Spähangriff auf deutsche Politiker Die Spur führt nach Russland

Die Mails sahen aus, als kämen sie von der Nato - doch sie sollten die Computer deutscher Politiker ausspähen. Hinter dem Angriff steckt wohl die Gruppe APT 28, ihr werden Verbindungen zum Kreml nachgesagt.
Bundestag in Berlin

Bundestag in Berlin

Foto: © Fabrizio Bensch / Reuters/ REUTERS

Die verdächtigen E-Mails trudelten am 15. und 24. August ein: Deutsche Politiker und Mitarbeiter mehrerer Parteien sind Ziel eines Hackerangriffs geworden. Die E-Mails sollten dazu verleiten, auf einen Link zu klicken, der Spähsoftware auf den Rechnern installiert, berichtet  der Rechercheverbund von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR. Der Fall deute auf russische Hacker hin.

Konkret im Verdacht steht eine Hackergruppe namens "APT 28", auch "Sofacy" genannt. Das bestätigte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), das den Angriff analysiert hat, auf Anfrage. Die Vermutung stützt sich auf die Vorgehensweise der Angreifer: "Die dem BSI bekannten technischen Parameter und Vorgehensweisen decken sich mit denen der Sofacy-Gruppe", sagte ein Sprecher.

"Tolldreistes Vorgehen, fast schon eine Provokation"

Der Absender der E-Mails benutzte eine Adresse, die hinter dem @-Zeichen auf "hq.nato.int" endete. Die Empfänger sollten offenbar glauben, dass sie eine Nachricht aus dem Hauptquartier der Nato erhalten haben. Weitergehende technische Verschleierungsversuche gab es offenbar nicht. Die Attacke sei von Russland ausgegangen, das sei klar zu erkennen, heißt es aus Regierungskreisen. Dort ärgert man sich über ein "tolldreistes Vorgehen, fast schon eine Provokation". Viele CDU-Politiker im Saarland haben die E-Mails bekommen, genauso wie Fraktionen des Bundestags.

Auch bei der Nato echauffiert man sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE über das Verhalten der Hacker, Nato-Adressen zu nutzen, und verortet die Angreifer ebenfalls in Russland.

"APT 28" fischt seit Jahren nach Regierungsdaten

Die beschuldigte Hackergruppe wird seit Jahren immer wieder mit Angriffen auf Regierungen in Verbindung gebracht. So soll sie unter anderem hinter der Cyberattacke auf den Bundestag 2015 stecken - und für den Hack der US-Demokraten verantwortlich sein, der diesen Sommer den Nominierungsparteitag in den USA erschütterte.

Die Sicherheitsfirma Kaspersky beobachtet die Aktivitäten der Gruppe, die in IT-Kreisen auch unter Namen wie "Fancy Bear", "Sednit" oder "Strontium" geführt wird, schon seit Jahren. Dort geht man davon aus, dass "APT 28" mindestens seit 2008 Daten von Regierungen, Nato-Ländern und Militärunternehmen abfischt - und immer aggressiver vorgeht: "2015 hat sich die Aktivität der Gruppe um das Zehnfache gesteigert", heißt es bei Kaspersky. Sie sei "einer der erfolgreichsten und agilsten Akteure", wenn es um weltweite IT-Bedrohungen gehe.

Die Abkürzung "APT" steht für "Advanced Persistent Threat", also eine langfristige und ausgefeilte Bedrohung. Der zweite Name, "Sofacy", geht auf den Namen eines Angriffsprogramms der Gruppe zurück.

"Anhaltspunkte für eine russische staatliche Steuerung"

Dafür, dass die Gruppe aus Russland kommt, sprechen Hinweise, die Sicherheitsexperten bei der Analyse von Attacken gefunden haben. "APT 28" verwendet zum Beispiel Schadsoftware, die auf Rechnern programmiert wurde, die russische Spracheinstellungen haben, sagt Christopher Porter, Analyst bei den IT-Experten von FireEye. Eindeutig ist das alles aber nicht, die entsprechenden Hinweise könnten auch bewusst platziert worden sein, sagt auch Porter.

Und selbst wenn "APT 28" aus Russland kommt: Beziehungen zum Kreml nachzuweisen, wird deutlich schwerer. Bislang verfolgt "APT 28" keine finanziellen Interessen mit den Hacks, was Indiz für einen staatlichen Auftrag sein könnte.

Die IT-Experten von FireEye konstatieren in einem 50-Seiten-Bericht über die Gruppe zudem ein extrem professionelles Vorgehen, das auf eine gute und langfristig gesicherte Finanzierung der Aktivitäten hindeute - vermutlich durch eine Regierung. "Wer so schnell wie diese Gruppe neue Angriffswerkzeuge entwickelt, muss riesige Ressourcen im Hintergrund haben", sagt Porter von FireEye.

"APT 28" werde vom russischen Geheimdienst FSB gesteuert, heißt es auch in einem Bericht der Sicherheitsfirma CrowdStrike, die nach dem Hack auf ihre Partei von den US-Demokraten eingeschaltet worden war.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) bekräftigte im Mai dieses Jahres ebenso, man sehe bei der Gruppe "Anhaltspunkte für eine russische staatliche Steuerung". Laut BfV steckt sie auch hinter dem weit schwerwiegenderen Cyberangriff auf den Bundestag im Jahr 2015. Damals waren die Hacker in 14 Server, darunter auch den Hauptserver mit sämtlichen Zugangsdaten zum deutschen Parlament, eingedrungen. 16 Gigabyte Daten aus dem Bundestagsnetz "Parlakom" sind abgeflossen.

Keine infizierten Rechner bekannt

Anders als 2015 war die Attacke dieses Mal wohl weniger ausgefeilt - und das Netzwerk des Bundestags war besser gerüstet. Dem BSI sind Stand Mittwochmittag keine infizierten Dienstrechner bekannt. Bei E-Mails an den Bundestag etwa sei der Link auf die Spähsoftware schon durch eine Sperrliste des Bundestagsnetzwerks geblockt worden.

"In der Vergangenheit hätte die Gruppe versucht, ihre Spuren besser zu verwischen", sagt Porter von FireEye. "Wir beobachten aber seit rund einem Jahr, dass sie sich nicht mehr so stark darum kümmert, obwohl sie technisch dazu in der Lage wäre. Es scheint fast, als wollten sie entdeckt werden, um die Botschaft zu senden: Russland fürchtet keine Vergeltung."

Auch Vincente Diaz, Sicherheitsexperte bei Kaspersky, hat bei "APT 28" eine zunehmende Fokussierung auf die öffentliche Wirkung ihrer Hacks festgestellt: "Wird so eine Gruppe entdeckt, verschwindet sie normalerweise gleich von der Bildfläche. Nicht so 'APT 28'. Sie fahren regelrecht öffentliche Kampagnen", sagt Diaz. "Vielleicht haben sie in Deutschland einfach nochmal ihr Glück mit einem alten Tool versucht und sind gescheitert. Oder der ganze Angriff war dafür da, entdeckt zu werden."

Unabhängig davon, wie erfolgreich der Angriff war, zeigt der Fall dem BSI und Regierungskreisen zufolge aber: Wem es gelingt, übers Internet Geheimnisse anderer Regierungen, fremder Parteien oder Organisationen abzugreifen, hat nicht nur einen Informationsvorsprung, der sich im Geheimen nutzen lässt. Sondern auch eine Waffe, um zum Beispiel in den Wahlkampf eines Landes einzugreifen. Eventuell, so wird auch hier gemutmaßt, habe Russland die Deutschen vor dem Wahlkampfbeginn verunsichern wollen. Vielleicht war dieser Hack nicht viel mehr als ein warnender Schuss vor den Bug.

Schad- und Spähsoftware

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