Chaos Communication Camp Mit Festplatte und Isomatte

Auf einem Brandenburger Museumsgelände kommen Tausende Hacker zum Sommercamp des Chaos Computer Club zusammen. Wo bei anderen Festivals eine Dixie-Toilette steht, findet sich hier das Datenklo.

Chaos Communication Camp im Ziegeleipark Mildenberg
Thorsten Schröder / CC-BY 2.0

Chaos Communication Camp im Ziegeleipark Mildenberg

Von , Zehdenick


Der Platz ist eigentlich bestens geeignet, um ein Lager aufzuschlagen: Der Boden wirkt eben, drum herum stehen ein paar Schatten spendende Bäume, die Toiletten sind nicht zu weit entfernt. Doch hier ist etwas anderes wichtig: "Ich hab nur zehn Meter dabei", sagt ein Mann mit kritischem Blick in Richtung eines Dixie-Klos. Er spricht von seinen Netzwerkkabeln. Denn das WLAN ist gerade wackelig, und das vermeintliche Dixie-Klo gar keine Toilette. In dem umgebauten Klohäuschen steht Technik für den Internetzugang und das Camp-eigene Telefonnetz. "Datenklo" nennt sich so eine Einrichtung. Da soll das Kabel hin.

"Ein bisschen Old School ist das", sagt ein anderer Hacker später, "Netzwerkkabel, früher hatte jeder von uns welches dabei. Da ist man auf dem Camp angekommen und hat als allererstes sein Kabel verlegt." In Zeiten von WLAN sind Netzwerkkabel zwar seltener geworden, doch sie gehören, wie Mehrfachsteckdosen, Router und Switches, auf einem Hacker-Camp immer noch zur Ausrüstung. Genau wie Schlafsäcke und Luftmatratzen. Auch die Zahl der Lötkolben dürfte hier deutlich höher sein als auf anderen Festivals.

Seit 20 Jahren lädt der Chaos Computer Club alle vier Jahre zum Sommercamp - in diesem Jahr zum zweiten Mal im Ziegeleipark Mildenberg im brandenburgischen Zehdenick. Tausende Hacker treffen sich hier ab dem heutigen Mittwoch und machen fünf Tage lang gemeinsam Urlaub. Sie campieren zwischen Schienen, rostigen Loren und Waggons, sie basteln, funken und beleuchten das Gelände des Technikmuseums, wo immer es geht. Von Tag zu Tag entwickelt sich das Camp weiter und sieht niemals gleich aus. Wie die Technikgeschichte lebt es von der Veränderung und passt deshalb ganz gut hierher.

Richtig schnelles Internet und ein eigenes Telefonnetz

Nachts im Museum (wenn Hacker-Camp ist)
Thorsten Schröder / CC-BY 2.0

Nachts im Museum (wenn Hacker-Camp ist)

Seit Wochen arbeitet ein Organisationsteam daran, das Areal zu einem geeigneten Ort für ein Computerzeltlager zu machen: Mit Toiletten und Duschen, mit Küchen, Bars und Fluchtwegen - und mit wesentlich schnellerem Internet, als es für diese Gegend üblich ist. Die Hacker verlegen ihre eigenen Glasfaserkabel, und weil es selbst mit der Mobilfunkabdeckung auf dem abgelegenen Areal nicht weit her ist, hat die Telekom am Eingang des Zeltlagers einen Sendemast aufgestellt. Wie immer haben die Besucher aber auch ein konferenzeigenes Telefonnetz aufgebaut.

In großen Zirkuszelten sind Vorträge zu hören, über Sicherheitslücken in Herzschrittmachern, über die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und über den Widerstand gegen den Braunkohletagebau im Hambacher Forst. Es geht um Technik, Gesellschaft und Politik, aber keineswegs nur um Netzpolitik: "Frontex versenken! Für ein Ende aller Rüstungsexporte!" steht auf einem Transparent an einem rostigen Kran aus dem Museumsgelände, an einem Schornstein hängen neben dem "Pesthörnchen", einem Logo des Chaos Computer Clubs, auch eine Regenbogen- und eine Antifa-Fahne.

Markenzeichen: Die Rakete Fairydust ist als Maskottchen auch in Bandenburg mit dabei
Thorsten Schröder / CC-BY 2.0

Markenzeichen: Die Rakete Fairydust ist als Maskottchen auch in Bandenburg mit dabei

Schon an "Tag Null", dem Tag vor dem offiziellen Start des Camps, stehen Hunderte Zelte und Wohnmobile auf dem Gelände, man hört Bohrmaschinen und Akkuschrauber, Stichsägen und Bässe. Viele sind schon wesentlich früher angereist und bauen bereits an der futuristischen Zeltstadt, die Abend für Abend bunter blinken und leuchten wird. Per Twitter bitten die Organisatoren darum, nicht zu viele Fotos zu veröffentlichen, um den Besuchern nicht schon vor dem Start des Camps zu verraten, was es alles zu sehen geben wird. (Deshalb zeigen auch wir heute nur eine kleine Auswahl.)

Aufbau des Chaos Communication Camps
Thorsten Schröder / CC-BY 2.0

Aufbau des Chaos Communication Camps

Anders als beim Chaos Communication Congress, der Jahreskonferenz des CCC zwischen Weihnachten und Silvester, geht es beim Chaos Communication Camp lockerer zu. Das Vortragsprogramm steht nicht im Vordergrund, es geht ums Treffen, viele sind mit der ganzen Familie angereist. Für sie gibt es ein eigenes Dorf auf dem Camp, rund um Spielplatz und Badestelle.

Hier kochen die Eltern täglich zusammen und backen Pizza im selbstgebauten Lehmofen, der noch vom letzten Camp vorhanden ist und vom Museum vier Jahre lang sicher verwahrt wurde. Denn anders als so manche Technik altert ein Lehmofen recht gut. Und so bleibt nun auch den Hackern im Familienbereich mehr Zeit, fünf Tage lang an etwas Neuem zu bauen.

insgesamt 2 Beiträge
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M_M_71 21.08.2019
1. Funk
Fragt doch mal die Kollegen von der c't, wer da die Richtfunkstrecke gebaut hat. Tip: nicht die Telekom.
badabumseba 21.08.2019
2. Erinnerungen werden wach.
Meine Tochter, damals schlappe 16 Jahre alt, ist alleine, ohne verdammte Unterschriftserlaubnisleistung meinerseits, vor 12 Jahren als wahrscheinlich jüngstes Mitglied jemals auf das CCC gegangen. Eine Eigenbrötlerin sondergleichen, unzugänglich, netzaffin bis zum Abwinken, firm in mehr Programmiersprachen als in den von ihr benutzten üblichen Sprachen Englisch, Deutsch, Spanisch. Eine verloren geglaubte Person in meinen Augen. Aber dort. Dort, im CCC traf sie endlich ihre Leute. Und kam mit Videos von Quadrokoptern, die sofortigst nachgebaut werden mussten, von Geschichten mit wildfremden Leuten, die urplötzlich eine gewisse Heimat bedeuteten, einer Zufriedenheit in sich selber wieder zurück, dass ich nie vergessen habe, wie sie von welchen ZELTEN was erzählte. Es muss dort eine Atmosphäre herrschen, an die manche Festivals kleinerer und größerer Ordnung niemals heranreichen werden. Alles ist diskutierbar. Nichts ist undenkbar. Verschwörungstheorien werden ernsthaft durchleuchtet und durchgearbeitet, manch obskure Zusammenhänge konstruiert, aufgedeckt, verworfen. Ich bin nun wirklich etwas arg autonom/autark unterwegs, gesellschaftskritisch blabla, aber was diese Menschen dort veranstalten, fällt unter konstruktive Anarchie vom Feinsten. UND der CCC macht es den Denkenden auch noch extrem und wirklich und wahrhaftig bequem und gemütlich. Was die nerds halt gemütlich finden. In Ruhe chillen und sich unter freien Menschen austauschen. Die Beleidigungen laufen dann weit oberhalb meiner Intellektualitätsklasse, subtil und charmant. Über meine Gehaltsklasse auch. 300 Euro pro Teilnehmer: da sollte superschnelles Internet im Zelt einfach drin sein. Meine Tochter ist seitdem ein glücklicherer Mensch. Peace out.
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