Sascha Lobo

Corona-Zynismus Was war das schön, als B 117 nur eine Bundesstraße war

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Manche erwarten Applaus, weil sie ewig nicht beim Friseur waren. Andere stumpfen bei 1000 Toten am Tag ab oder reagieren mit Trotz auf die ewig gleichen Warnungen. Doch es gibt Mittel gegen den Corona-Zynismus.
Überkonformität, Lethargie und Reaktanz – Hauptbahnhof Berlin

Überkonformität, Lethargie und Reaktanz – Hauptbahnhof Berlin

Foto: Michael Sohn / AP

Fieber, Husten, Geschmacksverlust, die inzwischen allbekannten Covid-Symptome. Nach einem Jahr Pandemie werden jedoch auch Symptome der Nichterkrankung deutlich, wir erkennen eine Psychologie des Shutdowns: Auf die Wut folgt nicht selten ein Corona-Zynismus. Die meisten Menschen dürften ihn inzwischen zumindest zeitweise kennengelernt haben. Weltverachtungsanfälle, diese kurzen Phasen, in denen wir wider besseres Wissen alles andere für scheißegal halten.

Die Soziopsychologie hat herausgefunden, dass Zynismus entsteht, wenn Menschen sich respektlos behandelt fühlen und nichts dagegen tun können, also hilflos sind. Im Corona-Zynismus ist, glaube ich, eine neue gesellschaftliche Fehlfunktion verborgen, die kollektive erlernte Hilflosigkeit. Bei der klassischen Ein-Personen-Variante der erlernten Hilflosigkeit  glaubt man, nichts an der eigenen, schwierigen Situation ändern zu können und daran selbst schuld zu sein. Bei der kollektiven erlernten Hilflosigkeit glauben viele parallel, nichts an der eigenen, schwierigen Situation ändern zu können – und die Schuld tragen eigentlich alle anderen, ob Politik, Medien oder Bevölkerung. Mit ihrem unklugen Verhalten, mit ihrer ahnungslosen Berichterstattung, mit ihren verantwortungslosen Entscheidungen.

Der amerikanische Psychologe Martin Seligman prägte in den Sechzigerjahren den Begriff der erlernten Hilflosigkeit und hat in der Folge auch drei der wichtigsten Reaktionen darauf erforscht: Überkonformität, Lethargie und Reaktanz . Sie passen verstörend gut auf die Verhaltensmuster, die ein Gutteil der Bevölkerung nach einem Jahr Corona zur Schau stellt. Ich glaube, es handelt sich zugleich um die Symptome der Nichterkrankung, genauer gesagt um Reaktionen darauf, dass eine Krankheit, die man (noch) nicht hat, trotzdem das Leben bestimmt.

1. Überkonformität

Vielleicht etwas überraschend, aber das soziale Regelwerk ganz ganz genau zu nehmen, jedenfalls wenn andere zusehen, ist eine häufige Reaktion auf Hilflosigkeit. Ziemlich nervig, aber zutiefst menschlich, denn gegen das Gefühl der Ohnmacht hilft nachweislich das Gefühl, zu handeln. Irgendwie. Es geht dann nicht nur darum, exakt die Regeln einzuhalten, sondern diesen Umstand auch vor Publikum zu inszenieren. Überkonformität fühlt sich auf der Bühne am wohlsten, und wenn es nur die kleinste sein mag, im Treppenhaus, in der Zoom-Konferenz oder auf Twitter.

Überkonformität ist auch eine Form, sich zu vergewissern, dass man auf der richtigen Seite steht. Man schreibt dann passiv-aggressive Dinge ins Internet wie »Ich war ein Jahr nicht beim Friseur« oder »Ich halte im Fahrstuhl immer die ganze Zeit die Luft an« und erwartet schon irgendwie doch auch Applaus. Überkonformität aber dankt einem niemand, obwohl sie enorm anstrengend ist, deshalb mündet sie irgendwann in völlige Erschöpfung sowie in Selbst- und Welthass. Überkonformität ist damit auch eine besondere Ableitung des Corona-Zynismus, weil man damit auf alle anderen, nur 95-prozentigen Corona-Regelritter herabschauen kann.

2. Lethargie

Man kann Lethargie als eine Abwehrfunktion betrachten, in der Teilnahmslosigkeit liegt ein großer Schutz vor emotionaler Überlastung. Eine pandemische Abstumpfung hat sich längst verbreitet, deren Corona-zynische Wendung ist offensichtlich. Irgendwann schleichen sich Gedanken in den alltäglichen Hirnfluss wie: Dann sind da halt 967 Leute gestorben heute, das ändert ja auch nichts daran, dass ich heute wieder zu matt bin zum Kochen, klick ich eben Pizza zum neunten Mal hintereinander. Die Corona-Lethargie kann in ihrem Mehltau der Egalheit jede Empathie vernichten.

Enttäuschte Hoffnungen stärken eine einmal erworbene Lethargie, vor allem, wenn sie regelmäßig erneuert werden, also jedes kleine Hoffnungspflänzchen wieder zertrampelt wird. Weshalb die großkoalitionäre Merkelsche Impfverbockung so niederschmetternd wirkt. Wie auch die Nachricht, dass mindestens einer der Impfstoffe nicht oder nicht gut gegen die Virusmutanten wirkt. Oder dass überhaupt immer neue Mutanten existieren, vor denen man sich fürchten kann, das war sonst nur in X-Men, Südafrika, Großbritannien, Brasilien, Bristol und so weiter, früher war B 117 eine Bundesstraße. Die Lethargie des Corona-Zynismus ist gefährlich, weil man neben der Abstumpfung irgendwann nicht mehr die Kraft aufbringen kann oder will, sich an die Regeln zu halten. Weil Menschlichkeit eine gewisse Energie erfordert und deshalb Leute, die jetzt schon zynisch-lethargisch sind, einen möglichen dritten Lockdown vielleicht auch um den Preis von Menschenleben abwenden wollen würden.

3. Reaktanz

Reaktanz ist eine psychologische Größe, die man für den vereinfachten Hausgebrauch mit »Trotz« übersetzen kann. Beim Corona-Zynismus kippt die Unzufriedenheit mit der eigenen Situation oder mit dem allgemeinen Weltverlauf in eine Renitenz. Das Ziel der Reaktanz liegt nahe: Die Unzufriedenheit mit dem Regierungshandeln  hat sich verstärkt, die trotzige Abwehr bezieht sich dann auf die Kommunikation und die immer wieder neuen Regeln. Es gibt in der Kommunikationswissenschaft einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der sogenannten Persuasion  (Kommunikation zum Zweck der Überzeugung) und der Reaktanz. Kennt man von sich selbst: Wenn man zum 26. Mal ermahnt wird, gefälligst irgendwas zu tun, steigt die Chance auf Befolgung nicht gerade übermäßig. Im Gegenteil.

Die trotzige Reaktanz gehört zu den gefährlichsten Fallstricken, was die nächsten Monate des Corona-Kampfs angeht. Denn irgendwann nutzt sich die Wirksamkeit von Furchtappellen ab und kann sich sogar ins Gegenteil verkehren. Weil die ständige Wiederholung irgendwann auch an der Glaubwürdigkeit nagt und das Vertrauen beschädigt. Viele Entschlüsse, sich doch nicht impfen zu lassen, dürften auf diese Weise zustande gekommen sein. Kommunikationswirksamkeit ist ein so kontextabhängiges wie furchtsames Tierchen, der gleiche Satz, der im November eine Impfbegeisterung ausgelöst haben mag, kann im März autoritär verzweifelt und damit abstoßend wirken.

Weil in Zeiten der pandemischen Abstumpfung und Virusmüdigkeit eine Analyse ohne Lösungsvorschläge vom Publikum oft als Zumutung empfunden wird, folgt hier die hoffnungsfrohe Botschaft. Wenn man den Corona-Zynismus besiegen will, dann gibt es Wege aus der kollektiven erlernten Hilflosigkeit. Es beginnt damit, sie sich kollektiv einzugestehen, um sie wieder zu verlernen. Es geht weiter mit einer zentralen Erkenntnis aus der Wartewissenschaft: Sogar langes Warten wird weniger als Zumutung betrachtet, wenn man beschäftigt ist und etwas aktiv tun kann, um die Wartezeit zu verkürzen. Weshalb zum Beispiel private Schnelltests eine durchschlagende Wirkung haben würden. Ohnehin ist kaum begreifbar, warum Deutschland bisher ein derart unterambitioniertes Testregime gefahren hat. Wo in anderen Ländern überall Temperatur gemessen wird oder Schnelltests an Schulen selbstverständlich sind.

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Der nächste Punkt liegt in den Händen der Verantwortlichen, der Bundesregierung und den verschiedenen Gremien von Kultusministerkonferenz bis zu den Landesregierungen. Sie müssen endlich das Gefühl vermitteln, dass sie aus Fehlern lernen, und sei es nur der erkennbare Wille, sie nicht zweimal zu machen. Dass neue wissenschaftliche, digitale und gesellschaftliche Erkenntnisse und auch Erfahrungen aus besser pandemiebeherrschenden Ländern sich irgendwie auch im deutschen Handeln niederschlagen. Dass der übertragbare Teil der Erfolge in Vietnam, Südkorea, Hongkong, Japan, Taiwan, Neuseeland und Australien berücksichtigt wird.

Der wichtigste Aspekt aber, den Corona-Zynismus der kollektiven erlernten Hilflosigkeit zu besiegen, ist Klarheit und Wahrhaftigkeit in der Corona-Kommunikation der Verantwortlichen. Keine wahlkämpfende Selbstdarstellung mehr, keine Tage später einzukassierenden Versprechen mehr, keine Schönrederei der Sorte »Was habt ihr denn, läuft doch super« mehr. Ach, und für die Schulen nach zwölf Monaten mal eine andere Lösung als »Lüftet halt«. Das wäre auch schmuck.

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