Debatte ums Urheberrecht Kopiermaschine Internet

Das Internet ist eine gigantische Kopiermaschine, von der Urheber und Gesellschaft profitieren. Doch dafür muss der Begriff vom "geistigen Eigentum" angepasst werden - und die zwischengeschalteten Firmen, die Verwerter, werden leiden müssen.
Von Christoph Kappes
Kopierte CDs (vor der Vernichtung, Archivbild): Wer kopiert, ist weder Dieb noch Räuber

Kopierte CDs (vor der Vernichtung, Archivbild): Wer kopiert, ist weder Dieb noch Räuber

Foto: DDP

Das "geistige Eigentum" ist vom Grundgedanken her eine pfiffige Erfindung. Wer durch Arbeit Neues schafft, dem steht dieses Neue zu. Das ist ein hergebrachter Grundsatz  in unserer Kultur, den viele akzeptieren. Wo Kopieren die Verfügungsmacht über das Original nicht ändert, bezieht sich die Erfindung "Urheberrecht" auf etwas Unkörperliches, Erdachtes. Dem Urheber werden Rechte in die Hand gegeben, die Verbreitung des Werks zu untersagen. "Geistiges Eigentum" meint die Verfügungsmacht an diesem Geistigen. Wer kopiert, ist weder Dieb noch Räuber, es geht nicht um Besitz. Aber er greift in dieses Verwertungsrecht ein, das auch die Kopie betrifft. Das ist die Idee seit dem kopierbaren Buchinhalt.

Nun ist die Kernfunktion des Internets, Information zwischen Computern zu kopieren. Alle Zeichen stehen dagegen, dass es jemals noch möglich sein wird, dort das Kopieren zu verhindern: Anonymität ist möglich, Datenträger werden günstiger, man tauscht nur Zugangsdaten in die Cloud, Netzwerke werden zu Ad-hoc-Netzwerken, zum Beispiel zwischen Handys. Nur eine panoptische Weltpolizei könnte dies noch unterbinden.

Das Mantra dagegen lautet: Nicht alles, was möglich ist, ist auch erlaubt!. Das klingt ethisch und juristisch unangreifbar, zeigt aber in mehrfacher Hinsicht eine naive Weltsicht.

  • Erstens ist der Regelungsgegenstand nur auf Mikroebene das Handeln einzelner. Aus Makro-Sicht handelt es sich um ein komplexes soziotechnisches System mit einer Vielzahl von Akteuren, das möglicherweise eigenen Gesetzmäßigkeiten auf höherer Ordnung unterliegt. Ein halbes Dutzend Erklärungsversuche in Soziologie und Ökonomie verweisen beispielsweise auf "technische Evolution", "Co-Evolution" und ähnliches, was drastisch vereinfacht vor allem auf eines hinausläuft: Es passiert genau das, was Möglichkeiten schafft und mehr Komplexität erlaubt. Das könnte sowohl eine Erklärung dafür sein, dass Menschen Tausende schlechter Filme herunterladen, die sie in diesem Leben kaum noch sehen können, als auch dafür, dass sich hochwertige Kulturgüter und Wissen schneller verbreiten als je zuvor. Im Grunde muss man diesen Mechanismus bewundern, der bei Transaktionskosten gegen null die Ressourcen wundersam vervielfältigt - das gelang Jesus mit Broten und Fischen, jedoch nicht weltweit, sondern nur am See Genezareth.
  • Zweitens ist es eine schöne, aber romantisierende Auffassung von Recht, dieses diene der Durchsetzung von Prinzipien. Recht ist nicht vorgegeben da, sondern erst das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses, bei dem man das faktische Handeln größerer Bürgergruppen nicht ignorieren sollte, wenn das Recht noch Akzeptanz finden soll.
  • Drittens zeigt der Glaubenssatz selbst Technikgläubigkeit, nämlich an die von Recht als Werkzeug sozialer Steuerung. Versteht die Politik wirklich, was die Digitalisierung antreibt und was sozial geschieht? Blickt sie mit der richtigen Perspektive auf die Phänomene? Weiß sie, welchen Einfluss sie auf Gesellschaft haben kann? Das sind momentan Fragen an die Hardliner beim Urheberrecht. Die Digitalisierung wird aber auch alle anderen Politiker noch in dieser Hinsicht fordern.

Befasst man sich mit der Besonderheit geistiger Schöpfungen gegenüber körperlichen Gegenständen, lohnt sich ein Blick nach China, wo die Konzepte "Original" und "Identität" unbekannt sind, wie Byung-Chul Han schreibt : Das Œuvre eines Meisters beispielsweise wird abhängig von der Perspektive des betrachtenden Zeitalters wahrgenommen, Werke werden entdeckt, als Fälschungen entlarvt. Was ist von einem Original zu halten, das der Kopie gleich ist? Wie beurteilen wir die Identität von Schmuck, dessen Teile über die Jahrhunderte hinweg ausgetauscht wurden?

Ist nicht sogar, wie der Architekturhistoriker Mario Carpo sagt , die identische Reproduktion als Idealbild der Moderne in Frage gestellt, weil alles Digitale einfach veränderbar ist und verändert wird? Wir erleben schon in der Architektur, dass alle gemeinsam den Plan verändern, wo ist denn hier noch das Serielle, die Autorenschaft, die Standardisierung? Statt exakter Wiederholung entsteht gemeinsam Vielfalt.

Zu allen Kopiervorgängen gehört als Gegenstück ein Prozess von Veränderung, damit Fortschritt geschehen kann. Information wird in der digitalen Welt verdichtet, angereichert, aufgewertet, verstümmelt oder so aus Kontexten gerissen, dass sich der Sinn für den Empfänger ändert. Es entstehen Vielfalt und Selektion, worauf auch schon die analoge Welt beruht. Mindestens diese Veränderung leisten Urheber: Sie beschleunigen die Moderne, die sonst nur auf Zufall angewiesen wäre, und schaffen so Ergebnisse, denen andere Wert zuweisen. Ohne diese Veränderung wäre Stillstand - wäre es noch Leben, wenn sich nichts mehr entwickelt?

Es bleibt die Frage, ob die Idee einer "geistigen Verbindung" zwischen Werk und Urheber noch in das Zeitalter postindustrieller Inhalteproduktion passt. Für alltägliche Zwecke ist es gut, wenn Information ohne Aufwand im Internet fließt, damit das Leben fließen kann, wie es bisher mündlich der Fall war. Aufsagen, Zitieren, Vorspielen und "Mitgeben" sind aus diesem Grund erlaubt.

Wo ist der zusätzliche Nutzen?

Darauf wird es wohl hinauslaufen: Wer etwas durch Arbeit geschaffen hat, hat darüber volle Verfügungsgewalt, jedoch nicht bei Geringwertigkeit. Werke sind nach Ablauf einer ersten Frist nur geschützt, wenn sie für alle einsehbar registriert sind, das geht heute elektronisch. Darüber hinaus ist eine gewisse Schöpfungshöhe immer erforderlich. Regelungen, die unterhalb einer gewissen Schöpfungshöhe ansetzen, wie zum Beispiel das Leistungsschutzrecht am Lichtbild (§ 72 UrhG), werden eines Tages entfallen.

Es gibt in einer volldigitalisierten Welt keinen Grund mehr, Milliarden Fotos auf Facebook pauschal zu schützen, obwohl nur wenige Aufnahmen besondere Fertigkeiten erfordern oder seltene Dinge zeigen. Das gilt auch für den zweihundertsten Aufguss einer Online-Tagesnachricht, der kaum den Inhalt ändert, sondern nur die Form. Dieses Vorgehen stiftet keinen zusätzlichen Nutzen, der neue Text ist selbst inhaltlich eine Kopie.

Trotzdem darf man nicht vom Status quo des heutigen Gefüges zwischen Urhebern, Verwertern und Publikum ausgehen. Noch vieles wird sich ändern. Wahrscheinlich werden Intermediäre, Vermittler - vor allem heutige Verwerter - unter Druck geraten, weil mit digitalen Marktteilnehmern neue Torwächter entstehen. Ihre Leistungsketten brechen, und monolithische Organisationen verlieren ihre Grenzen.

Diese Entwicklung kann zugunsten der Urheber sein. Die Verwerter haben die weitere Entwicklung zu ihren Ungunsten längst ins Kalkül gezogen und spielen ihre Position gegenüber Urhebern (Total Buyout), Kunden (Bezahlinhalte) und der Öffentlichkeit (Leistungsschutzrecht) aus, solange sie es noch können. Langfristig gewinnen die Urheber, die Werte schaffen, und die Gesellschaft, die von der neuen Vielfalt und ihrer Schnelligkeit profitiert

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