IT-Sicherheitsexperte "NSA agiert gegen US-Interessen"

Bruce Schneier ist einer der renommiertesten IT-Sicherheitsexperten: Seine Bücher sind Standardlektüre, für den "Guardian" analysiert er geheime NSA-Unterlagen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Amerikaner, wie sehr ihn das Ausmaß der Enthüllungen trifft.
Zur Person
Foto: ATTILA KISBENEDEK/ AFP

Bruce Schneier ist IT-Sicherheitsexperte. Er hat ein Dutzend Bücher verfasst und schreibt ein vielgelesenes Blog, "Schneier on Security" . Er sitzt im Vorstand der Electronic Frontier Foundation und ist Fellow des Berkman Center for Internet and Society an der Harvard Law School sowie des Open Technology Institute der New America Foundation.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die NSA-Überwachung ausgerechnet im Jahr 2013 an die Öffentlichkeit gekommen?

Bruce Schneier: Die Whistleblower Snowden und Manning stehen für einen Generationswechsel bei der Geheimhaltung. Im Internet-Zeitalter sind Geheimnisse schwerer zu bewahren. Für junge Menschen ist es ganz normal, mehr Informationen auszutauschen und offener zu sein. Nehmen sie das Ende des lebenslangen Arbeitens für einen Arbeitgeber dazu, wie es unsere Eltern noch kannten. Das Ergebnis ist viel weniger Loyalität von Arbeitnehmern zu ihrem Arbeitgeber. Für mich ist Whistleblowing der zivile Ungehorsam des 21. Jahrhunderts. In den kommenden Jahren wird es noch viel mehr Leaks von geheimen Regierungsinformationen geben.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so besonders an den Snowden-Enthüllungen?

Schneier: Die Menge der Informationen ist umwerfend. Wir können uns jetzt ein ziemlich vollständiges Bild von der NSA und ihrer Aktivitäten machen. Bislang gab es nur vereinzelte Dokumente, Informationen über einzelne NSA-Projekte oder Operationen. Jetzt könnten wir erstmals alles sehen. Das ist völlig anders.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Internet mit einem feudalen System verglichen: hier die Herrscher, die das Sagen über die Infrastruktur haben, und dort all jene, die sich ihnen unterwerfen. Welche Rolle spielen Snowden und Manning dabei?

Schneier: Snowden und Manning haben ihr Insiderwissen genutzt und enthüllt, wie die Mächtigen im Geheimen operieren. Im Grunde haben sie Macht von der Regierung an die Bürger übertragen, weil die Regierung ihre Geheimnisse nun offenbaren muss.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es nach dem Summer of Snowden weiter?

Schneier: 2013 wurde offenbar, wie viele Informationen tatsächlich über uns gesammelt werden. Überwachung ist das Geschäftsmodell des Internets, und die meisten Fähigkeiten der NSA beruhen auf den Datensammlungen der Internet-Unternehmen. Google weiß mehr über meine Interessen als selbst meine intimsten Freunde und Verwandten. Wenn wir nicht wollen, dass die NSA und andere Regierungen diese Informationen als Kopie bekommen, müssen wir uns zuerst von Google und all den Firmen abwenden, die solche Daten sammeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich viel mit dem Thema beschäftigt, wie über das Internet Vertrauen hergestellt wird. Sie haben ein Buch darüber geschrieben, müssen Sie jetzt ein neues schreiben?

Schneier: Die Aktivitäten der NSA haben das Internet als Infrastruktur des Vertrauens untergraben. Internet Governance  war bisher im Grunde eine wohlwollende Diktatur der Vereinigten Staaten. Der Welt war es auch mehr oder weniger recht, dass die USA die Dinge am Laufen hielten. Man war grundsätzlich im Glauben, dass sie im Sinne eines offenen und freien Internets handeln. Das kann man jetzt vergessen. Die USA waren keine ehrlichen Verwalter des Netzes. Leider gibt es aber keine guten Governance-Modelle, um die USA zu ersetzen, und weit schlimmere Länder nutzen die amerikanischen Maßnahmen, um ihre weit repressivere Kontrolle über das Internet zu rechtfertigen. Das ist ein wichtiger Punkt: Wir müssen nicht entscheiden, ob die NSA das Internet ausspioniert oder nicht. Es geht viel mehr darum, ob wir ein Internet wollen, das grundsätzlich angreifbar ist - von der NSA, den Geheimdiensten anderer Länder, von Kriminellen - oder ein Internet, das für alle Nutzer sicher ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlten Sie sich, als Sie von den Snowden-Enthüllungen erfuhren?

Schneier: Ich fühlte mich verraten. So ging das wahrscheinlich allen, die an einem sicheren Internet arbeiteten. Die NSA agieren nicht nur entgegen den Interessen der Welt, sie agieren entgegen den Interessen der USA. Ich hoffe wirklich, dass wir das technisch, juristisch und politisch wieder hinbiegen können. Das kann klappen, wird aber Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern.

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