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06. Mai 2018, 10:14 Uhr

Chelsea Manning

"Ich wurde in einem Käfig in der Wüste gefangen gehalten"

Ein Interview von

US-Whistleblowerin Chelsea Manning lebt seit einem Jahr wieder in Freiheit, nach sieben Jahren Haft. Jetzt spricht sie über ihren schwierigen Weg zurück ins Leben und erklärt, warum Aufgeben keine Option ist.

Es war ein umjubelter Auftritt: Das Publikum der Berliner Netzkonferenz re:publica feierte Chelsea Manning bei ihrem Besuch in der Hauptstadt frenetisch. Die US-Whistleblowerin, 30, ist zum ersten Mal seit ihrer Freilassung vor einem Jahr im Ausland unterwegs. Nach einem Bühnenauftritt konnte SPIEGEL ONLINE sie als erstes deutsches Medium interviewen:

SPIEGEL ONLINE: Frau Manning, Sie sind vor einem Jahr freigekommen, nach sieben Jahren Haft. Wie sah Ihr Start ins Leben in Freiheit aus?

Manning: Zuerst war da eine große Euphorie, auf meine Freilassung folgte eine Art Flitterwochengefühl. Aber alle Dinge, die mich zu meinen Taten getrieben haben, sind während meiner Haftzeit noch viel schlimmer geworden. Also konnte sich nie das Gefühl einstellen, dass ich mich zur Ruhe setzen kann. Es gibt viele wichtige politische Fragen, die darauf warten, adressiert zu werden. Nicht nur in den USA, sondern weltweit. Und wir können damit nicht mehr warten.

SPIEGEL ONLINE: Welche meinen Sie?

Manning: Wir erleben gerade das Erstarken von autoritären Regimen in der ganzen Welt - –in Russland, China, aber auch in Europa. Die technologischen Entwicklungen haben dafür gesorgt, dass der staatliche Überwachungsapparat um ein Vielfaches intensiver und gefährlicher ist als jemals zuvor. Militarisierung ist ein weiteres Problem: Unsere Polizei auf lokaler Ebene erinnert heute an militärische Einheiten. Unsere Aufgabe ist es jetzt, dagegen zu kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die Haft Ihr Leben beeinflusst?

Manning: Auch wenn es wichtige Aufgaben gibt, ist mir in den vergangenen Monaten zunehmend klar geworden, dass ich mich auch um mich selbst kümmern muss. Manchmal versuche ich einfach, das Gefängnis und mein vergangenes Jahrzehnt zu vergessen, weil es so einfacher ist für mich. Ich bin zu einer öffentlichen Figur geworden, und das Leben als solches ist ein ganz anderes als das, das ich vorher hatte - im Gefängnis oder in der Armee.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind auf sozialen Netzwerken wie Twitter und Instagram sehr aktiv. War es schwierig für Sie, an die neue Technik Anschluss zu finden?

Manning: Ich habe das Internet früh entdeckt, Mitte der Neunzigerjahre. Emojis habe ich eigentlich auch damals bereits benutzt, nur waren das damals eben noch Emoticons. Damals war das Netz noch ein ganz besonderer Ort, dem wir eine befreiende Wirkung zugeschrieben haben. Aber je mehr das Internet sich in unserer Gesellschaft etablierte, desto mehr wurde es zum Verstärker bestehender Systeme.

SPIEGEL ONLINE: Sie kriegen im Netz auch jede Menge Hass ab.

Manning: Nach allem, was ich erlebt habe, sind das Kinkerlitzchen. Ich wurde in einem Stahlkäfig in der Wüste gefangen gehalten und war für nahezu ein Jahr am Stück allein in einer Zelle. Trolle können mir nichts mehr anhaben.

SPIEGEL ONLINE: Wie schalten Sie ab?

Manning: In einem Bereich meines Zuhauses (in Bethesda, Maryland - d. Red.) sind keine elektrischen Geräte oder Smartphones erlaubt. So kann ich besser schlafen und mich konzentrieren. Ich mache außerdem Yoga und andere Fitnessübungen, gehe laufen oder mache auch mal eine Runde Hampelmänner. Ich habe auch verschiedene Spielekonsolen und spiele gerne alte Arcade-Spiele, "Tetris" zum Beispiel. Generell sind mir meine Freunde und meine Familie sehr wichtig. Das sind Menschen, die ich teils schon mein ganzes Leben kenne.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind eine der bekanntesten Whistleblowerinnen der jüngeren Zeit. Aktuell denkt die EU - wie Deutschland - über neue Regeln nach, wie Whistleblower besser geschützt werden können. Was halten Sie davon?

Manning: Ich weiß von den aktuellen Überlegungen, aber ich habe Vorbehalte.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Manning: Es ist problematisch, wenn wir dem Staat die Entscheidung überlassen, wer ein Whistleblower ist und wer nicht. Das gilt sogar dann, wenn eine Institution wie die EU entscheidet. Meine Angst: Je nach Regelwerk kann es dem Staat gelingen, bestimmte Informationen zu unterdrücken. Nehmen wir die USA als Beispiel: Dort gilt der sogenannte Whistleblower Protection Act, aber der Name ist irreführend. Diese Regelung wird heute als Waffe gegen Quellen und gegen Medien verwendet. Wer die vorgesehenen Wege einhält, wird zum Ziel der Strafverfolgungsbehörden. Übrigens...

SPIEGEL ONLINE: Ja?

Manning: Ich mag die Bezeichnung "Whistleblower" gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Manning: Dadurch werden die Taten einer Person abgesetzt von anderen Formen der politischen Betätigung. Dabei ist die Unterscheidung nur künstlich. Ein Whistleblower tut im Kern das Gleiche wie jemand, der auf der Straße gegen etwas protestiert. Es ist eine Form des zivilen Ungehorsams wie jede andere.

SPIEGEL ONLINE: Der Skandal um Facebook und die Datenanalysefirma Cambridge Analytica wurde durch jemanden losgetreten, der sich selbst als Whistleblower sieht. Was denken Sie über die Enthüllungen?

Manning: Wieso ist irgendjemand überrascht? Der Skandal spiegelt buchstäblich Facebooks Firmenleitbild wider. Solche Unternehmen sammeln viele Daten, um sie zu sortieren und ihr Wissen an Dritte weiterzuverkaufen. Der Skandal enthüllte keine Anomalie. Er zeigt eine Unausweichlichkeit. Weil Facebook, Google und andere Firmen eine symbiotische Beziehung mit der Regierung haben und alle den Status quo aufrechterhalten wollen, wird sich daran auch nichts ändern.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, Sie haben recht, und wir können nicht auf bessere Gesetze hoffen: Was sollten wir tun?

Manning: Wenn jeder Nutzer sein Facebook-Konto löscht, wäre das Geschäftsmodell am Ende. Aber es geht nicht nur darum. Software-Entwicklung und andere Tech-Experten haben eine ethische und moralische Verantwortung. Wir müssen zu einem ethischen Rahmen für unser Handeln kommen, einem Verhaltenskodex. Das ist sehr schwer, denn die Technik entwickelt sich ständig weiter und es gibt keine Universallösung, die für alle passt.

SPIEGEL ONLINE: Programmieren Sie denn?

Manning: Ja, nebenbei. Ich arbeite mit Tensorflow (eine plattformunabhängige Open-Source-Programmbibliothek für künstliche Intelligenz - d. Redaktion) und spiele gerade mit neuronalen Netzen herum. Das macht total Spaß. Dadurch lerne ich viel darüber, wie maschinelles Lernen funktioniert. Dieses Feld wird immer wichtiger werden in unserer Gesellschaft und viel verändern. Deshalb ist es für mich als politische Aktivistin wichtig, diese Dinge zu verstehen. Technologie und Aktivismus gehen bei mir da Hand in Hand.

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