Bräustüberl versus Google Wirt wehrt sich gegen Weltkonzern

Google Maps zeigt eine halbe Stunde Wartezeit für ein Restaurant an, obwohl mehrere Tische frei sind? Ein Wirt am Tegernsee wehrt sich nun gegen den Dienst und zieht vor Gericht.

Google bietet seinen Nutzern Angaben zur Wartezeit in Restaurants
Peter Kneffel / DPA

Google bietet seinen Nutzern Angaben zur Wartezeit in Restaurants


Idyllische Seenlandschaft, Bergblick - das Herzogliche Bräustüberl Tegernsee an Oberbayerns Promi- und Touristenhotspot ist meist gut besucht. Doch so groß, wie man nach dem Stoßzeiten-Chart von Google hätte vermuten können, ist der Andrang in der Regel nicht. Dort war die Rede von Wartezeiten: Mal 15 Minuten, an Wochenenden auch mal 90 Minuten. Dabei loben Gäste bei den Bewertungen gleich unter der Grafik zu den angeblichen Stoßzeiten eine "schnelle Bedienung".

Wirt Peter Hubert wehrt sich nun gerichtlich gegen die Angaben von Google. "Gäste, die sich vorab im Internet informieren, schreckt das ab." Er habe es zwei Jahre gütlich probiert. "Wir sind keine Streithanseln." Aber: "Jetzt klagen wir, dass das unterlassen und richtiggestellt wird." Das Landgericht München I will im August verhandeln.

Am Freitag war der umstrittene Chart plötzlich verschwunden, mehrere Medien hatten zuvor über den Fall berichtet. Hubert sagte, er wolle den Gerichtsweg aber weiter beschreiten. Es gebe keine Garantie, dass die Angabe dauerhaft nicht mehr auftauche. "Das kann ja übermorgen wieder drin sein."

Gastwirt Hubert fühlt sich Google "hilflos ausgeliefert"

Auch Google hat sich mittlerweile zu Wort gemeldet. "Die geschätzten Wartezeiten basieren auf anonymen Daten von Personen, die in der Vergangenheit das betreffende Restaurant besucht haben, ähnlich wie bei den Funktionen 'Stoßzeiten' und 'Besuchsdauer'." Unternehmen könnten aber über einen Link Feedback geben. Und: "Wir werden den Fall außerdem untersuchen, um Google Maps weiter zu verbessern."

Das Bräustüberl sei kein Einzelfall, sagt Frank-Ulrich John vom Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband. "Beim Wirt haben sich auf die Berichterstattung rund 20 bis 30 weitere Unternehmer quer durch alle Branchen gemeldet, denen es ähnlich ergeht." Vermutlich sei die Zahl der Betroffenen noch viel höher. "Mein Wunsch wäre, sich auf seinen gesunden Menschenverstand zu verlassen und einfach ins Wirtshaus zu gehen, unabhängig davon, was Google meint."

Auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) reagierte: "Der Dehoga Bundesverband wird sich im Interesse seiner Mitglieder der Sache annehmen und das Zustandekommen und die Quellen der Informationen, die Google veröffentlicht, hinterfragen."

Für Museen und Einkaufszentren bietet Google ähnliche Angaben für Stoßzeiten. Bisher gab es damit aber offenbar keine Probleme. "Uns ist kein derartiger Fall aus dem Handel bekannt", sagt ein Sprecher des Handelsverbands Deutschland (HDE).

Hubert ärgert am meisten, "dass man hilflos ausgeliefert ist". Gäste hätten ihn 2017 auf den Chart aufmerksam gemacht. Ein Google-Mitarbeiter habe auf einen Algorithmus verwiesen, der weltweit gleich sei. Hubert: "Sie erfahren nicht, dass das aufgeschaltet wurde, Sie bekommen nicht gesagt, warum das aufgeschaltet wurde. Sie können nicht sagen, dass Sie das nicht möchten - und wenn es falsch ist, können Sie es nicht korrigieren."

Gegenwehr ist schwierig, wenn Google immer auf die US-Zentrale verweist

Auch die Zustellung der Klageschrift an Google Germany in Hamburg brachte Probleme. "Google sagt, ihnen sei die Klage nicht zugestellt worden", sagt Huberts Anwalt Thomas Glückstein. Für ihn geht es um einen Präzedenzfall. Google verweise auf seinen Sitz in den USA; die Klage hätte dorthin zugestellt werden müssen. Das bestreitet Glückstein. "Google unterhält große Büros in Deutschland, hat eine Rechtsabteilung in Deutschland und beschäftigt in Deutschland Entwickler, die an den weltweiten Google-Diensten arbeiten. Dass die Büros in Deutschland nichts mit den Google-Diensten zu tun hätten, halte ich für eine Schutzbehauptung von Google."

Auslandszustellungen seien aufwendig und teuer. "Otto Normalverbraucher, der gegen Google vorgehen will, wird sich in den wenigsten Fällen so eine Klage leisten können", sagt Glückstein. Es sei "wie eine Firewall, mit der Google sich gegen Klagen abschottet".

Schon einmal verhandelten Gerichte in München einen in Teilen ähnlich gelagerten Fall. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg stritt gegen Microsoft, auch hier ging es um die Zustellung der Klage an Microsoft Deutschland anstatt an die US-Zentrale - die das Oberlandesgericht München in zweiter Instanz als rechtmäßig bewertete. Glückstein sieht auch jetzt gute Chancen. Es gehe um die Verantwortlichkeit für Algorithmen und die rechtliche Greifbarkeit großer Konzerne. Es müsse eine grundsätzliche Klärung her. Notfalls sei der Gesetzgeber gefragt.

Erste Schritte gibt es. Seit 2017 gilt das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG), das Betreiber sozialer Netzwerke unter anderem verpflichtet, für Klagen einen Zustellungsbevollmächtigten im Inland zu benennen.

cva/dpa

Mehr zum Thema


insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
egonv 15.07.2019
1.
Die Leute sollten medienbewusster und medienkritischer agieren. Bewertungen und Einschätzungen von Google können einen ersten Überblick geben, jedoch nicht für bare Münze genommen werden. Das ist doch genau die Schwäche von Google und Co.: Eigentlich haben sie keine Ahnung von Nichts. Nur merken das viele Benutzer nicht mehr, das liegt aber nicht an Google. Die Angaben zu Öffnungszeiten, Wartezeiten etc. sind falsche Tatsachenbehauptungen und fallen keinesfalls unter Meinungsfreiheit etc. Natürlich muss das, egal wo Googles Sitz ist, in Deutschland verhandelt werden und einklagbar sein. Am einfachsten wäre es jedoch, wenn Google einfach einen engeren Draht zu den Bewerteten pflegen würde. Erster Punkt wäre, dass jedes Unternehmen seine Eckdaten (nicht positive oder negative Bewertungen) freigeben muss.
GoaSkin 15.07.2019
2.
Ich hätte als Ladenbetreiber allgemein etwas dagegen, dass Google auf Basis ausgewerteter Smartphonedaten ausgibt, wann der Laden wie gut besucht ist. Völlig egal, wie die Daten zustande kommen und welche Algorithmen dabei eine Rolle spielen. Ich hoffe das der Wirt sich durchsetzt und Google derartige Statistiken überhaupt nicht mehr ohne ausdrückliche Erlaubnis des Inhabers veröffentlichen darf.
malcom3 15.07.2019
3. Irreführender Humbug
Dass der Stoßzeiten-Chart durch die Auswertung von Smartphonedaten zustande kommt, kann ist noch halbwegs nachvollziehbar. Aber durch welche Auswertung kommt Google denn auf die Wartezeiten-Angabe? Woher will Google bitteschön wissen, wann eine Bestellung aufgegeben wurde und wann das Servieren stattfand?? Diese Wartezeiten-Angabe ist irreführender Humbug und gehört sofort komplett entfernt!
adieu2000 15.07.2019
4. 2 Seiten einer Medaille
Einerseits hat der Unternehmer praktisch kostenlos eine Werbeplattform, aber andererseits will er keine Kritik haben. Wenn 90 % Ruckzuck bedient werden, und 10% so lange warten müssen bis sie sauer werden, dann möchte ich das als neuer Gast auch gern vorher wissen. Es ist eine allgemeine Unart Beschwerden hinter Datenschutz verstecken zu wollen, ganz dicke wird gegen Beschwerden wegen Ungeziefer oder Haaren im Essen von Gästen in sozialen Medien vorgegangen, da wird dann gleich wegen geschäftsschädigendem Verhalten geklagt oder Anzeigen gestellt.
brux 15.07.2019
5. Hmm
Es ist Teil der menschlichen Psychologie, dass negative Erfahrungen eher kommuniziert werden als positive. Das ist ganz besonders so in Deutschland. Ich lese bei Bewertungen deshalb nur die negativen. Wenn das nur Gemeckere ist, weiss ich, dass wohl alles gut ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.