Sascha Lobo

Corona-Satire Hurra, die neuen Corona-Maßnahmen sind da!

Sascha Lobo
Eine Zukunftsahnung von Sascha Lobo
Endlich Klarheit: Maskenpflicht herrscht nur an geraden Tagen in Straßen mit mehr als neun Buchstaben wochentags zwischen 5.45 Uhr und 22.08 Uhr. Diese und weitere Regelungen im satirischen Überblick.

Herbst 2020 in Corona-Deutschland. Die Fallzahlen steigen in Märzhöhen, Merkel schimpft mit den bräsigen Länderchefs, alle Welt zittert vor einem neuen Lockdown. Auf Telegram, dem als Messenger getarnten Social Gruselkabinett, kippt täglich neuen prominenten Männern mittleren Alters ihr Hirnbiotop um. Das Land muss gegensteuern, soviel ist klar - aber wie? Wenn man das bisherige Corona-Werk der relevanten Akteure in der Pandemie verfolgt hat, dann lassen sich ganz logisch die nächsten Schritte der kommenden Wochen erahnen.

Um einen erneuten Lockdown zu verhindern, regt Angela Merkel im Gespräch mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer als effektivstes Instrument einen Lockdown an. Nur mit einem präventiven Lockdown, so die Kanzlerin, käme man bei den gegenwärtigen Infektionsraten noch um einen Lockdown herum, der im Zweifel viel belastender sei als ein Lockdown. Für die meisten Beobachter überraschend, entscheiden sich die Länder jedoch in einem Anflug trotzigen Aufbegehrens für einen weiteren Lockdown, was als Schwäche der Kanzlerin interpretiert wird.

Das Robert Koch-Institut schlägt einen neuen wissenschaftlichen Fachbegriff für diejenigen Personen vor, die sich nach dem Toilettengang nicht die Hände waschen. Er lautet "Männer".

Hamburgs Verwaltung bringt die sogenannte rotierende Maskenteilpflicht auf den Weg . Dabei müssen Mund-Nasen-Masken unterhalb einer Temperatur von zwölf Grad an geraden Tagen mit einem UV-Index kleiner vier in Straßen mit mehr als neun Buchstaben in den Stadtteilen mit der höchsten Amseldichte wochentags zwischen 5.45 Uhr und 22.08 Uhr getragen werden. Ausnahmen gibt es nur für Schulkinder ohne Blinddarm (dienstags), Frauen mit dem Sternzeichen Wassermann (außer Aszendent Waage), Busfahrer im Dienst und für Trottel.

Hendrik Streeck vergleicht Corona mit der Grippe: Beides sei zwar schlimm, aber nicht so schlimm.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer bestellt sechshundert Milliarden Mund-Nasen-Masken für sechshundert Milliarden Euro bei einem Schnäppchenmarktbesitzer aus seinem Wahlkreis. Die fassungslosen Nachfragen des Bundesrechnungshofs kontert Scheuer elegant, es handele sich eben um einen "Ein-Euro-Markt", da könne man preislich nichts ausrichten, das sage ja schon der Name. Die schließlich gelieferten sechshundert Masken sind zum Großteil defekt, Scheuer bleibt im Amt mit der Begründung, er habe als vorausschauender Auftraggeber erst die Hälfte angezahlt.

In einer Tönnies-Großschlachterei wird ein massiver Corona-Superherd festgestellt, sämtliche Angestellte sind infiziert. Das zuständige Gesundheitsamt verbietet daraufhin Waldspaziergänge, evakuiert vorsorglich Ostwestfalen und sprengt alle Grundschulen im Umkreis von achtzig Kilometern. Die Arbeiten bei Tönnies dürfen fortgeführt werden unter der knallharten Bedingung, dass der Clemens ganz lieb verspricht, in Zukunft vielleicht etwas besser aufzupassen.

Die Duden-Redaktion legt verbindlich fest, dass die Aussprache "Qarantäne" lauten soll und nicht etwa "Qu-arantäne". Alles andere sei weltfremder Qatsch. Der Verein für Deutsche Sprache erklärt, dass "Quarantäne" ohnehin ein fremdzungiges Minderwort sei , eine viel stärkere Deutschizität ließe sich durch den Begriff "Heimvereinzelung" erreichen. Man habe den Gesichtserker gestrichen voll von Worten ausländischer Herkunft.

In seinem Podcast erwähnt Christian Drosten in einem Nebensatz eine mittlerweile zurückgezogene Unterstufen-Hausarbeit (Bio LK) von 1987. Darin stelle Lisa (13) die laut Drosten durchaus plausible These auf, dass Türklinken und Wasserhähne zu den wichtigsten Virenübertragungsorten zählen. Das Kanzleramt verbietet noch in der Nacht Wasserhähne, Türklinken und durch einen Übermittlungsfehler zunächst auch Hausarbeiten. CSU-Virenbezwinger Markus Söder bezeichnet die Maßnahmen als "bayerischen Goldstandard und seit Jahren überfällig". Armin Laschet protestiert, NRW sei das Badezimmerarmaturen-Land, man werde sich sicher nicht in den eigenen Wasserhahn schneiden , hier gelte das Prinzip der klugen Abwägung. Er bringt aber auf Anraten seiner Berater eine Helmpflicht bei der Türklinkennutzung auf den Weg.

Hendrik Streeck  vergleicht Corona mit einem Hummelstich: An beidem könne man zwar sterben, aber sterben müsse man eh irgendwann.

Die Kultusminister der Länder einigen sich nach dem Sommer des gezielten Abwartens auf eine Corona-bedingte Digitaloffensive für deutsche Schulen. Der dazugehörige Schlachtruf lautet: "ISDN für alle!" Dabei wird allen Schülerinnen und Schülern kostenlos ein Nokia-Handy mit 100 Frei-SMS und 50 KB Datenvolumen ausgehändigt. Außerdem soll je Schule ein zweiter Pentium-III-Rechner bereitgestellt werden. Bei der zeitlichen Planung legen die Bildungspolitiker fest, dass die Hälfte der deutschen Schulen Internet bekommen solle, allerspätestens bis zur Explosion der Sonne.

In einem offenen Brief fordern konservative Kolumnisten, Corona endlich zu verbieten. Es sei unverständlich, warum die Kanzlerin so lange auf diese unter konservativen Kolumnisten unumstrittene und obendrein rechtskolumnistisch legitime Maßnahme verzichtet habe.

Die WHO hat nach anfänglichen, monatelangen Hin-und-Herlichkeiten endlich eine klare Linie für ihre Empfehlungen gefunden. Sie schlägt die Reduktion der Atemzüge auf maximal vier pro Stunde und Person vor. Auf diese Weise könnten die virenbelasteten Aerosole selbst in dicht besetzten, öffentlichen Verkehrsmitteln kurzfristig um über 90 Prozent, bei penibler Einhaltung über längere Zeit sogar um 100 Prozent reduziert werden.

Die SPD fordert in einem eigens einberufenen Corona-Parteitag die Bundesregierung nachdrücklich auf, die Pandemie mindestens 3,8 Prozent und bei Alleinerziehenden 5,6 Prozent ernster zu nehmen. Auf den Hinweis, dass die SPD selbst Teil der Bundesregierung sei, erklärt die Parteispitze, es fühle sich aber gar nicht so an. Selbst langjährige Kritiker der Sozialdemokratie müssen zustimmen.

Karl Lauterbach stellt als erste Person weltweit gleichzeitig drei Gäste in ein und derselben Talkshow dar. Obwohl er sich häufig ins Wort fällt und sich mehrfach widerspricht, erreicht die Sendung Fabelquoten. Drei der vier großen Talkshows des Landes verlegen daraufhin ihre Studios in Lauterbachs untapeziertes Ein-Zimmer-Souterrain mit Kohleheizung und Außenklo, das er nach eigenen Angaben angemietet hat, um sich ständig die Freudlosigkeit des Lebens bewusst zu machen .

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Sascha Lobo

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In einer aufsehenerregenden Gemeinschaftsaktion plädieren die Länderchefs gegen die Kleinstaaterei und dafür, in Sachen Corona endlich mit einer Stimme zu sprechen. Die Abstimmung für die Einstimmigkeit der Bundesländer geht mit elf zu vier bei einer Enthaltung aus.

Datenschützer erringen einen glorreichen Sieg vor dem Bundesverfassungsgericht : Die Corona-App muss entschärft werden, sie darf zum Schutz der Persönlichkeitsrechte nur noch anzeigen, ob man in der gleichen Stadt wohnt wie jemand, der schon mal Corona hatte. Auch eine Klage der Grünen hat Erfolg: Die App darf nicht mehr Kranke ohne Corona diskriminieren und muss deshalb bei sämtlichen Virenerkrankungen angewendet werden können.

Hendrik Streeck vergleicht Corona mit Corona: Beides nerve zwar "wie Sau", aber müsse endlich primär als seine verpasste Gelegenheit betrachtet werden, der bekannteste Virologe des Landes zu werden.

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Um bessere Schlagzeilen zu bekommen als bisher, outet sich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer als Corona-Leugner. Bei der Pandemie handele sich um eine bösartige Erfindung der Grünen zur Reduktion des Auto- und Flugverkehrs. Außerdem kenne er keine Krankheit, die man nicht durch Gurgeln mit Diesel besiegen könne. Sein Telegram-Channel "Scheuer Official" verzeichnet innerhalb eines Tages eine sagenhafte Vervierfachung der Followerzahlen von zwei auf acht. Auf die bis dahin übliche prominente Unterstützung muss Scheuer allerdings verzichten: Attila Hildmann  lehnt Scheuer als zu windig und unseriös ab, der Bundesverkehrsminister müsse seine Glaubwürdigkeit erst einmal "hoch auf null" bekommen, bevor er in seinem Fahrwasser öffentlich mitleugnen dürfe. Scheuer tritt nicht zurück - mit der Begründung, jetzt sei ja auch schon alles egal.

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