Sascha Lobo

Coronapandemie Ein Ausweg für die Quergläubigen

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die Querdenker werden nach der voraussichtlichen Aufhebung der Coronamaßnahmen im Sommer annehmen, einen Sieg errungen zu haben. Es wird die Neudefinition des Pyrrhussiegs. Viele werden ihn nicht erleben.
Gegner der Coronapolitik in der Innenstadt von Wangen im Allgäu: Schachspielende Tauben

Gegner der Coronapolitik in der Innenstadt von Wangen im Allgäu: Schachspielende Tauben

Foto: Felix Kästle / dpa

Die Tonlage in den einschlägigen Kanälen wird immer schriller, die Argumente immer abstruser. Querdenker und Impfgegner radikalisieren sich weiter, parallel nimmt die Zahl derjenigen zu, die auf die Straße gehen. Es mögen nur ein paar Prozent der Bevölkerung sein. Aber sie haben sich so tief in ihre verschwörungsraunende Scheinrealität zurückgezogen, dass man sich fragen muss, wie diese Leute jemals zurück in ein halbwegs normales Leben finden sollen. Es sind ja zu viele, als dass man sie nach der Pandemie einfach ignorieren könnte.

Diese Woche hat sich allerdings für einen großen Teil der Quergläubigen ein möglicher Ausweg offenbart – der sich für das halbwegs rationale Publikum sehr schmerzhaft anfühlen dürfte. Der Hintergrund ist, dass der spanische Ministerpräsident trotz Rekordinzidenzen und entsprechender Intensivstation-Belegung über eine »Grippalisierung« von Covid-19 gesprochen hat . Das bedeutet, die Pandemie wie eine Grippewelle zu behandeln. Spanien hat eine Impfquote von über 80 Prozent, das ist selbst dann besser als in Deutschland, wenn man die wahrscheinliche Untererfassung hierzulande berücksichtigt, und trotzdem ist eine Reihe von Fachleuten skeptisch, was eine »Grippalisierung« angeht. Sie sehen darin eine Verharmlosung des Virus und befürchten angesichts der hohen Zahl der Ansteckungen einen möglichen Zusammenbruch des Gesundheitssystems.

In gewohnter Weise spielen tatsächliche Fachleute für Quergläubige keine Rolle, sie folgen lieber ihren Telegram-Propheten. Und hier lässt sich anhand der Reaktionen auf die spanische Ankündigung gut abschätzen, was in Zukunft passieren könnte. Nicht mit dem harten, oft rechtsextremen Kern der Radikalisierten, sondern mit den vielen Mitläufern. Die sich nicht ganz so heftig nach einem Umsturz, sondern nach ihrer eigenen Normalität sehnen.

»Damals, als wir im Widerstand waren!«

Wohl aus einer Amazon-Rezension von 2005 stammt ein ikonischer Internetkommentar , seitdem oft variiert. Eine Diskussion mit (kreationistischen) Wissenschaftsleugnern sei »wie Schach spielen mit einer Taube: Sie wirft die Spielfiguren um, kackt auf das Spielbrett und fliegt dann zurück zu ihrem Schwarm, um ihren Sieg zu feiern.« Was direkt zu Querdenkern und Impfgegnern führt, die diese Woche in ihren Social-Media-Zirkeln Parolen verbreitet haben wie »Spanien fällt!«, begleitet von anschwellendem Triumphgeheul. Die Querdenker stehen vor einem überwältigenden, geradezu glitzergoldenen Sieg nach dem Muster der schachspielenden Taube.

Die kommende Erzählung lautet wie folgt: Wenn irgendwann in Deutschland die Maßnahmen auf ein Minimum begrenzt werden, werden die Querdenker das nicht etwa als Folge der gemeinsamen Kraftanstrengung und der modernen Medizin zwischen Impfung und Behandlung deuten. Sondern als ihren eigenen Sieg – endlich ist der Staat vor uns eingeknickt! Sie werden weiter behaupten, dass Corona schon immer kaum mehr als eine Grippe war (wenn es überhaupt existierte!) und sie sich jetzt eben durchgesetzt haben. Weil man ihre »Spaziergänge« einfach nicht mehr ignorieren konnte. Sie werden gegenüber der Restbevölkerung sogar Dankbarkeit einfordern, weil die Aufhebung der Maßnahmen natürlich ihre Leistung war. Weil sie den Versuch der Bundesregierungen, die Demokratie per Corona-Alibi abzuschaffen, mit ihrem großartigen Protest verhindern konnten. Wer so weit abseits der Realität zeltet, braucht keinerlei Beweise. Erst recht nicht für eigene Heldentaten.

Wie gesagt, schwer erträglich – und doch, auf eine Art, eine gute Nachricht. Denn der eingebildete Sieg ermöglicht den Ausgerasteten beinahe den Rückweg in ein normales Leben, in dem sie nicht mehr die Last des Widerstands gegen Bill Gates tragen müssen. Noch immer lebt dann ein Teil der Bevölkerung in einem dauerhaften Fantasma, das aber nicht mehr auf die Gegenwart, sondern auf die Vergangenheit bezogen ist. Hunderttausende teilweise gewaltbereite »Spaziergänger« verwandeln sich in corona-nostalgische Veteranen: »Damals, als wir im Widerstand waren!« Immerhin handelt es sich um eine einigermaßen gesichtswahrende Rückkehr in eine, na ja, neue Normalität.

Diese neue Normalität aber könnte in eine neue, absurd anmutende Situation münden. Ausgangspunkt ist die Aussage von Christian Drosten im Interview mit dem Tagesspiegel : »Das Virus muss sich verbreiten, aber eben auf Basis eines in der breiten Bevölkerung verankerten Impfschutzes. Die abgeschwächte Infektion auf dem Boden der Impfung, das ist so etwas wie ein fahrender Zug, auf den man aufspringt. Irgendwann muss man da aber auch mal drauf springen, sonst kommt man nicht weiter. Die gute Nachricht ist: Im Moment fährt der Zug angenehm langsam, denn Omikron hat eine verringerte Krankheitsschwere.«

Laut Drosten ist der Weg in die Endemie (auch Grippalisierung heißt nichts anderes) also von flächendeckender Ansteckung geprägt, was er übrigens schon seit längerer Zeit andeutet. Den Unterschied macht dabei, wie groß die Chance auf einen schweren oder gar tödlichen Verlauf von Covid-19 ist, und dafür ist eben die Impfung entscheidend. Inzwischen ist aber klar, dass der Impfschutz mit der Zeit abnimmt.

Irgendwann werden die Durchgeimpften fragen, wann eigentlich für sie der beste Zeitpunkt für eine Infektion ist. Vier Wochen nach dem Boostern? Acht? Solange mit Omikron noch eine halbwegs milde Virusvariante grassiert? Nach der vierten Impfung? Drei Wochen vor dem Jahresurlaub? In jedem Fall aber dürfte der Zeitpunkt vor dem nächsten Herbst liegen, in dem – womöglich mit einer neuen Variante – Fachleute eine neue Welle erwarten, weil noch immer zu viele Menschen ungeimpft sind. Zur gleichen Zeit krank zu sein wie viele andere, ist keine besonders verlockende Aussicht.

Es mag sein, dass deshalb ein Teil der Geimpften »Coronapartys« feiert, um ihre Infektion bestmöglich zu timen. Deutlich wahrscheinlicher ist aber, dass irgendwann schlicht die Risikobereitschaft der Geimpften dramatisch steigt und damit ihr Wille zur Rücksicht ebenso dramatisch schwindet. Zum Beispiel, wenn klar ist, dass mit der Omikron-Anpassungsimpfung im Leib die Chance auf einen schweren Verlauf verschwindend gering ist.

Die Geduld der Geimpften ist ein Gut, mit dem von Politik wie von Querdenkern derzeit sehr verschwenderisch umgegangen wird. Aber sie ist eben endlich. Wenn sie bei ausreichend vielen Leuten aufgebraucht ist, sinkt das Verständnis für freiwillig ungeimpfte Kranke auf ein Minimum. Wenn es überhaupt noch vorhanden ist. Und auch die Bereitschaft für schwerwiegende Einschränkungen des Alltags dürfte kaum mehr vorhanden sein: Maskenpflicht in Innenräumen, aber das war es vermutlich auch schon.

Dann braucht es nur noch eine Virusvariante, nennen wir sie Sigma, die sich entlang der bisherigen Mutationen für den nächsten Herbst leicht vorstellen lässt: extrem ansteckend, bei Ungeimpften häufig mit schwerem Verlauf, bei Durchgeimpften fast immer milde Verläufe. Die Querdenker werden nach der Aufhebung der derzeitigen Maßnahmen im Sommer vermutlich glauben, einen Sieg errungen zu haben. »Querdenker-Sieg« wird dann die Neudefinition des Pyrrhussiegs. Viele werden ihn nicht mehr erleben. Aber selbst Zehntausende Tote in den eigenen, ungeimpften Reihen werden die Querdenker und Impfgegner nicht davon überzeugen, dass ihr Weg falsch war. Und ist. Und bleibt.