Sascha Lobo

Soziale Medien Lob des Blockens

Blocken ist Freiheit: Nervige, pöbelnde, hasserfüllte Stimmen aus der eigenen Wahrnehmung zu entfernen, gehört zu den wichtigsten Kulturtechniken in sozialen Netzwerken. Nur Ahnungslose halten Blocken für Zensur.

Dieselfahrverbote, Landtagswahlen, Brexit, Entdemokratisierung in Osteuropa, Syrien, Russlandkonflikt, Trumpdetonation, dazu vermutlich islamistische und rechtsextreme Attentate - 2019 dürfte ein politisch explosives Jahr werden. Das gilt umso mehr für die sozialen Medien, der einzige Raum, in dem Echos lauter sind als das ursprüngliche Geräusch. Deshalb möchte ich Ihnen eines der wichtigsten Instrumente im persönlichen Umgang mit sozialen Medien neu ans Herz legen:

Blocken.

Ich möchte ein Lob des Blockens aussprechen, ich möchte das Blocken feiern, ich möchte Ihnen die dringende Empfehlung geben zu blocken. Wenn Sie wollen, auch mich , das ist Ihr gutes Recht.

Soziale Medien heißen so, weil sie soziale Beziehungen im Digitalen abbilden, erweitern, neu definieren. Das funktioniert über verschiedene Mechanismen: Man kann sich per Klick gegenseitig befrienden* wie auf Facebook. Man kann anderen folgen wie auf Twitter. Manchmal gibt es neuartige, technosoziale Mischformen wie etwa in WhatsApp-Gruppen, wo die Gemeinsamkeit über die Zugehörigkeit zu einer Diskussionsgruppe kaum hinausgehen muss. In jedem Fall wird technisch eine soziale Verbindung etabliert oder akzeptiert. Aber zu sozialen Beziehungen gehört auch die Beendigung derselben, etwa so wie zum Leben der Tod gehört. Und dabei gibt es, je nach Plattform, unterschiedliche Herangehensweisen. Blocken ist die wichtigste, denn erst die Möglichkeit zu blocken macht ein soziales Medium zu Ihrem sozialen Medium.

Blocken bedeutet, einen Account aus dem persönlichen Wahrnehmungsuniversum auszublenden. Oft bildet diese Funktion in sozialen Medien den letzten, zumindest kurzfristig wirksamen Schutzwall vor Beleidigungen, Drohungen, Attacken. Manchmal ist es aber auch nur ein Klick der kalt genossenen Rache, eine wütend tobende Meute sich selbst zu überlassen.

Zur Stunde habe ich persönlich auf Twitter 1435 Accounts geblockt, aus ganz unterschiedlichen Gründen: offensichtlich Rechtsextreme, Holocaustleugner, Antisemiten und Antizionisten, Islamisten, Misogyne, Homo- und Transphobe, Fundamentalisten aller Art, Putin-, Erdogan- und Trump-Jünger, Pöbler, Bots, gewöhnliche Nervige, College-Rock-Fans - aber nicht nur. In jedem Social-Media-Nutzer wohnt zumindest ein kleiner Troll, und meiner hat manchmal schlicht Freude am Blocken.

Blocken ist keine Zensur

Eine Reihe generalempörter Leute glaubt, dass Blocken quasi gleichbedeutend mit Zensur sei. Das ist Unfug, ein Ausweis der Ich-Hybris und der Definitionsblindheit. Zensur heißt, sich nicht äußern zu dürfen. Blocken aber ist die Freiheit des Einzelnen, andere aus der persönlichen Digitalsphäre auszuschließen, so wie man auch ins eigene Wohnzimmer nicht jeden hineinlässt. In den sozialen Medien schulden Sie niemandem Aufmerksamkeit. Wirklich keine Person hat das Recht, in Ihrem Blickfeld stattfinden zu dürfen. Nicht einmal drei Meter große, krebsheilende Nobelpreisträger, die auf dem Einrad mit brennenden Kettensägen jonglieren, während sie die Weltformel singen - niemand, mit keiner Äußerung, in keinem Fall. Niemand darf Sie nach eigenem Gutdünken in ungewollte Diskussionen verwickeln, niemand hat das Recht auf genau Ihre Aufmerksamkeit. Es ist allein die selbstgerechte Übergriffigkeit, die solche Leute glauben lässt, ausgerechnet ihre Einlassungen müssten gehört werden. Kurz: Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass jeder diese Meinung auch anhören muss.

Es ist übrigens nicht so, dass man selbst durch intensives Blocken nur noch im eigenen Saft kocht, wie von weniger Sachkundigen unterstellt wird. Dazu ist das Netz zu groß und sind die Andersmeinenden zu zahlreich. Eigentlich im Gegenteil: Wenn man die Knalltüten blockt, fällt es leichter, klüger und weniger aggressiv vorgetragene Gegenmeinungen überhaupt wahrzunehmen. Vorher gehen sie oft im Getöse unter. Blocken eignet sich daher entgegen der oft kolportierten Ansicht sehr gut, um konträre Meinungen überhaupt erst sinnvoll einschätzen zu können.

Blocken ist Freiheit! Das ist die oft unterschätzte individualistische Essenz der sozialen Medien, die nur auf den ersten Blick des persönlich Block-Beleidigten antisozial aussieht. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall, denn erst mit der unbedingten, persönlichen Auswahl der Kontakte kann ein Social Network überhaupt sinnvoll funktionieren. Es ist kein Zufall, dass die Blockfunktion in allen wesentlichen sozialen Medien eingebaut ist.

Blocken ist ein digitales Menschenrecht

Es gibt durchaus diskussionswürdige Grenzen des Blockens, aber die sind alle nicht individuell. Dass Donald Trump mit seinem eindeutig als Präsidenten-Account genutzten Twitterprofil Bürger durch Blocken ausschließt, kann tatsächlich juristisch und gesellschaftlich problematisch sein. Ebenso, wenn Polizei-Accounts ohne Angabe von Gründen oder Einspruchsmöglichkeit blocken, obwohl dort im Zweifel auch überlebenswichtige Informationen veröffentlicht werden könnten, etwa im Fall eines Terroranschlags. Filtersouveränität und Blockfreiheit können dort enden, wo amtliche Accounts eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit haben. Denn Blocken hindert in den meisten Fällen auch die geblockten Accounts, überhaupt Informationen wahrzunehmen.

Und ebenso erscheint die Twitter-Aktion von Jan Böhmermann diskussionswürdig: Der Satiriker verfolgt eine sehr weitreichende Blockpolitik, was sein gutes Recht ist. Im September 2018** hatte er seine persönliche Blockliste mit 8421 handgeblockten Accounts der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt . (Twitter erlaubt den Ex- und Import von Blocklisten.) Bis heute gibt es Leute, die mit einer Mischung aus Leberwurstigkeit und Trotzstolz behaupten, auf der "Böhmermann-Blockliste" zu stehen. Meine persönliche Haltung dazu ist liberal. Niemand wird gezwungen, Blocklisten zu importieren, sollen sie doch tun, was sie wollen. Wenn man seine wichtigste Social-Media-Abwehrfunktion in die Hände eines Satirikers legen möchte, bitte schön. Wenn man solche Aktionen ernsthaft "totalitär" nennt, dann hat man weder die sozialen Medien verstanden noch Totalitarismus. Allerdings kann ich aufgrund der Massenwirkung nachvollziehen, wie Irritationen und politische Störgefühle bei Blocklisten zustande kommen.

Der Begriff "Listen" hat, speziell in Deutschland, eine dunkle Historie und einen bedrohlichen Klang. Es gibt aber einen radikalen Unterschied, der zu oft geschichtsvergessen missachtet wird: Die bekannten politischen Listen wirken gesellschaftlich, staatlich und damit totalitär. Eine Blockliste aber geht vom Individuum aus und wirkt auf das Individuum, das sich genau dazu entschieden hat. Der Unterschied ist ungefähr, als stünde jemand vor dem Zaun um ein Grundstück und würde hineinschreien: Du hast mich hier in der Restwelt eingeschlossen!

Jeder darf immer jeden Blocken, ohne Begründung, ohne die Pflicht, sich erklären zu müssen, ohne auch nur einen einzigen weiteren Gedanken daran verschwenden zu müssen. Blocken Sie nach Belieben, wen Sie wollen, und lassen Sie sich niemals einreden, das sei irgendwie nicht okay. Blocken ist ein digitales Menschenrecht.


* befrienden ist kein Fehler, sondern ein neues Wort, weil Facebook-Friends eben nicht gleichbedeutend sind mit "Freunden".
** Bitte beachten: Es handelte sich dabei NICHT um die Aktion "Reconquista Internet".

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