Seit 25 Tagen in Haft Unterstützer sorgen sich um Chelsea Mannings Gesundheit

Die Whistleblowerin Chelsea Manning ist noch immer im Gefängnis, weil sie sich weigert, vor einer Grand Jury auszusagen. Anwälte und Aktivisten fordern ihre Freilassung - und warnen vor Gesundheitsrisiken.

Chelsea Manning
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Chelsea Manning

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Chelsea Mannings Twitter-Profil hat sich verändert: "Incarcerated Grand Jury Resister", steht dort mittlerweile, also "Inhaftierte Grand-Jury-Widerständlerin". Seit 25 Tagen befindet sich die Whistleblowerin in der Truesdale-Haftanstalt in Alexandria im US-Bundesstaat Virginia - sie hatte eine Aussage vor einer geheim tagenden Grand Jury verweigert. Manning war vorgeladen worden, um im Zusammenhang mit Militärdokumenten auszusagen, die sie 2010 an die Enthüllungsplattform WikiLeaks weitergegeben hatte.

Chelsea Mannings Anwaltsteam hat Widerspruch gegen ihre Inhaftierung eingelegt und ihre Freilassung beantragt. Ihre Anwälte hatten zuvor bereits gefordert, dass die Whistleblowerin aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes nur Hausarrest erhält, statt in Beugehaft zu müssen.

Auch Mannings Unterstützergruppe "Chelsea Resists" kritisiert die Haftbedingungen der Whistleblowerin: "Seit ihrer Ankunft in Truesdale am 8. März wurde Chelsea in 'administrative segregation' [Administrative Absonderung; Anmerkung der Redaktion] oder 'adseg' platziert", heißt es in einem Statement der Gruppe, "ein Terminus, der weniger brutal als Einzelhaft klingen soll." Chelsea werde "für 22 Stunden am Tag in ihrer Zelle eingeschlossen". Diese Behandlung entspreche Einzelhaftbedingungen.

Menschenrechtsorganisationen warnen vor den physischen und psychischen Folgen, die Einzelhaft auslösen kann. In den USA kommt es häufig vor, dass Häftlinge aufgrund geringer Vergehen in Einzelhaft leben müssen - obwohl diese Maßnahme Extremfällen vorbehalten sein sollte. "Die Isolation ist derzeit zu weit verbreitet und dauert zu lange", kritisiert etwa Amnesty International.

Depressionen, Hungerstreik, Selbstmordversuche

"Es ist nicht mein erstes Rodeo", soll Chelsea Manning vor ihrer Inhaftierung zu ihrem Anwaltsteam gesagt haben. Die Whistleblowerin hieß früher Bradley Manning und war als IT-Experte für das US-Militär tätig. 2013 war sie unter anderem wegen Spionage von einem Militärgericht zu 35 Jahren Haft verurteilt worden, da sie Tausende Dokumente zu den Kriegen in Afghanistan und im Irak sowie brisantes Material wie das Video "Collateral Murder" an die Enthüllungsplattform WikiLeaks weitergegeben hatte. Verhaftet worden war Manning bereits 2010.

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hatte ihre Strafe verkürzt, sodass Manning 2017 nach knapp sieben Jahren Gefängnis freigelassen wurde. Während ihrer Inhaftierung hatte Manning mehrere Selbstmordversuche und einen Hungerstreik unternommen, sie war zeitweise auch in Einzelhaft untergebracht.

Manning kämpft seitdem mit Panikattacken und Depressionen, worüber sie auch in den sozialen Netzwerken schreibt. Ihr Unterstützerteam sorgt sich aktuell um ihren gesundheitlichen Zustand. In der ersten Woche der Haft etwa habe sie sich einen Infekt zugezogen. Und vor Kurzem soll sie der Wechsel von der Einzelhaft zu einem 45-minütigen Besuch so sehr gestresst haben, dass sie sich übergeben musste.

Manning kann prinzipiell festgehalten werden, bis sie aussagt oder bis die Grand Jury ihre Arbeit beendet hat. Dass sie aussagt, schließt Manning bisher aus. Die Whistleblowerin und ihr Anwaltsteam betonen, dass sie bereits in der Vergangenheit vor Gericht zur Übergabe der Dokumente an WikiLeaks geäußert habe - den Aussagen von damals gebe es nichts Neues hinzuzufügen.

Umstrittene Gerichte

Die amerikanischen Geschworenengerichte sind umstritten. Sie sichten unter Ausschluss von Öffentlichkeit und öffentlicher Kontrolle von der Staatsanwaltschaft vorgelegte Beweise für eine Anklage und können selbst Zeugen anhören. Auf dieser Grundlage entscheiden sie, ob eine Anklage zugelassen wird.

Ob die Gerichte, die eine Willkür des Staates ausschließen sollen, fair arbeiten, ist jedoch stark umstritten: Sie sind von Laien besetzt und gelten als nicht neutral - immer wieder wurden kontroverse Urteile gefällt.

Manning will, dass ihre Haft auch als Zeichen für andere Whistleblower verstanden wird. "Ich werde jedes rechtliche Mittel ausschöpfen", hatte sie angekündigt, bevor sie ins Gefängnis ging. "Mein Anwaltsteam wird weiterhin die Geheimhaltung dieser Vorgänge herausfordern, und ich bin vorbereitet, die Konsequenzen meiner Weigerung zu tragen."



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
linksrechts 02.04.2019
1. Weitere Info bitte
Es wäre doch schön gewesen zu erfahren, warum Manning nochmal verhört werden sollte. Und welche Konsequenzen eine Aussage haben könnte, um den eigentlichen Sachverhalt besser verstehen zu können. Zudem mag die Einzelhaft grausam erscheinen, möglich wäre jedoch auch das dies zum Schutz von Manning geschieht. Gerade Transgender-Personen sind in (amerikanischen) Gefängnissen häufig Opfer von Gewalt und Missbrauch. Oder Manning hat sich in Haft eben doch etwas zu Schulden kommen lassen und ist deshalb in Einzelhaft. Auch hierzu erfahren wir nichts. Man wird wohl selbst weiter recherchieren müssen...
fred_m 02.04.2019
2. Wikileaks / Assange
Zitat von linksrechtsEs wäre doch schön gewesen zu erfahren, warum Manning nochmal verhört werden sollte. Und welche Konsequenzen eine Aussage haben könnte, um den eigentlichen Sachverhalt besser verstehen zu können. Zudem mag die Einzelhaft grausam erscheinen, möglich wäre jedoch auch das dies zum Schutz von Manning geschieht. Gerade Transgender-Personen sind in (amerikanischen) Gefängnissen häufig Opfer von Gewalt und Missbrauch. Oder Manning hat sich in Haft eben doch etwas zu Schulden kommen lassen und ist deshalb in Einzelhaft. Auch hierzu erfahren wir nichts. Man wird wohl selbst weiter recherchieren müssen...
Die Englische Wikipedia hat da etwas: es geht um Aussagen über Wikileaks und Assange. Ich nehme an, dass es sich um "Spätfolgen" von Russiagate handelt. https://en.wikipedia.org/wiki/Chelsea_Manning#2019_jailing_for_contempt
cobaea 02.04.2019
3.
Zitat von linksrechtsEs wäre doch schön gewesen zu erfahren, warum Manning nochmal verhört werden sollte. Und welche Konsequenzen eine Aussage haben könnte, um den eigentlichen Sachverhalt besser verstehen zu können. Zudem mag die Einzelhaft grausam erscheinen, möglich wäre jedoch auch das dies zum Schutz von Manning geschieht. Gerade Transgender-Personen sind in (amerikanischen) Gefängnissen häufig Opfer von Gewalt und Missbrauch. Oder Manning hat sich in Haft eben doch etwas zu Schulden kommen lassen und ist deshalb in Einzelhaft. Auch hierzu erfahren wir nichts. Man wird wohl selbst weiter recherchieren müssen...
Ja, es wäre schön, wenn man wüsste... Aber das weiss eben niemand, da dieses Geschworenengericht geheim tagt und untersucht. Dass es seit Oktober/November 2018 am Werk ist, kam im Februar mehr oder weniger zufällig heraus. Bekannt ist nur, dass ein Richter diser "Grand Jury" Anfang Jahr den Antrag einer Gruppe ablehnte, die Akten gegen Julian Assange/WikiLeaks zu entsiegeln - also freizugeben. Deshalb wird angenommen, dass es eben um Assange/Wikileaks geht. Unbekannt ist auch, was die Grand Jury von Manning wissen will und damit auch, welche Folgen eine Aussage für sie hätte. Im Novenber 2018 war (im Rahmen eines anderen Falles) bekannt geworden, dass in Ost Virginia ein Verfahren/eine Anklage gegen Assange zusammengetragen wird. Auch dieses läuft bisher geheim ab. https://edition.cnn.com/2018/11/16/politics/julian-assange-wikileaks-court-filing/index.html https://edition.cnn.com/2019/03/05/politics/chelsea-manning-grand-jury/index.html
fkfkalle3 02.04.2019
4. Dad übliche US amerikanische Spiel
Alles streng geheim, erzwungene Aussagen , ansonsten Beugehaft, natürlich mit Sonderbehandlung. Die breite Öffentlichkeit sollte diesen Menschen dankbar sein, wenn gelegentlich diverse "Machenschaften" öffentlich werden. Im Übrigen, warum kann man nicht mit einem Hausarrest arbeiten, wenn es denn schon so sein soll. Einzelhaft ist Folter, aber damit hat man ja in den USA kein Problem.
vorsicht 02.04.2019
5.
Zur Info zu Manning:" Heute vor drei Wochen wurde auch Chelsea Manning, die 2010 Dokumente an WikiLeaks weitergab, die US-Kriegsverbrechen enthüllten, wegen Missachtung des Gerichts durch einen Bundesrichter inhaftiert. Mannings „Verbrechen“ besteht darin, dass sie sich weigerte, in einer geheimen Anhörung vor einer Grand Jury gegen Assange auszusagen. Sie wird in Einzelhaft gehalten, 22 Stunden täglich isoliert. Manning steht nach ihrer siebenjährigen Inhaftierung unter der Obama-Regierung vor einer weiteren Periode in unbefristeter Haft. Die Bedingungen dieser Haft wurden vom UN-Sonderberichterstatter für Folter als „grausam, unmenschlich und erniedrigend“ bezeichnet. Das Schicksal von Manning und Assange ist von den großen Medienunternehmen praktisch ignoriert worden. Es hat innerhalb des amerikanischen politischen Establishments keinerlei Proteste hervorgerufen. Kein einziges Mitglied der Demokraten im Kongress, darunter Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez, hat über die Inhaftierung von Manning gesprochen oder wäre gar dagegen auftreten. Die Redaktion der New York Times und ihre scheinheiligen Kolumnisten, die angebliche Menschenrechtsverletzungen jederzeit benutzen, wenn dies den Interessen des amerikanischen Imperialismus dient, hüllen sich in Schweigen. Die Trump-Regierung hat bei der Verfolgung von Assange und Manning die Führung übernommen. Aber ihre rachsüchtige und verfassungswidrige Vendetta wird von der Demokratischen Partei und den ihr angeschlossenen Medien unterstützt und gefördert. Mehr als zwei Jahre lang haben die Demokraten, die New York Times und die Washington Post die Lüge verbreitet, dass WikiLeaks mit Trumps Wahlkampfteam und Russland zusammengearbeitet habe, um für Donald Trump die Präsidentschaft zu stehlen. Gestützt auf unbewiesene Behauptungen der US-Geheimdienste erklärten die Medien, dass WikiLeaks wissentlich gehackte E-Mails von der russischen Regierung angenommen habe und sich mit Trumps Wahlkampfteam in einer Verschwörung zusammenfand, um diese Informationen gegen Trumps Gegnerin Hillary Clinton „als Waffe einzusetzen“. Das Ergebnis der Müller-Untersuchung hat das gesamte Konstrukt jener Medienlügen enthüllt, die die Grundlage für die antirussische Hexenjagd bildeten. Nicht nur die Vorwürfe der „Absprache“, sondern der gesamte Rahmen der gegen Russland (und gegen WikiLeaks) gerichteten Kampagne ist als Betrug entlarvt. In der Zwischenzeit werden aufrichtige Journalisten wie Assange, die das tun, was Journalisten tun sollen – die Öffentlichkeit informieren und die Geheimnisse, Lügen und Verbrechen der Regierung aufdecken –, verfolgt und gejagt."
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