Offener Brief Chaos Computer Club kritisiert Spahns Pläne für Corona-App

Mit einer Tracing-App will die Regierung Infektionsketten besser verfolgen. Nun warnen die Hacker des CCC vor Gefahren für Demokratie und Datenschutz - und empfehlen einen anderen Ansatz für die App-Entwicklung.
In Österreich gibt es bereits eine Corona-App - hierbei wird inzwischen offenbar geplant, auf einen dezentralen Ansatz zu setzen

In Österreich gibt es bereits eine Corona-App - hierbei wird inzwischen offenbar geplant, auf einen dezentralen Ansatz zu setzen

Foto: Roland Schlager / APA / dpa

Sechs digitalpolitische Organisationen warnen bei der Entwicklung der Corona-App vor einer "Bruchlandung, die sich in der Bekämpfung der Pandemie niemand leisten" könne. In einem offenen Brief wenden sich die Organisationen wie der Verein D64 und der Chaos Computer Club (CCC) an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Das Schreiben ist eine Reaktion auf die Meldung, dass die Bundesregierung sich bei der Entwicklung der Corona-App offenbar für das Pepp-PT-Modell entscheiden will. Auf Grundlage des Ansatzes vom Entwicklerkonsortium Pepp-PT (Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing) soll in den nächsten Wochen eine sogenannte Tracing-App fertiggestellt werden, die bei der Eindämmung der Pandemie helfen soll.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die Corona-Tracing-App soll dazu dienen, bei Infizierten nachzuvollziehen, mit wem sie Kontakt hatten. Die angedachte App registriert über die Bluetooth-Funktion des Nutzers eines Handys automatisch, wenn sich dieser zehn bis 15 Minuten in der Nähe eines anderen App-Nutzers aufgehalten hat. Sollte eine Person später als infiziert gemeldet werden, könnten alle Kontaktpersonen schnell benachrichtigt werden.

Den von Spahn bislang favorisierten Ansatz bezeichnet der CCC und die anderen Organisationen nun als "problematischsten unter den vorliegenden Entwürfen". Die Pläne der Regierung seien nur eine "scheinbar sinnvolle Verwendung digitaler Lösungen", heißt es in dem offenen Brief . "In Wahrheit sind sie für unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft hochproblematisch und ignorieren die Fachdebatte."

Kritiker empfehlen dezentrale Alternative

Die Entwickler von Pepp-PT wurden in dem offenen Brief ebenfalls scharf kritisiert. Sie seien nicht in der Lage gewesen, schnell eine "halbwegs funktionierende und datenschutzfreundliche Lösung zu liefern", heißt es.

Die Verantwortlichen von Pepp-PT selbst betonen, dass persönliche Daten bei ihnen nur pseudonymisiert gespeichert würden. Auf den Servern lägen keine persönlichen Informationen, sondern lediglich ID-Nummern von Nutzern.

Die Verfasser des offenen Briefes warnen allerdings, dass bei einem zentralen Server ein Identifizieren infizierter Personen leichter möglich sei. Als Alternative empfehlen die IT-Experten einen dezentralen Ansatz, wie er zum Beispiel unter dem Namen DP-3T aktuell von mehreren Forschern entwickelt wird.

In dem offenen Brief, der auch an Kanzleramtsminister Helge Braun verschickt wurde, wird außerdem gefordert, dass eine App transparent und quelloffen sein sollte. Zu diesen Anforderungen passe der bisher eingeschlagene Weg nicht, heißt es. Ähnliche Forderungen hatten Anfang der Woche 300 Wissenschaftler in einem offenen Brief erhoben.

In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"  betonte Hans-Christian Boos, einer der Pepp-PT-Entwickler, dass Pepp-PT von Anfang an als Open-Source-Projekt geplant gewesen sei und dass zumindest der Code für die Android-Version seiner Entwicklung "sehr bald online gehe". Boos verteidigte seine Initiative auch gegen die Vorwürfe der Wissenschaftler. Was sein Team entwickele, sei zu "100 Prozent konform mit der Datenschutzgrundverordnung". Boos zufolge bietet die zentrale Variante Vorteile für Epidemiologen, die anonymisierte Daten der App dann besser für die Erforschung des Coronavirus nutzen könnten. Das sei bei der dezentralen Variante nicht in einer kurzen Entwicklungszeit möglich, sagte Boos.

hpp