Sascha Lobo

Coronakrise Willkommen im weinerlichen Wellness-Widerstand

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die vierte Coronawelle rollt, und mit ihr kommt die Wut. Denn bei dieser Welle kann man ziemlich präzise sagen, wer sie zu verantworten hat.
»Querdenken«-Demonstration in Oldenburg: Es gibt mehrere Gründe für die Wucht dieser absurden Bewegung

»Querdenken«-Demonstration in Oldenburg: Es gibt mehrere Gründe für die Wucht dieser absurden Bewegung

Foto: Eibner Pressefoto / Fabian Steff / imago images/Eibner

Ab wann darf man eigentlich wegen der erneuten Coronawelle ungebremst wütend sein? Und auf wen genau? Natürlich darf man immer wütend sein, ist ja ein freies Land, aber hinter der viel zu subjektiven Frage nach der berechtigten Wut steht etwas anderes. Nämlich die Frage nach der Verantwortung für die vierte Welle. Und die lässt sich inzwischen beantworten. Wenn man möchte, sogar in Form einer Reihenfolge: die Impfgegner und ihre Propagandahelfer, die Bundesregierung samt dysfunktionaler Verwaltung und schließlich die mangelnde Digitalisierung.

In sozialen Medien wird derzeit ein kurzer Text verbreitet, der von einem Berliner Kokstaxi-Betreiber stammen soll, also einem Lieferdienst für Drogen. Solche Unternehmungen gibt es inzwischen in vielen Großstädten, und anders als beim Pizzaservice muss man zur Abwicklung des Geschäfts meist in das Auto einsteigen und zu Tarnungszwecken ein wenig herumfahren. Der Text lautet : »Wegen der steigenden Infektionszahlen gilt bei uns im Auto ab sofort 1G, also wir beliefern nur noch Leute, die vollständig geimpft sind. … Ohne Impfzertifikat gibt es keinen Service und ihr fliegt auch aus unserem Telefonverteiler. Alle unsere Fahrer sind selbstverständlich auch geimpft, schon seit Monaten.«

Es ist schon erstaunlich, dass diese Mitteilung überhaupt notwendig ist. Wenn man sich mit unbekannten Chemikalien angereicherte, illegale, manchmal tödliche Gifte aus dubiosen Quellen in alle möglichen Körperöffnungen schmiert – wie um alles in der Welt sollte sich so jemand aus Sorge um die eigene Gesundheit nicht impfen lassen? Aber vielleicht ist genau das ein guter Indikator für die teilweise radikale Irrationalität derjenigen, die sich noch immer nicht impfen lassen wollen.

Es mag im Einzelfall valide Gründe geben, warum sich Menschen in Deutschland im November 2021 noch immer nicht haben impfen lassen und es auch nicht mehr vorhaben. Für die übergroße Mehrheit der Impfverweigerer aber gilt das nicht. Je nach Soziotop gibt es unterschiedliche Gründe für die Ablehnung, in migrantischen Communitys etwa kursieren andere impfverhindernde Erzählungen als in esoterischen Zirkeln. Eine Gruppierung aber sticht immer wieder heraus.

In der »Süddeutschen Zeitung«  gab eine Intensivmedizinerin über sie zu Protokoll: »… wer heute nicht geimpft ist, das ist ein Statement… Sie sind streitlustig, vorwurfsvoll… haben das Gefühl, wir wollen mit ihnen die Statistik fälschen«. Die Leute, die je nach Intensität ihrer Gegnerschaft nicht mit dem Strom schwimmen wollen, sich auf keinen Fall der Mehrheitsmeinung beugen möchten oder gar gegen eine »Impfdiktatur« kämpfen: Willkommen im weinerlichen Wellness-Widerstand. Wo man sich jammernd, aber heroisch auflehnt gegen eine eingebildete »grundlose Unterdrückung«.

Zu selten wird leider über die verschiedenen Gründe für die Stärke und Wucht dieser absurden Bewegung gesprochen: Soziale Medien zwischen Facebook, Blogs und dem Social Messenger Telegram sind die Basis. Propaganda und Manipulation  sind der Treibstoff, teils aus politischen Interessen, teils aus Ruhmsucht und Geschäftemacherei.

Konkret arbeitet der Putin’sche Propagandaapparat natürlich auch mit Falschnachrichten , Verneblung und Verwirrung zum Thema Impfungen. Der deutschsprachige russische Staatssender RT DE (früher Russia Today) verbreitet nachweislich Desinformation zu den Impfungen, aber wird bei einer bestimmten, putinbegeisterten Klientel trotzdem ernst genommen. Ergänzt und flankiert wird das Ganze durch eine Reihe öffentlicher Figuren in Deutschland, die so nicht nur große Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sondern teils auch wirtschaftlich profitieren: über Spenden, über Werbung, über den Verkauf zweifelhafter Mittel aller Art an die Leichtgläubigen. Oft mit Erfolg.

Der Wellness-Widerstand hat inzwischen eine eigene Serie auf Netflix

Mechanismen der sozialen Medien und antiwestliche, zum Zweck der EU-Destabilisierung verbreitete Propaganda trifft auf den Wellness-Widerstand, der begierig jede noch so absurde Information aufsaugt, die ihm bei seinem Ziel hilft: sich endlich auch einmal wichtig, besonders, opferhaft fühlen zu können. Auflehnung ist das soziale Bewegungsgefühl der Stunde, oft zu Recht, Black Lives Matter, Fridays for Future, MeToo. Aber was machen Leute, die irgendwie nicht so richtig protestierenswert diskriminiert werden? Entweder schreiben sie bitterenttäuschte Texte darüber, dass sie als katholische Nichtraucher das Leid afghanischer Frauen sehr gut nachvollziehen können, weil ihnen letzte Woche in der Kantine eine vegane Gemüse-Brisolette in genderneutraler Ansprache angeboten worden ist. Oder sie ergreifen unter Ausblendung aller wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Erkenntnisse sowie jeglicher Solidarität die fahle Gelegenheit, endlich auch massiv herumzuopfern.

Der Wellness-Widerstand hat inzwischen eine eigene Serie auf Netflix: »Sløborn« – passenderweise mit dem schlingernden Corona-Skeptiker Wotan Wilke Möhring in einer der tragenden Rollen. In einem der ironiefreiesten Filmwerke der jüngeren Kulturgeschichte geht es um eine Taubengrippe-Epidemie, die zwar irgendwie existiert, aber die dagegen ankämpfende Regierung ist trotzdem böse und lügt und mordet.

Wilke Möhring spielt einen karrieregeilen, weitgehend skrupellosen Wissenschaftler, der sich, als es drauf ankommt, gegen seine eigene Tochter und für den bösen, manipulativen Staat entscheidet. »Querdenker« sollen an dieser Stelle bitte eine Extra-Träne des Corona-Selbstmitleids weinen. Feinster, pandemischer Die-da-oben-Populismus inklusive Bundeswehr mit Schießbefehl gegen Pandemie-Flüchtlinge, der fiebrige Traum des Wellness-Widerstands also. Mit der Botschaft: Der Graben zwischen den »Vernünftigen« im Widerstand und den boshaften Wissenschaftsfaschos kann sogar durch deine eigene Familie gehen! »Sløborn« ist perfekte Unterhaltung für Leute, die sich bisher einfach nicht getraut haben, einen gelben Stern mit der Aufschrift »ungeimpft« zu tragen.

Die Ungeimpften sind das größte Problem – aber nicht das einzige

Die Psychologie kennt die Wohlstandsverwahrlosung bei Kindern , der Wellness-Widerstand baut auf ähnlichen Mechanismen auf. Der Journalist Lenz Jacobsen schrieb schon im März 2020, ganz zu Beginn der Pandemie, hellsichtig vom »Wohlstandstrotz« . Dieser Massentrotz der Verwöhnten hat tödliche Folgen. Nach der »Anne Will«-Sendung vom 7. November 2021 rauschte ein Begriff durch die soziale wie redaktionelle Medienlandschaft: Tyrannei der Ungeimpften . Ins Spiel gebracht wurde er von Frank Ulrich Montgomery, dem Vorsitzenden des Weltärztebundes. Es ist zu einem feindseligen Akt geworden, sich nicht impfen zu lassen.

In der Tat sind die 15 Millionen Menschen in diesem Land, die sich hätten impfen lassen können, das größte Problem. Aber eben nicht das einzige. Zu einer Tyrannei der eigentlich Machtlosen gehören machtvolle Instanzen, die das zulassen, vor allem die noch geschäftsführende Bundesregierung.

Man kann aus der Analyse des Flüchtlingsjahrs 2015 sicherlich viel lernen, und natürlich kann man und darf man skeptisch sein gegenüber den Geschehnissen, den Verwerfungen, den nachfolgenden Erpressungen. Es scheint aber, als sei die zentrale Lehre der letzten Regierung Merkel aus dem Jahr 2015, dass man einem lautstarken, rechts durchwirkten, irrationalen Mob so weit wie irgend möglich entgegenkommen muss. Das ist doppelt fatal, nicht nur im Ergebnis, sondern auch, weil auf diese Weise qualifizierte, berechtigte Kritik gleich mitentwertet wird.

Deshalb ist zum Beispiel gleich zu Beginn ohne Not jede Form von Impfpflicht mit großem Getöse als »undenkbar« ausgeschlossen worden. Deshalb wurde die Impfkampagne kommunikativ massiv verbockt. Und deshalb – eigentlich grotesk – können im Herbst 2021 tatsächlich noch immer Regierungsvertreter so tun, als wäre man von den explodierenden Zahlen völlig überrascht worden und könnte dafür leider nichts. Wenn man nämlich beginnt, den Pfad der Irrationalität zu beschreiten, obwohl man es besser wüsste, bleibt am Ende nur noch das Prinzip Hoffnung: Es möge bitte nicht so schlimm kommen.

Es ist zum Beispiel ein offenes Geheimnis, dass die extrem sinnvolle Impfpflicht im Gesundheitswesen – in vielen liberalen Ländern eine Selbstverständlichkeit – auch deshalb nicht kommt, weil die Pflege ohnehin dramatisch überlastet und unterbezahlt ist. Daher werden auch die Impfgegner beim medizinischen Personal gebraucht. Man kann nicht riskieren, dass zehn, fünfzehn Prozent der Fachkräfte nicht mehr zur Arbeit erscheinen, weil sie glauben, sich dem Wellness-Widerstand anschließen zu müssen. Und das, obwohl inzwischen nachweislich viele Tote auf das Konto von Pflegekräften gehen, die sich aus Bockigkeit nicht impfen lassen wollten. Die Bundesregierung hat so Hand in Hand mit einer zu langsamen, seit Jahrzehnten reformstauenden Verwaltung dafür gesorgt, dass laut Fachleuten uns die Pandemie trotz der Existenz hervorragender Impfstoffe volle Granate trifft. In der Charité werden soeben alle planbaren Operationen abgesagt , wegen Corona-Überlastung, und das wird Leben kosten.

In geradezu kongenialer Ergänzung der Regierungsschwäche scheint die Stiko, die Ständige Impfkommission, zu agieren, die stets drei Monate zu spät auf erkennbar halbherzige Weise Entscheidungen trifft. Weshalb viel zu viele Schulkinder bis heute nicht geimpft sind, obwohl sie es sein könnten. Was wiederum die extremen Inzidenzen unter sehr jungen Menschen erklärt, powered by Stiko. Die Jungen stecken dann meist unwissentlich Ältere an, die eben viel zu selten geimpft sind.

Während es in Spanien oder Portugal zumindest derzeit so aussieht, als hätte man sich in die Nähe der Normalität zurückgeimpft, sieht es in Deutschland anders aus. Und das wiederum liegt nicht zuletzt an der komplett mangelhaften Digitalisierung in diesem Land, insbesondere im Gesundheitssystem. Ein System, das im Würgegriff allzu vieler Lobbyisten und Bürokraten seit Jahrzehnten beinahe unreformierbar erstarrt ist. Man muss sich die Dysfunktionalität durch Überkomplexität einmal vor Augen führen: Es ist durch falsche, hyperkomplizierte Gesetzgebung in Deutschland wahrscheinlich bisher nicht verboten , Impfzertifikate zu fälschen. Das ist keine Gesetzeslücke, das ist nach fast zwei Jahren Pandemie gröbste, politische Fahrlässigkeit. Allein diese Absurdität reicht vielleicht aus, um am über-, aber fehlregulierten Deutschland zu verzweifeln.

Im Kontrast dazu sieht es in Spanien so aus: Digitale Patientenakten sind vollumfänglich verfügbar für alle behandelnden Medizinerinnen, und sie enthalten verwaltungszugängliche Ortsdaten. »Die Behörden wussten nicht nur genau, wie viele Vakzinen sie wohin schicken mussten, sondern wussten auch, wie und wo sie die Empfänger erreichen«, zitiert die »Zeit« einen führenden spanischen Epidemiologen . Dadurch konnten die Organisation die Impftermine direkt auf die Smartphones der Bevölkerung schicken. Die Boosterimpfung wird ebenso organisiert, die Impfquote liegt bei fast 90 Prozent, das Fachblatt »The Lancet« glaubt, dass Spanien sogar die Herdenimmunität erreichen könnte . In Deutschland wäre das gesamte Konstrukt zu teuer, würde die mächtigen Lobbyvereinigungen zu viel Macht kosten und wäre schon aus Datenschutzgründen völlig undenkbar.

Wenn auch bei jeder Kritik am bizarren Datenschutzverständnis  der Bundesrepublik Deutschland eine mittelgroße Herde höchst engagierter Datenschützer – meist Männer – aus dem Gebüsch springen und erklären, dass Datenschutz überhaupt nichts verhindern würde. Natürlich trägt Datenschutz nicht die Hauptverantwortung am deutschen digitalen Versagen, und natürlich wird Datenschutz häufig als willkommene Ausrede für jede Form von digitalem Versagen missbraucht, und natürlich gäbe es oft datenschutzkonforme Lösungen. Aber die kosten Zeit, Ressourcen und erfordern oft enormes Know-how, drei ohnehin knappe Güter. Während der Pandemie hat deshalb allein schon die berechtigte Furcht vor einem Datenschutzgau zu vorauseilendem Gehorsam geführt und viele Lösungsansätze verzögert, verteuert und verhindert. Und jetzt stehen wir da.

Es wird ein harter Winter werden. Und das Einzige, dessen man sich gewiss sein kann, sind die Schreie der Mitverantwortlichen, die lautstark jede Schuld von sich weisen werden, weil der Hund ihre Hausaufgaben gefressen hat. Auf sie dürfen wir wütend sein. Vielleicht müssen wir sogar.

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