SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. April 2014, 18:28 Uhr

Big-Brother-Awards

Netzaktivisten verleihen Negativpreis an Bundeskanzleramt

Der Datenschutzverein Digitalcourage hat unter anderem das Bundeskanzleramt und ein Fernbus-Unternehmen mit dem Big-Brother-Award ausgezeichnet. Auch Edward Snowden bekam einen Preis.

Hamburg/Bielefeld - Die Datenschützer des Vereins Digitalcourage vergeben ihren jährlichen Negativpreis für besonders eifriges Datensammeln, und - wie sollte es anders sein - der Überwachungsskandal steht diesmal im Mittelpunkt der Preisverleihung. In der Kategorie Politik geht die Schandtrophäe in diesem Jahr an das Bundeskanzleramt "für geheimdienstliche Verstrickungen in den NSA-Überwachungsskandal sowie unterlassene Abwehr- und Schutzmaßnahmen", wie es in der Begründung heißt.

Die öffentliche Rüge bezieht sich allerdings nicht nur auf Politiker im Amt: "Alte wie neue Bundesregierung haben mit Massenausforschung und Digitalspionage verbundene Straftaten und Bürgerrechtsverstöße nicht abgewehrt: Sie haben es sträflich unterlassen, die Bundesbürger und von Wirtschaftsspionage betroffene Betriebe vor weiteren feindlichen Attacken zu schützen", so die Datenschützer.

Dazu passend vergibt der Verein in diesem Jahr erstmals auch eine Positiv-Auszeichnung: an den geflohenen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden. Er habe Machtmissbrauch und den "frivolen Umgang" mit den Grundrechten der Bürger aufgedeckt, heißt es in der vorab verbreiteten Laudatio von Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung".

Ungeliebte Preise für IT- und Reiseunternehmen

Seit Jahren prangern die Big-Brother-Awards den Umgang von Unternehmen, Behörden und Einzelpersonen mit Daten an. In der Kategorie Wirtschaft ging der Preis diesmal an die Firma CSC (Computer Science Corporation). "Der Konzern arbeitet im Auftrag von zehn Bundesministerien an sicherheitsrelevanten Projekten wie dem elektronischen Personalausweis, der Kommunikation mit Behörden De-Mail und dem bundesweiten Waffenregister", heißt es in der Begründung, "gleichzeitig ist die Mutterfirma die externe EDV-Abteilung der US-amerikanischen Geheimdienste."

In der Kategorie Verkehr ging der Negativpreis 2014 an MeinFernbus. Grund für die Schmähung ist hier laut den Netzaktivisten "die Verpflichtung, zusammen mit einem Online-Ticket immer auch einen amtlichen Ausweis vorzeigen zu müssen. Dadurch wird das anonyme Reisen per Bus unmöglich".

Schelte für smarte Fernseher und "Spione im Auto"

Auch die Firma LG Electronics wurde mit einem Preis bedacht. Der Vorwurf: Die von der Firma verkauften Smart-Fernseher übermittelten Informationen darüber, wie sie von ihren Besitzern genutzt würden, an die Firmenzentrale nach Südkorea.

In der Kategorie Arbeitswelt ging ein Big-Brother-Award an die RWE Vertrieb AG. Diese lasse zur Leistungskontrolle von Call-Center-Mitarbeitern bei Subunternehmern eine Überwachungssoftware einsetzen. "Diese Software kann ohne das Wissen der Mitarbeiter im Einzelfall sowohl das Telefonat als auch Bildschirmaktionen lückenlos aufzeichnen", heißt es in der Begründung.

In der Kategorie Technik blieben die Mitglieder von Digitalcourage vage: Er ging ganz generell an die "Spione im Auto", die "uns bei jedem gefahrenen Meter über die Schulter schauen und dabei Datensammlungen anlegen" - ein konkreter Preisträger wurde aber nicht benannt.

juh/dpa

URL:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung