IT-Treff in Berlin Liebe Leserin, lieber Leser,

Eine Christbaum-App für den Wald, eine IT-Sicherheitskonferenz in Berlin und eine gehackte Boeing 757 auf dem Rollfeld: Lesen Sie das und mehr im Netzwelt-Newsletter.
Foto: SPIEGEL ONLINE

seit heute Vormittag diskutieren in Berlin internationale Spezialisten über Cybersicherheit - oder besser: die gefühlte Cyberunsicherheit. Das Jahr hat unter anderem mit den WannaCry - und Petya-Angriffswellen für neue Superlative und Gesprächsstoff gesorgt. Auch die Rednerliste der "Digital Society"-Konferenz belegt, dass es sich um einen lukrativen Wachstumsmarkt handelt. Siemens, der TÜV, Infineon, die Allianz und viele mehr sind vertreten.

Es wird sich zeigen, ob es zwischen Sicherheitsbehörden und den Konzernvertretern ähnlich lebhaft zugeht wie in den USA zwischen Apple und dem FBI im Streit um die Entschlüsselung eines iPhones - oder in der brisanten Frage, ob Geheimdienste Schwachstellen für eigene Cyberangriffe horten sollten, statt sie den betroffenen Unternehmen mitzuteilen. Dafür hatte Microsoft die eigene Regierung zuletzt scharf kritisiert: Denn die WannaCry-Angriffswelle hatte einen solchen von der NSA gehorteten und dann geleakten Windows-Exploit ausgenutzt.

Apropos Sicherheit: Flugsicherheit

Boeing 757 (Archiv)

Boeing 757 (Archiv)

Foto: REUTERS

Erinnern Sie sich noch an die Geschichte vor rund zwei Jahren, als ein amerikanischer Hacker behauptete, er habe sich auf zahlreichen Flügen in das Bord-Entertainment-System gehackt und von dort aus weiter in die Flugkontroll- und Navigationssysteme? Sowohl der Flugzeughersteller Boeing als auch Flug- und IT-Sicherheitsexperten bestritten damals energisch, dass so etwas technisch überhaupt möglich sei. Die Systeme seien streng voneinander abgeschirmt.

Nun: Ein Vertreter des US-Heimatschutzministeriums berichtete jetzt auf einer Konferenz, dass es ihm und seinem Team gelungen sei, eine ganz normale Boeing 757 zu hacken , und zwar auf einem Runway des Flughafens von Atlantic City, New Jersey. Zeitaufwand für die erfolgreiche "Penetration" im Rahmen dieses "kontrollierten Experiments": Gerade mal zwei Tage.

Apropos digitale Gesellschaft: die Christbaum-App

Weihnachtsbäume

Weihnachtsbäume

Foto: Thomas Frey/ dpa

Auf dem WebSummit in Lissabon berichtete der estnische Premierminister Jüri Ratas gerade über die Fortschritte seines Landes auf dem Weg zur digitalen Gesellschaft. Unter anderem erzählte er von dem Brauch der Esten, Weihnachtsbäume selbst in den Wäldern der Heimat zu schlagen. Die estnischen Staatsforste bieten dafür eine App, über die Bürger die zum Fällen vorgesehenen Tannen nicht nur finden, sondern auch gleich im Wald bezahlen können: Suchen, zahlen, sägen, mitnehmen.

Zudem berichtete er, die Log-Dateien des ambitionierten E-Government-Systems würden schon seit 2012 in der Blockchain abgespeichert - so könne jeder Bürger überprüfen, welche staatliche Stelle auf ihre Daten zugegriffen hat.

Was Ratas bei seinem Standort-Marketing-Auftritt lieber nicht erwähnte: Auch in E-Estonia läuft nicht alles rund. Bei der vielgerühmten ID-Smartkarte des Landes wurde gerade ein gravierendes Sicherheitsproblem aufgedeckt. Dennoch wirken die Balten uns in Sachen digitaler Verwaltung und E-Government Lichtjahre enteilt.

Seltsame Digitalwelt: Steve Jobs als Inspiration für Trumps Wahlkampf?

Auf der Tech-Konferenz in Lissabon berichtete auch ein gewisser Brad Parscale über seine Arbeit. Parscale war Donald Trumps Mann für den Digitalwahlkampf - auf einer Nebenbühne verriet er, was aus seiner Sicht das Erfolgsgeheimnis der Kampagne war. Nein, nicht "Dark Ads" auf Facebook, die Hilfe russischer Trolle oder die Zusammenarbeit mit der umstrittenen Datenfirma Cambridge Analytica.

Parscale nannte als Inspirationsquelle ausgerechnet: Steve Jobs. Sein Aha-Moment sei die Werbekampagne für den iPod gewesen, sagte Parscale. Technische Details habe Jobs bewusst außen vor gelassen und ausschließlich auf das Gefühl gesetzt: "Die Menschen wollen tanzen, sich gut fühlen." Er habe seinen Mitarbeitern in Trumps digitalem War Room genau das mit auf den Weg gegeben.

Man kann Steve Jobs, dessen leiblicher Vater ein Immigrant aus Syrien war, ja leider nicht mehr fragen, was er von dieser Anleihe hält. Was man aber mit einer einfachen Internet-Suche feststellen kann, ist, dass Steve Jobs die iPod-Kampagne zuerst ganz und gar nicht mochte . Aber das hält Parscale bestimmt für Fake News.

App der Woche: "What the Font"

getestet von Sebastian Meineck

Foto: MyFonts

Mit "What the Font" lassen sich Schriftarten per Smartphone-Kamera identifizieren. Wenn sich Nutzer für die Schriftart einer Postkarte oder einer Reklame interessieren, müssen sie einfach nur den Schriftzug fotografieren und die App rechnen lassen. "What the Font" rät daraufhin, welche Schriftart es sein könnte und nennt ähnliche Alternativen.

Bei unserem Test erkannte die App verbreitete Schriftarten sehr zuverlässig. Bei verspielten und verschnörkelten Schriftarten hatte "What the Font" Probleme, lieferte aber Ergebnisse, die der Vorlage immerhin ähnelten.

Gratis von MyFonts, ohne In-App-Käufe: iOS , Android 

Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • Interview mit EU-Kommissarin Margrethe Vestager  (Englisch, 16 Minuten)
    Sie brummte Google eine Milliardenstrafe auf, und hat offenbar noch mehr vor: Dieses Video vom WebSummit mit Vestager lohnt sich auch wegen der Eingangsfrage von Kara Swisher (Recode): "How f...ed is Silicon Valley?"

Einen guten Start in die Woche wünscht Ihnen

Marcel Rosenbach

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.