Streit wegen "Wartezeit"-Funktion Bräustüberl Tegernsee bejubelt Sieg über Suchmaschine

Tische waren frei, trotzdem meldete Google teils lange Wartezeiten: Einem Wirt am Tegernsee passte das nicht, er wehrte sich juristisch. Nun ist der Weltkonzern eingeknickt - und der Jubel in Bayern groß.

Herzogliches Bräustüberl Tegernsee: Wirt versus Weltkonzern - Wirt gewinnt
Peter Kneffel / DPA

Herzogliches Bräustüberl Tegernsee: Wirt versus Weltkonzern - Wirt gewinnt


Der Tegernsee ist Oberbayerns Promi- und Touristenhotspot. Und auch das Herzogliche Bräustüberl Tegernsee gilt normalerweise als gut besucht. Doch ganz so voll wie es Google in seinem Stoßzeiten-Chart darstellte, war es dann offenbar doch nicht: Mal 15 Minuten, an Wochenenden auch mal 90 Minuten Wartezeit waren dort zu lesen. Wirt Peter Hubert gefiel das gar nicht - und er wehrte sich gerichtlich. Der Rechtsstreit zwischen dem Herzoglichen Bräustüberl Tegernsee und Google ist nun zunächst beigelegt.

Der geplante Termin zur mündlichen Verhandlung am Mittwoch vor dem Landgericht München I sei abgesagt, teilte Hubert am Dienstagabend mit. Google habe den Unterlassungsanspruch anerkannt, um Aufhebung des Termins gebeten - und sei damit einem Rechtsstreit aus dem Weg gegangen. "Das Bräustüberl hat gewonnen!", teilte die Traditionsgaststätte mit. (Lesen Sie hier mehr zu dem Fall. )

Ein Google-Sprecher bestätigte die Absage des Termins. "Wir haben die Funktion 'Wartezeiten' ja bereits im Juli wunschgemäß für das Restaurant am Tegernsee gesperrt. Ebenso haben wir die Forderung anerkannt, die Funktion gesperrt zu lassen." Dem Wirt stehe es aber frei, die Wartezeitenangaben in Zukunft wieder freischalten zu lassen.

Hubert hatte argumentiert, die Angaben seien falsch und könnten Gäste abschrecken, die sich vorab im Internet informieren. Besucher hätten ihn 2017 auf die Google-Angaben aufmerksam gemacht, berichtete Hubert. Von da an habe er versucht, die Angaben aus dem Internet entfernen zu lassen - was im Juli schließlich geschah.

Immer wieder kommt es zu vergleichbaren Fällen

Das Bräustüberl sei kein Einzelfall. "Beim Wirt haben sich auf die Berichterstattung rund 20 bis 30 weitere Unternehmer quer durch alle Branchen gemeldet, denen es ähnlich ergeht", hatte Frank-Ulrich John vom Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband im Juli nach Bekanntgabe des Rechtsstreits gesagt.

Vermutlich sei die Zahl der Betroffenen noch viel höher. "Mein Wunsch wäre, sich auf seinen gesunden Menschenverstand zu verlassen und einfach ins Wirtshaus zu gehen, unabhängig davon, was Google meint", so John.

Auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) reagierte im Juli: "Der Dehoga Bundesverband wird sich im Interesse seiner Mitglieder der Sache annehmen und das Zustandekommen und die Quellen der Informationen, die Google veröffentlicht, hinterfragen."

jok/dpa



insgesamt 96 Beiträge
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tecmic 28.08.2019
1. Die Objektivität von Google
Google ist die bestbezahlte Suchmaschine der Welt und es passt nun mal auch nicht zusammen, daß ein amerikanisches Unternehmen weltweit die wichtigsten Kommentare über das Tegernseer Bräustüberl verfassen darf, das gilt auch für alle genialen Gaststätten in Köln, Hamburg, Berlin ... und z.B. Wirtshäuser auf den Halligen, weil die überhaupt keine Ahnung davon haben, egal wieviel auch nur eines dieser schönen Wirtshäuser für Ihren positiven Eintrag bei Google bezahlen muß, auch nicht Frisöre, Steuerberater, Kanzleien und Bestattungsunternehmen, auch die werden nur nach Bezahlung beurteilt. Time to change your searching machine!
Erwinthal 28.08.2019
2. Des Einen Leid...
Natürlich ist es schlecht, wenn die Angaben der Wartezeiten wie in dem Fall falsch sind. Hinter den Meldungen von weiteren "Betroffenen" vermute ich eher wirtschaftliches Interesse: "...mein Wunsch wäre sich auf den gesunden Menschenverstand zu verlassen....unabhängig davon was Google meint" Ich übersetze: Ist mir doch Wurscht, wie lange die warten müssen, Hauptsache meine Tische sind besetzt.
Oilitix 28.08.2019
3. hahaha...
..mit einem Smartphone kann mann auch mal in einer Gaststätte anrufen und fragen, ob denn ein Platz/Tisch frei wäre... Sowas soll mit Telefonen ja funktionieren...
dasfred 28.08.2019
4. Internet Bewertungen sind nicht zuverlässig
Sowas beruht immer auf subjektiven Eindrücken und der Laune der Verfasser bzw. Melder der Wartezeit. Ich habe mal zum Spaß die Ärztebewertungen von Medizinern angesehen, die mir persönlich bekannt waren. Man merkte schnell, dass die Basis oft höchsten zwanzig von über tausend Patienten bilden und Negative Bewertungen sich auf ganz bestimmte Einzelfälle beziehen. Ich denke, es wird in allen Bereichen ähnlich sein.
der_rookie 28.08.2019
5. Hm
Google kann aus den Ortsangaben der Handys erkennen wie viele Handys sich zu einem Zeitpunkt stationär im Restaurant aufhalten. Vielleicht weiß Google auch wie viele Plätze das Restaurant hat. Allerdings weiß Google nicht wie viele Kunden ohne Android-Mobiltelefon vor Ort sind und Google weiß auch nicht wie viele Plätze ungenutzt bleiben weil z.B. Ein Pärchen alleine an einem Vierertisch sitzt. Für dieses Unwissen macht Google statistische Annahmen. Diese Annahmen werden vermutlich in den USA getestet. Dort funktionieren Restaurants aber anders als in Bayern: Im Bräustüberl setzen sich fremde Menschen zusammen an einen Biertisch und der Tisch wird abgewischt während die Bestellung aufgenommen wird. In den USA dagegen wartet man üblicherweise im den meisten Restaurants bis ein Kellner einen Tisch vorbereitet (gereinigt) hat und der Willkommenschef dann Zeit findet einem einen Platz zuzuweisen. In dem Sinne sind Restaurants in den USA eleganter als das Bräustüberl - allerdings auch viel ineffizienter. Insofern muss ein in den USA kalibrierten Algorithmus fürs Bräustüberl viel zu negative Wartezeiten anzeigen.
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