprachiger Twitter-Accounts, deren Reaktion den Hassgipfel der Egozentrik darstellt: "Wir sind das eigentliche Opfer". Garniert mit Verschwörungstheorien, das Attentat sei von deutschen Behörden, den USA oder gleich von Juden inszeniert, um dem Islam zu schaden. Egozentrischer geht es nicht, und die implizite Menschenverachtung taugt zweifellos als Treibstoff für weitere Gewalt. Die Paradoxie, dass sowohl ein Täter in Schutz genommen wie auch eine Verschwörung behauptet wird, hält die reflexhaften Täter-Opfer-Vertauscher nicht von ihrer Sichtweise ab. Ein Weltbild nah am Solipsismus, und genau deshalb so gefährlich, weil dabei nur die eigenen Werte, Regeln, Perspektiven bar jeder Logik gelten: Unerreichbarkeit für Argumente.

Der Anschlag bei Würzburg verändert die Wahrnehmung des islamistischen Terrorismus in Deutschland. "Die Einschläge kommen näher", ist man versucht zu denken. Und das stimmt, aber auf eine besondere Art: Wir werden gezwungen, uns mit unserer Terroregozentrik auseinanderzusetzen.

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