Digitalwährung Bitcoin Anarchisten gegen Kapitalisten

In Texas trafen beim Tech-Festival SXSW zwei prominente junge Männer aufeinander, beide halten die Digitalwährung Bitcoin für die Zukunft. Doch der eine, ein smarter Unternehmensgründer, will digitale Geldgeschäfte revolutionieren. Der andere, ein eloquenter Anarchist, die ganze Gesellschaft.
Bitcoin: Zwischen Anarchisten und Venture-Kapitalisten

Bitcoin: Zwischen Anarchisten und Venture-Kapitalisten

Foto: JIM URQUHART/ REUTERS

Als die Mutter von Ross U. ans Saalmikrofon tritt, treffen Welten aufeinander. Sie sieht erschöpft aus, trägt Jeans und Fleecejacke, spricht mit leiser, aber fester Stimme. Ihr Sohn sitzt in Untersuchungshaft, weil er die illegale Handelsplattform Silk Road betrieben haben soll, über die Drogen- und Waffengeschäfte abgewickelt wurden. Bezahlt wurde dort mit Bitcoin. Der Mann auf der Bühne, an den sich U.s Mutter wendet, trägt einen Seitenscheitel und ein gut sitzendes Sakko. Er ist Absolvent der Elitehochschule Duke University, hat früher für Goldman Sachs und das Investmenthaus BlackRock gearbeitet. 2013 kürte "Time" ihn zu einem von "30 Menschen unter 30, die die Welt verändern werden". Er heißt Fred Ehrsam und ist so etwas wie das respektable Gesicht der Internetwährung Bitcoin.

Ehrsam hat die Firma Coinbase  mitgegründet, die Konten für Bitcoin-Transaktionen anbietet. Er glaubt, dass die Netzwährung den internationalen Zahlungsverkehr revolutionieren wird. U.s Mutter fragt, ob Bitcoin es auch leichter machen werde, für gute Zwecke zu spenden. Ehrsam bejaht: Eines seiner Hauptargumente für Bitcoin ist, dass das Digitalgeld Transaktionen vereinfacht und verbilligt.

Doch U.s Mutter ist nicht wegen dieser Antwort hier. Sie will um Unterstützung werben. Nach Ehrsams Auftritt steht sie vor dem Saal und verteilt Handzettel - sie bittet um Spenden für einen Verteidigungfonds für ihren Sohn, dem viele Jahre Haft drohen.

Der vorübergehende Erfolg des Online-Drogenumschlagplatzes Silk Road basierte maßgeblich auf einer angeblichen Eigenschaft von Bitcoin, die Ehrsam als Mythos bezeichnet: dass man mit der Internetwährung völlig anonym bezahlen könne. "Ich würde sagen, es ist pseudo-anonym." Jede Bitcoin-Transaktion wird für immer in der sogenannten Blockchain festgehalten, "einem gewaltigen öffentlichen Kassenbuch", so Ehrsam. So ließen sich Geschäfte nachverfolgen und im Zweifel auch die Beteiligten ermitteln. Dass Bitcoin Kriminalität erleichtere, sei nicht wahr: "Heute lieben uns die Strafverfolger. Bitcoin-Geschäfte sind viel einfacher nachzuvollziehen, als wenn sich zwei Leute mit Bargeld in einer dunklen Gasse treffen."

"Vielleicht bin ich doch so eine Art Terrorist"

Genau das will Cody Wilson ändern. Der 26-Jährige aus dem US-Staat Arkansas wurde als Kopf einer Gruppe von libertären Waffenfreunden berühmt, die eine funktionsfähige Pistole entwickelte, die sich mit einem 3-D-Drucker herstellen lässt. Wilson betrachtet auch Bitcoin als mögliches Werkzeug in einem Kampf, in dem er sich und seine Gleichgesinnten sieht. Einem Kampf gegen staatliche Autorität, gegen "Konzernkapitalismus", gegen "eine zunehmende Ähnlichkeit zwischen Demokratie und Absolutismus".

Wilson mit Pistole aus dem 3-D-Drucker: Spitzname "Liberator"

Wilson mit Pistole aus dem 3-D-Drucker: Spitzname "Liberator"

Foto: DPA / Austin American Statesman, Jay Janner

Wilson spricht schnell, zitiert Jean Baudrillard und Slavoj Žižek, Michel Foucault und Milton Friedman. Mit seinem gestutzten Vollbart erinnert er ein bisschen an Justin Timberlake. Mit flammendem Blick und dem Gestus eines Revolutionärs spricht er beim South-by-Southwest-Festival an seinem Wohnort Austin eine Stunde lang frei. Seinen Vortrag beginnt er mit einer Bitte um Spenden für die Verteidigung von Ross U.. Der müsse wenigstens einen "fairen Prozess" bekommen. Für Wilson ist U. ein vom Staat Verfolgter, genau wie er selbst.

Wilson sagt, er betrachte sich nicht als Teil einer Bewegung, aber er benutzt trotzdem häufig das Wörtchen "wir": "Wir wollen eine Welt aus unserer Vorstellung erschaffen. Zugegeben: eine Welt der Extreme." Eine Welt, in der Staaten keine Macht mehr über Individuen haben. Als er gefragt wird, wie er sich selbst sieht, druckst er ein bisschen herum. Dann kichert er und sagt: "Vielleicht bin ich doch so eine Art Terrorist."

Neue Verbündete unter europäischen Anarchisten

Für ihn war die Episode mit der Waffe aus dem Drucker eine Bestätigung. Sowohl für seine Skepsis gegenüber staatlicher Autorität als für seinen Glauben an das subversive Potential des Netzes. Im Mai 2013 verbot das US-Außenministerium die Verbreitung des Pistolen-Datensatzes mit der Begründung, es verstoße gegen ein Gesetz gegen unregulierte Waffenexporte. Doch da war es bereits zu spät: Die Baupläne für die "Liberator" genannte Waffe sind online bis heute vielerorts zu finden. Vielen derjenigen, die seine Pläne weiterverbreiteten, sei "das Thema Waffen eigentlich egal", sagt Wilson, "denen geht es um das Aushebeln staatlicher Kontrolle". Er hat neue Verbündete gefunden.

Vergangenes Jahr reiste Wilson durch Europa und traf sich dort mit Kryptoanarchisten, mit Hausbesetzern in London und Hackern in Spanien. Gemeinsam mit einem anarchistischen Kollektiv namens unSystem, ausgerüstet mit 52.000 Dollar aus einer Crowdfunding-Kampagne , will er nun eine Software namens DarkWallet  entwickeln. Sie soll dafür sorgen, dass Bitcoin das wird, was es bislang nur scheinbar ist: eine Möglichkeit, Geldtransfers anonym und nicht rückverfolgbar durchzuführen.

"Eine einfache Methode zur Geldwäsche"

"Es gibt Leute, die Bitcoin für ein perfektes Puzzleteil für das überkommene Bankensystem halten, für ein Schmiermittel", sagt Wilson. Er meint Leute wie Fred Ehrsam. DarkWallet aber, sagt Wilson, werde die Digitalwährung in "eine einfache Methode zur Geldwäsche" verwandeln: "Es ist notwendig, die Ermittlungsmethoden von Strafverfolgern zu behindern."

DarkWallet soll eine schlanke Browser-Erweiterung werden. Es soll Adressen und Transaktionen verschleiern - also all das gewährleisten, was für Libertäre, aber auch für Drogen- und Waffenhändler lange Zeit den Reiz von Bitcoin ausmachte. All das, von dem Leute wie Ehrsam und der prominente Coinbase-Investor und Netscape-Gründer Marc Andreessen  möchten, dass es der Vergangenheit angehört.

Schwierige Zeiten, schlimme Probleme, stabiler Kurs

Die vergangenen Monate waren schwer für Bitcoin-Freunde. Ross U. wurde verhaftet, Silk Road und eine weitere illegale Plattform namens Utopia wurden geschlossen. Drogen- und Waffenhändlern rund um die Welt kam viel Geld abhanden, manchen auch ihre Freiheit. Es gab technische Probleme, die Handelsplattform Mt. Gox kollabierte, Anleger verloren Hunderte Millionen Euro. Ein einstiger Star der Bitcoin-Szene, der 24-jährige Charlie Shrem , wurde aufgrund von Geldwäschevorwürfen verhaftet, sein Unternehmen Bitinstant, ein Coinbase-Konkurrent, hat den Betrieb eingestellt.

Eine weitere Plattform namens Flexcoin fiel erst vor wenigen Tagen  einem Hackerangriff zum Opfer. US-Senatoren  und Strafverfolger  rufen nach strengeren Regeln, japanische Behörden - Mt. Gox hatte sein Hauptquartier in Tokio - erwägen mehr Regulierung .

Die US-Finanzaufsichtsorganisation Firna warnt  vor den Risiken von Bitcoin und die New Yorker Finanzaufsicht NYDFS fordert kontrollierte Handelsplätze . Mehrere Staaten haben die Digitalwährung bereits verboten oder erwägen dies.

Dem Bitcoin-Kurs hat all das erstaunlich wenig anhaben können, Mitte März liegt er bei knapp 450 Euro pro Stück. Weit weg vom Allzeithoch, aber hoch genug, um viele zu Millionären zu machen.

Am Ende aber wird die Zukunft der Digitalwährung nicht zuletzt davon abhängen, welche Vorstellung von Bitcoin die Oberhand behält: Fred Ehrsams Vision eines sauberen, effizienten, sicheren Zahlungssystems - oder Cody Wilsons von einem subversiven Werkzeug für Anarchisten.

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