Kreditkartenumsätze, Bewegungsprofile, Restaurantbesuche Welche Daten Corona-Apps weltweit sammeln

Um das Virus zu stoppen, sammeln sie persönliche Daten, blockieren Netzinhalte und verschärfen Gesetze: Regierungen weltweit nehmen die Coronakrise als Vorwand, um digitale Rechte auszuhebeln.
Digitale Werkzeuge helfen, Ansteckungen zu verfolgen – doch die Datenschutzrisiken sind enorm

Digitale Werkzeuge helfen, Ansteckungen zu verfolgen – doch die Datenschutzrisiken sind enorm

Foto: WILLY KURNIAWAN / REUTERS
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

Dass sie eine Maske tragen, sollen die Nutzer der indonesischen Corona-App  »PeduliLindungi« mit einem Gesichtserkennungs-Feature beweisen, bevor sie öffentliche Gebäude betreten. Doch nicht nur das: Die App hält Bewegungsmuster in einem digitalen Tagebuch fest, mit einem QR-Code-Scanner identifizieren sich Nutzer, bevor sie etwa Restaurants betreten. Eine andere Funktion soll der Regierung zufolge sogar die Körpertemperatur ermitteln können.

Die App verschickt auch Warnhinweise, wenn sich Corona-Infizierte in der Nähe aufhalten – und verwarnt Nutzer, die zu wenig Distanz zu anderen Menschen halten. So ist »PeduliLindungi« seit ihrem Launch im April zu einer Art Super-App mit zahlreichen Überwachungsfunktionen angewachsen. Auch andere Corona-Tracking-Programme greifen tief in die Privatsphäre ein, besonders in asiatischen Ländern.

In der Coronakrise weiten Staaten weltweit die Überwachung aus

In der Coronakrise weiten Staaten weltweit die Überwachung aus

Foto: Thomas Peter / REUTERS

Dass die weltweite Gesundheitskrise den Rückgang der globalen Internetfreiheit und digitaler Rechte in vielen Ländern noch weiter beschleunigt hat, davor warnt auch die US-Nichtregierungsorganisation »Freedom House« in ihrem Bericht »Freedom on the Net 2020 «. Darin kritisiert die NGO einen Anstieg an Überwachung, Einschränkungen der Meinungsfreiheit oder die Verstärkung der digitalen Kluft.

  • Regierungen weltweit nutzen die Krise, um Überwachungsbefugnisse zu erweitern und den Einsatz neuer Technologien zu rechtfertigen. Sensible Gesundheitsdaten werden auf der ganzen Welt massenhaft gesammelt, digitalisiert und analysiert – zum Teil ohne angemessenen Schutz vor Missbrauch.

  • Die Pandemie wird von Regierungen in Ländern wie China, Bangladesch, Ägypten, Venezuela, Belarus oder Simbabwe als Vorwand genutzt, um den Zugang zu Informationen einzuschränken . Behörden blockieren etwa unabhängige Nachrichtenseiten und verhaften Kritiker mit dem Vorwurf, dass sie Falschnachrichten zur Gesundheitskrise verbreitet hätten.

  • Auch die digitale Ungleichheit wird weltweit verschärft. Obwohl der Internetzugang noch nie so essenziell war wie jetzt, da sich während der Lockdowns wichtige Informationen, Dienstleistungen, aber auch Arbeit und Unterricht ins Internet verlagern, blockierten etwa Indien, afrikanische Länder , Myanmar oder Belarus aus politischen Gründen das Internet in bestimmten Regionen oder schalteten gar Mobilfunknetze ab.

Staaten weltweit versuchen, die Bewegungsmuster von Infizierten zu tracken

Staaten weltweit versuchen, die Bewegungsmuster von Infizierten zu tracken

Foto: KIM KYUNG-HOON / REUTERS

Das Citizen Lab der University of Toronto, dessen Forscher derzeit internationale Covid-19-Apps testen, warnt, dass Apps und die Datenverarbeitung und -speicherung selbst unter normalen Umständen oft unsicher seien. Da viele Corona-Tech-Projekte unter hohem Zeitdruck entwickelt wurden, um in der Pandemie möglichst schnell einsatzfähig zu sein, könnten sie häufiger Programmierfehler und andere Schwächen enthalten.

Kürzlich deckte das Team etwa Sicherheitslücken  bei der philippinischen Plattform »Covid-Kaya« auf, mit der Mitarbeiter des Gesundheitswesens Infektionen dokumentieren und an das Gesundheitsministerium weiterleiten. Bei ihrem Test konnten die Forscher auf Daten der Nutzer zugreifen.

Corona-Apps mit Sicherheitslücken

Irene Poetranto, Senior Researcher beim Citizen Lab, beobachtet, dass bei einigen Corona-Apps wie bei »PeduliLindungi« nach und nach immer mehr Funktionen hinzugefügt werden – und Nutzern oft unklar sei, wie lange und zu welchen Zwecken ihre Daten erfasst und gespeichert würden.

Auch Südkorea nutzt für die Kontaktverfolgung etwa ein »Smart City «-System, das ursprünglich für die Stadtplanung  entwickelt worden war. Die Gesundheitsmitarbeiter betreiben einen Aufwand, als würden sie nach Kriminellen fahnden: Sie versuchen Wege und Kontakte von Infizierten nachzuvollziehen, indem sie unter anderem Kreditkartendaten, GPS-Daten von Autos und Aufnahmen aus Überwachungskameras auswerten sowie Funkzellendaten von Mobiltelefonen.

Die Bewegungsmuster von Corona-Infizierten werden anonymisiert online veröffentlicht. Zudem erhielten Nachbarn anfangs Handy-Nachrichten  mit Angaben zu Geschlecht, Alter, Beruf, Nationalität und Aufenthaltsort der Infizierten. »Die Behörden waren zu transparent, sodass die Details Rückschlüsse auf die Identität zuließen«, kritisiert Poetranto. Inzwischen teilt die Regierung nun zumindest weniger Daten mit der Bevölkerung.

Manila, Philippinen: Corona-Tracking-Apps könnten sensible Daten gefährden, wenn sie schlecht entwickelt sind

Manila, Philippinen: Corona-Tracking-Apps könnten sensible Daten gefährden, wenn sie schlecht entwickelt sind

Foto: ELOISA LOPEZ / REUTERS

Die Sorge: Vor allem autoritäre Staaten könnten die persönlichen Daten und die Bewegungsmuster, die sie nun sammeln, später missbrauchen, um Aktivisten oder Kritiker auszuspähen.

»Fake News« als Vorwand für Verhaftungen

Netzexperten kritisieren auch, dass einige autoritäre Regierungen in der Pandemie den Zugang zu Informationen beschränken – oft mit Verweis auf »Fake News«. Plattformen wie Facebook und YouTube werden derzeit zwar tatsächlich mit Gerüchten und Produkten rund um das Coronavirus überschwemmt, die nutzlos bis gefährlich sind – doch der Kampf gegen Falschinformationen dient vielen Regierungen auch als Vorwand, um Inhalte im Netz zu sperren und zu löschen oder gegen Kritiker vorzugehen.

Mehr als 20 Staaten beriefen sich »Freedom House« zufolge dieses Jahr auf die Pandemie, um Einschränkungen der Meinungsfreiheit durchzusetzen. Teilweise verabschiedeten Regierungen vage formulierte Gesetze, die »Fake News« oder Inhalte, die die »öffentliche Ordnung« schädigen, unter Strafe stellen. Um Corona-Statistiken und kritische Berichte zur Krise zu unterdrücken, blockierten Regierungen in mindestens 28 Ländern Websites oder zwangen Nutzer, Social-Media-Plattformen oder Medien, Informationen zu löschen.

Und in 45 von 65 untersuchten Ländern sind Aktivistinnen, Journalisten oder Bürger aufgrund von Covid-19-Beiträgen im Internet verhaftet oder verurteilt worden.

Allein in China zensierten Moderatoren der chinesischen Universal-App »WeChat« und der Live-Streaming-Plattform »YY« Millionen von Inhalten zu mehr als 2000 Stichwörtern, darunter auch harmlose Fragen oder Eindrücke zur Coronakrise.

In Simbabwe  riskieren Nutzer für einen Kommentar zur Gesundheitskrise, der von der Regierung als Falschinformation eingestuft wird, nun bis zu 20 Jahre Gefängnis. Die Regierung ließ auch einen Investigativjournalisten verhaften, der auf Twitter  über Korruption bei Lebensmittelverteilungen während des Corona-Lockdowns berichtet hatte.

In Thailand wurden seit Februar 2020 mehr als 150 Personen  im Zusammenhang mit Corona-Aussagen mit Haft- oder Geldstrafen belangt – ein Mann wurde festgenommen, nachdem er auf Facebook geschrieben hatte, dass er am Flughafen nicht auf Corona getestet worden sei.

Wer in Simbabwe online die Corona-Politik kritisiert, riskiert eine Gefängnisstrafe

Wer in Simbabwe online die Corona-Politik kritisiert, riskiert eine Gefängnisstrafe

Foto: Tsvangirayi Mukwazhi / AP

Die Coronakrise beleuchtet auch, wie problematisch es ist, wenn Länder das Netz blockieren: »Einige Staaten schalten das Internet für marginalisierte Gruppen ab und erweitern und vertiefen so die bestehende digitale Kluft«, heißt es dazu im »Freedom House«-Bericht.

In der Krisenregion Kaschmir zum Beispiel schränkt Indien den Zugang zu Informationen schon seit Längerem stark ein. Als im Januar in Srinagar, der größten Stadt in der Himalaya-Region, der erste Bewohner positiv auf Covid-19 getestet wurde, ordnete der damalige Bürgermeister die Bevölkerung an, zu Hause zu bleiben – doch viele erreichte die Nachricht nicht. Sogar das Gesundheitspersonal sei in Kaschmir zunächst hilflos und unaufgeklärt gewesen, erzählte ein Arzt dem Magazin »Technologie Review «: »Wir mussten Menschen, die außerhalb Kaschmirs auf Reisen waren, bitten, medizinische Handbücher herunterzuladen und Ausdrucke mitzubringen.«

Journalisten aus Kaschmir protestieren gegen Internetsperren

Journalisten aus Kaschmir protestieren gegen Internetsperren

Foto: DANISH ISMAIL / REUTERS

Zugang zum Internet und digitale Fähigkeiten seien in der Pandemie »kritisch«, heißt es in einer Studie  des »Capgemini Research Institute«. Regierungen sollten stärker mit Think-Tanks, Bildungseinrichtungen, Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen kooperieren, um die digitale Kluft zu verringern.

In Argentinien etwa stellen zivilgesellschaftliche Organisationen Schülern technische Geräte und Tutoren zur Verfügung. Und kalifornische Schüler aus ländlichen Gegenden erhalten kostenlose Laptops und mobilen Internetzugang .

Menschenrechtler und Tech-Organisationen fordern Regierungen nun weltweit dazu auf, transparenter damit umzugehen, wie die Corona-Tracking-Systeme funktionieren und was mit den Daten der Nutzer geschieht. Unterzeichner eines offenen Briefes  wollen, dass die indonesische Regierung den Quellcode für die »PeduliLindungi«-App zur Prüfung freigibt, eine klare Datenschutzrichtlinie erstellt und aufklärt, ob es kürzlich ein Datenleck gegeben habe.

In Deutschland hatte der Widerstand von Tech-Experten  dazu geführt, dass eine datenschutzfreundliche Corona-App entwickelt wurde. Kritiker aus autoritären Staaten haben dagegen kaum Chancen, gegen neue Gesetze und andere Verschärfungen vorzugehen: Länder wie Simbabwe unterdrücken Kritik und Proteste mit Repressionen – und rechtfertigen ihr Vorgehen mit der Virusbekämpfung .

Auch Irene Poetranto vom Citizen Lab befürchtet, dass sich viele bedenkliche Entwicklungen kaum rückgängig machen lassen: »Von Großereignissen wie den Olympischen Spielen wissen wir, dass viele Maßnahmen, die im Namen der Sicherheit eingeführt werden, auch danach bestehen bleiben«, sagt sie – und während der Lockdowns dürften Bürger dagegen nicht einmal auf die Straße gehen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.