Sascha Lobo

Gefährlicher Gemütszustand Schützt euch vor der Corona-Wut!

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die aktuelle Krise kann wütend machen. Und die Wut dürfte sich verstärken, wenn Millionen Menschen wochenlang in ihren Wohnungen bleiben müssen. Das Gute: Anders als gegen das Virus gibt es hierfür bereits ein Gegenmittel.
Viktualienmarkt in München, 24. März 2020

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CHRISTOF STACHE/ AFP

Bei der teilnehmenden Beobachtung des Weltgeschehens drängen sich schon jetzt drei Erkenntnisse auf. Die wichtigste: Wir sind nicht mittendrin, wir sind noch am Beginn der Corona-Ära, in jeder Hinsicht. Die langfristig wirksamste: Unsere Systeme sind viel fragiler als gedacht und erhofft. Von der dringendsten Erkenntnis dieser Zeit aber handelt diese Aufforderung:

Schützt euch vor der Corona-Wut!

Vor der eigenen und vor der anderer Leute. Diese Corona-Rage ist wie die Krankheit eine Gefahr. Und wie bei der Pandemie können auch hier alle etwas dagegen tun, wenigstens ein bisschen. Von Tag zu Tag wird deutlicher, dass wir zivilisatorisches Neuland betreten - unter Zwang und Druck, eine Garantie für Fehler und Missverständnisse aller Art. Es handelt sich um die erste globale Krise im Zeitalter der Vernetzung, sie trifft auf viele unterschiedliche, aber zum Großteil digitale Gesellschaften. Covid-19 und die Kommunikation darüber verbreiten sich gleichermaßen viral. Die Verhaltensweisen der Menschen werden von dieser Kommunikation beeinflusst, und weil menschliches Verhalten für die Ansteckung entscheidend ist, hängen Virus und Kommunikation enger zusammen als je zuvor. Zugleich setzt jede Lösung dieser Krise vernetztes Denken voraus (wie es Epidemiologinnen schon lange vor Erfindung des Internets praktizierten).

In der Zwischenzeit aber - bis Lösungen für die breite Masse nicht nur erkennbar, sondern auch spürbar werden - sind die Gefühle der Stunde Unsicherheit und Hilflosigkeit. Die verhängnisvolle Wirkung der grassierenden Fake News über Messenger-Dienste wie WhatsApp basiert darauf. Wir haben entweder verlernt oder nie wirklich gelernt, globale Hilflosigkeit konstruktiv zu bewältigen. Die radikal effizienzorientierten westlichen Gesellschaften haben, maßgeblich getrieben von Kapitalismus und Digitalisierung, an der Abschaffung des Gefühls der Hilflosigkeit gearbeitet. Das Motto der Zehnerjahre war: "There’s an app for that", dafür gibt es eine App, für alles gibt es eine App. Und jetzt stehen wir da mit unseren Smartphones, kennen das Wetter von übermorgen in Kapstadt, können KI-gesteuert 900 verschiedene Apfelkuchenfertigbackmischungen bestellen oder im Liegen einhändig ein witziges Effektvideo weltweit verbreiten. Aber fühlen uns bitter hilflos im Angesicht der Coronakrise.

Leider kann Hilflosigkeit leicht zu Aggression und Wut führen, das ist psychologisch einigermaßen gut erforscht. Der wissenschaftliche Fachausdruck für Menschen, die besonders schlecht mit Hilflosigkeit umgehen können und deshalb leichter wütend werden, lautet übrigens: Männer. Nun ist Wut kein prinzipiell abzulehnendes Gefühl, im Gegenteil. Aggressionen insgesamt sind Teil einer evolutionären wie auch gesellschaftlichen Überlebensstrategie, konkrete Wut etwa auf unhaltbare Zumutungen oder strukturelle Ungerechtigkeiten hilft bei der Weltverbesserung.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Aber Wut sucht sich Schuldige. Die Emotionsfigur des Sündenbocks ist uralt, und sie stammt daher, dass man für den Abbau seiner Wut einen Adressaten braucht. An einer Pandemie trägt jedoch niemand unmittelbar Schuld (bei der Verantwortung für falsche Gegenstrategien mag es dereinst anders sein). Ein Virus kann man nicht besonders gut beschimpfen. Schlimmer noch, man kann das Coronavirus zwar beschimpfen, aber es reagiert nicht darauf. Dadurch geht ein wesentliches Erleichterungsmuster der Wut verloren: Selbstwirksamkeit. Wut will Wirkung, und zwar um fast jeden Preis.

Also probiert man es mit einer Übersprungswut und sucht sich für seine Wut Ziele, die keine oder nur vernachlässigbar geringe Verantwortung tragen - aber zumindest theoretisch reagieren könnten. Jugendliche im Park. Leute, die sich mit der Hand ins Gesicht fassen. Diese Frau, die beim Bäcker kurz hustet. Eine Person, die drei Packungen Klopapier kauft. Oder in der rassistischen Variante eine asiatischstämmig aussehende Person. Es gibt gravierende gesellschaftliche Unterschiede zwischen diesen verschiedenen Wutformen, aber es ist zu befürchten, dass sie sich allesamt verstärken, wenn Millionen Menschen für Wochen, Monate weitgehend in ihren Wohnungen bleiben müssen.

Jetzt schon wird für eine unklare, aber im Vergleich sehr kleine Zahl von angeblichen "Corona-Partys" eine ganze Generation verdammt, schon jetzt nutzen Rechtsextreme wie Islamisten das Virus zur Hetze. Es ergibt sich eine explosive Mischung: großes Leid, hilflose Unsicherheit, die Abwesenheit eindeutig Schuldiger gepaart mit der Bereitschaft, Sündenböcke zu schaffen. Das ist die Basis für den Erfolg von Extremismus, weshalb ich nicht glaube, dass sich durch Corona "Rechtspopulisten entzaubern" werden , wie oft behauptet wird. Ich befürchte eher das Gegenteil, auch aus Corona-Wut können Extremisten Energie ziehen wie aus den meisten anderen Wutformen zuvor. Deshalb brauchen wir zunächst ein Eingeständnis: Wir sind nicht nur in einer physischen, sondern auch in einer psychischen Globalkrise . Wir müssen so schnell wie möglich lernen, unsere Hilflosigkeit anders als mit stumpfer Wut zu bewältigen. Wir müssen uns Instrumente erarbeiten, eigene und fremde Wut zu kanalisieren. Unsere Corona-Wut hat das Potenzial, uns zu vergiften, zu zerstören, manchmal sogar zu töten.

Denn die hilflose Wut hat nicht nur eine persönliche, sondern auch eine gesellschaftliche Wirkung: Der nachweisbare massive Anstieg häuslicher Gewalt , die von Angela Merkel offenbar im kleinen Kreis geäußerte Sorge über eine drastische Zunahme von Depressionen  und Suiziden, aber auch etwa das individuell sehr unterschiedliche Gefühl durch Ausgangsbeschränkungen , Ausgangssperren oder staatsgewaltliche Superpräsenz. Nichts eint so sehr wie ein gemeinsamer Feind, aber nichts entzweit so sehr wie ein Angriff ohne sichtbaren Feind. Wütende differenzieren kaum. Wütende nehmen schneller übel. Wütenden wählen stets die schlechteste Deutung des Geschehens, denn sie interpretieren die Kommunikation und die Handlungen anderer Leute so, dass ihre Wut ein Ziel bekommt. Wut macht radikaler und gefühlskälter.

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Sascha Lobo

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Meine These ist trotzdem: Die Welt saß noch nie so sehr in einem Boot wie zur Coronakrise - das haben bloß noch nicht alle realisiert. Auch auf diesem Boot gibt es verschiedene Klassen, oben und unten, mehr und weniger gefährdet. Aber zum Beispiel durch die offenkundige Zerbrechlichkeit unserer Systeme ist die Notsituation universal. Die Verzweiflung, die eine bis eben noch wohlhabend scheinende Abteilungsleiterin zum Suizid treibt, weil sie ihre Kredite nicht mehr bedienen kann, ist ebenso echt wie die Verzweiflung eines marginalisierten Mannes über seine schwindende Gesundheit. Es ist noch weniger die Zeit als sonst, ständig "Stell dich nicht so an!" zu rufen. Wir sind nicht nur in einer Pandemie, sondern auch in einer absoluten, globalpsychischen Ausnahmesituation und müssen alle erst lernen, damit überhaupt umzugehen. Aber anders als gegen das Coronavirus gibt es hierfür bereits ein Wundermittel: Empathie. Wir brauchen als Antwort auf Covid-19 eine Epidemie der Empathie.

Deren erste Regel heißt: Es ist viel mehr okay, als man auf den ersten Blick glauben möchte. Rücksichtslosigkeit ist und bleibt gefährlich und soll sanktioniert werden, aber die Bewältigung von Krisen derartigen Ausmaßes ist nicht immer rational. Schlechte Scherze zu ignorieren kann ebenso zielführend sein, wie Nachsicht und Geduld mit Andersfühlenden zu üben. Am wichtigsten wird vielleicht, auf Wut nicht mit Gegenwut zu antworten. Und sich im konkreten Fall zu fragen, warum bin ich selbst wütend? So schwer die Antwort fällt, wie ich leider aus eigener Erfahrung weiß. Die Corona-Pandemie wird durch Kontaktreduktion schwächer, die Corona-Wut wird durch Ehrlichkeit mit sich selbst schwächer. Die Wahrheit ist, je verletzlicher eine Person ist, wirtschaftlich, körperlich, psychisch, desto dringender ist sie auf Empathie angewiesen. Auch auf konkrete Unterstützung, aber Hilfe ohne Empathie ist wie ein Rettungsring, wenn man mitten im Ozean schwimmt. Man überlebt eine Zeit lang, aber das grundsätzliche Problem wird dadurch kaum gelöst. Und wer genau hinschaut, sieht einen Grund für Optimismus: Es gibt jetzt schon so viel Hilfsbereitschaft, so viel Netzwärme, so viel - darf ich es Liebe nennen? Kämpft gegen die Corona-Wut!