Sascha Lobo

Radikalisierung der Impfgegner Die Denkpest geht um

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Zehntausende protestieren zusammen mit Rechtsextremen gegen die Coronamaßnahmen. Viele von ihnen sind so misstrauisch, dass sie gar nichts mehr glauben. Dahinter steckt mehr als ein Medienphänomen via Telegram.
Demo gegen Coronamaßnahmen in Nürnberg: Ist nur der Zivilisationslack abgeplatzt?

Demo gegen Coronamaßnahmen in Nürnberg: Ist nur der Zivilisationslack abgeplatzt?

Foto: Dwi Anoraganingrum / imago images/Future Image

Zehntausende Menschen gehen auf die Straße, vorgeblich gegen Coronamaßnahmen und Impfpflicht. Tatsächlich ist aus »Querdenken«, Esoterik-Gläubigen und Rechtsextremen eine gefährliche Protestbewegung entstanden, ihr kaum verstecktes Ziel ist ein Umsturz. Verschwörungserzählungen dienen als ideologischer Fugenkitt, begleitet von Antisemitismus und autoritär geprägtem Elitenhass.

Die meiner Einschätzung nach größte Gefahr geht aber weniger vom harten Kern aus – sondern von den schätzungsweise mehreren Millionen Sympathisierenden mit ihrer Anfälligkeit für Verschwörungserzählungen und ihrer coronabasierten Akzeptanz von Extremismus und Gewalt.

Die vielleicht wichtigste Frage ist: Wie konnten sich so viele Menschen radikalisieren oder die Radikalisierung ihrer Crowd verkennen? Ist nur der Zivilisationslack abgeplatzt? Wurde ein lange bestehendes Extremismus-Potenzial so halb gehoben, weshalb vermeintlich ganz normale Leute gemeinsam mit Nazis auf die Straße gehen? Ich möchte eine These anbieten: Die Extremsituation der Pandemie, schlechte (staatliche, institutionelle) Kommunikation und soziale Medien wie Telegram haben ein neues Massenphänomen hervorgebracht, eine Vorstufe zum umfassenden Verschwörungsglauben:

die Denkpest.

Denkpest ist ausdrücklich keine Krankheit, ebenso wie ein »virales Video« nichts mit einem Krankheitserreger zu tun hat. Insbesondere Rechtsextremismus sollte nicht als Krankheit, sondern als hassgetriebene Welthaltung begriffen werden. Aber für wesentliche Mechanismen trifft die Metaphorik gut, weshalb schon 2003 im Zuge der SARS-Epidemie der ähnliche Begriff »Infodemie«  (Informationspandemie) entstand.

Bei der Denkpest hat einerseits die Art und Weise der Verbreitung etwas mit Übertragung zwischen Personen zu tun. Andererseits wirkt sie mehr oder weniger auf den gesamten Menschen: auf die Denkweise, die Wahrnehmung, das Verhalten, die Kommunikation, die soziale Interaktion.

Denkpest ist, was passiert, wenn ein Mensch sich in den Gedankenirrgärten von Fake News und Verschwörungstheorien verläuft. Mir persönlich hat bisher ein Wort dafür gefehlt, denn Denkpest ist mehr als ein Medienphänomen via Telegram. Sie ist eine Art unbewusste Ideologie. Das ist ein lange existierender und trotzdem sehr aktueller Begriff der politischen Soziologie. Der österreich-ungarische jüdische Soziologe Karl Mannheim beschrieb die unbewusste Ideologie  so: Der Betroffene kann »die Inkongruenz seiner Vorstellungen mit der Wirklichkeit deshalb nicht entdecken […], weil die Gesamtaxiomatik seines historisch und sozial bestimmten Denkens so gelagert ist, daß die Inkongruenz prinzipiell nicht sichtbar werden kann.« Ein bisschen einfacher ausgedrückt: Die unbewusste Ideologie der Denkpest ist wie unangenehmer Körpergeruch, Betroffene sind nicht ohne Weiteres in der Lage, es zu riechen – aber alle anderen leiden darunter.

Die Denkpest lässt sich als Vorform und Nährboden der Verschwörungsideologie begreifen. Der größte Unterschied zwischen beiden: Man muss an keine einzige Verschwörung glauben und kann trotzdem die Denkpest haben. Es reicht aus, wenn man ein derart tiefes Misstrauen entwickelt hat, dass man einfach nichts glaubt. Wenn man mit Denkpest-Betroffenen versucht zu diskutieren, stößt man nicht zwingend auf das geschlossene Weltbild vieler Verschwörungsgläubiger. Häufiger sind gefühlte, diffuse Zweifel, die eher von einer tiefen Verunsicherung herrühren als vom Glauben an eine konkrete Erklärung in Form einer Verschwörung. Vielleicht liegt darin der Millionenerfolg der Denkpest begründet: die Niedrigschwelligkeit, nicht an die Herrschaft der Echsenmenschen zu glauben, sondern einfach daran, dass irgendwas ja wohl irgendwie faul sein muss. Weshalb man sich lieber auf sein Bauchgefühl verlässt als auf »offizielle« Informationen.

Maßgeblich ist wie bei vielen Radikalisierungsprozessen ein übersteigertes Misstrauen in klassische, redaktionelle Medien. Nicht, dass es dort nicht viel zu kritisieren gäbe. Aber die Denkpest braucht als Grundlage die Überzeugung, dass mehr oder weniger alle Medien absichtlich oder aus Unwissen falsch berichten. Toxische Begriffe wie »Lügenpresse« bedeuten dabei gerade nicht, dass alle Medien immer lügen. Vielmehr ist die Funktion von »Lügenpresse« oder das angrenzende »Mainstream-Medien« als Symptom der Denkpest viel teuflischer: Sie ermöglicht, sich vollkommen frei auszusuchen, was man für richtig hält, was für falsch oder wo man einfach das Gegenteil des Inhalts für richtig hält. »Mainstream-Medien«, kurz MSM, ist die Selbsterlaubnis, sich stets nur die Informationen herauszusuchen, die einem in den Kram passen. Quasi die kognitive Verzerrung des Bestätigungsfehlers in einen einzelnen Begriff gegossen. Die Denkpest hat sich so ein selbstverstärkendes Muster geschaffen: Richtig ist, was die Denkpest stützt. Falsch ist, was ihr widerspricht.

Die Übertragung der Denkpest schließlich passiert wahrscheinlich via Mund-zu-Mund-Propaganda, meist digital über Messenger, über soziale oder propagandistische redaktionelle Medien: Kernbestandteile scheinen einerseits Schwierigkeiten mit der Komplexität und den vielen Grauschattierungen der Welt zu sein – und andererseits die häufige Konfrontation mit widersprüchlichen Informationen. Für einige Menschen ergibt sich daraus ein unangenehmes Dilemma, weil sich für sie kaum gesichert sagen lässt, was sie glauben können und was nicht.

Tatsächliche und vermutete oder empfundene Fehler in klassischen Medien verstärken das Dilemma, und schließlich bietet sich ein vermeintlicher Ausweg, der sogar noch simpler ist als die einfachen Erklärungen der Verschwörungstheorien: keine Erklärung, sondern einfach ein Abwehrgefühl. In Diskussionen mit wahrscheinlich Denkpest-Betroffenen habe ich Begründungen gehört wie: »Ich kann nicht genau sagen, warum der Impfstoff schädlich ist, aber ich habe kein gutes Gefühl«. Hier zeigt sich vielleicht besonders deutlich der Unterschied zwischen Verschwörungstheorien – die immer Muster oder Erklärungen anbieten – und ihrem Nährboden, der Denkpest.

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Das Generalmisstrauen, das mit der Denkpest einhergeht, ist dann auch das Einfallstor für viele weitere Radikalisierungsprozesse wie der Aufbau von Feindbildern, die Manifestation der Opferhaltung oder die prinzipielle Unterstellung der Bösartigkeit, wo eigentlich Fehler oder Unfähigkeit als Erklärung ausreichen.

Schließlich ergibt sich aus der Denkpest auch die hohe Affinität zu Fake News, und das ist unter anderem ein Angriffsvektor für die Putin'sche Propaganda (das russische staatspropagandistische Medium RT DE gehört zu den wichtigsten »Nachrichten«-Quellen von »Querdenken«). Direkt aus den alten, sowjetischen Manipulationshandbüchern des KGB stammt zum Beispiel die Strategie, so viele unterschiedliche, sich widersprechende Informationen zu veröffentlichen, dass das Publikum überfordert ist und nichts mehr glaubt. Dabei spielt für den Effekt kaum eine Rolle, ob hinter der Überflutung mit widersprüchlichen, teils plausiblen und teils absurden Informationen tatsächlich eine Propagandaabteilung steht oder schlicht soziale Medien, die leicht als Radikalisierungsmaschinen funktionieren können – wie Telegram und YouTube. Denn am Ende bewirkt die generalmisstrauende Denkpest, dass man allem misstraut und sich deshalb zum Beispiel nicht impfen lässt: Man weiß ja nie.

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