Sascha Lobo

Ausblick zum Jahreswechsel 2021 wird das Jahr des Gelabers

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Das zweite Corona-Jahr steht vor der Tür, mit ihm kommt die Kalte Krise. Es herrscht nun eine ständige Bedrohung, die jederzeit ausbrechen kann. In ihrer Angst reden die Menschen viel – und ja, das hilft.
Gespräch auf Abstand und mit Maske: Aus dem Meer des Gelabers schält sich langsam ein breites Basiswissen

Gespräch auf Abstand und mit Maske: Aus dem Meer des Gelabers schält sich langsam ein breites Basiswissen

Foto: Sisoje / E+ / Getty Images

Etwas zu einfache Vorhersage vielleicht, aber 2021 wird das Jahr des Gelabers. Luftheißes, dampfplauderiges, schwafelsaures Gelaber, so scheint es. Alle reden irgendwie von Dingen, von denen sie nichts verstehen. Eine so naheliegende Prognose erfordert trotz ihrer Schlichtheit eine Definition: Gelaber ist der deutsche Begriff, der dem amerikanischen bullshit am nächsten kommt. Klassisches Gelaber ist gleichzeitig so irrelevant und falsch, dass noch nicht einmal das Gegenteil richtig und wichtig ist.

Der große Gelaberologe Harry G. Frankfurt beschreibt in seinem Standardwerk »On Bullshit«  den entscheidenden Zusammenhang: »Die Produktion von Gelaber wird stimuliert, wann immer die gefühlte Verpflichtung sich zu äußern größer wird als die Kenntnis der Fakten … das gilt umso mehr für Leute, die glauben, es sei ihre Verantwortung als moralisch handelnde Menschen, sämtliche Zustände und Ereignisse in aller Welt zu bewerten.«

2021 wird das Jahr des Gelabers, weil fast niemand ausreichend viel über Corona weiß, aber fast alle glauben, sie müssten jedes Zwischenergebnis ausgiebig bewerten. Zum Beispiel in sozialen Medien wie Facebook, Instagram, Twitter und den Kommentarspalten der Nachrichtenseiten. Wir treten mit dem Impfstart ein in die nächste Phase der Krise, die Corona heißt. Gelaber und Krisen, das weiß man spätestens seit den Debatten über die Klimakrise, bedingen sich auch im 21. Jahrhundert gegenseitig. Die anhaltende Coronakrise produziert auch deshalb neue Größenordnungen von Gelaber, weil es sich wahrscheinlich um eine neue Krisenform handelt.

Der Krisenforscher Rüdiger Graf  stellt im »Handbuch Krisenforschung«  fest: »Krisen sind nicht in der Welt, sondern eine Situation wird erst dadurch zur Krise, dass sie sprachlich und narrativ als solche gefasst wird.« Das erklärt die neue Qualität der Coronakrise, die erste globale Pandemie in Zeiten von allgegenwärtiger Dauerkommunikation, die ständig neue sprachliche und narrative und dahingelaberte Fassungen der Krise produziert. Das, was die globale Gesellschaft überhaupt unter Krise versteht, wandelt sich mit den neuen Möglichkeiten, davon zu erzählen. Soziale Medien erschaffen gewissermaßen eine eigene Form der Krise.

Krise und Fortschritt sind eng miteinander verbunden

Graf hat für das 20. Jahrhundert zwei große Krisentypen beschrieben, oder besser: zwei Wahrnehmungstypen der Krise. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Krise noch im quasimedizinischen Sinn der Wendepunkt, nach dem bestenfalls die Heilung folgt. Bert Brecht und Walter Benjamin planten 1930 eine Zeitschrift mit dem Namen »Krise und Kritik« mit dem Ziel, »die Krise festzustellen oder herbeizuführen mit dem Mittel der Kritik«. Heute schwieriger einzuordnen, aber natürlich existierte ein linksintellektuelles Sehnen nach der Krise als Instrument zur Weltverbesserung. Die erste Ausgabe der Zeitschrift sollte den Titel tragen: »Die Begrüßung der Krise«, früher war alles besser, sogar Krisen waren begrüßenswert super, offenbar.

In den Siebzigerjahren aber, sagt Graf, wandelte sich der Krisenbegriff: Etwas vereinfacht gesprochen, musste der Mensch seine Ohnmacht feststellen. Globalisierung, Kalter Krieg, Ölkrise produzierten massenhafte Hilflosigkeit. Graf führt das auf einen veränderten Fortschrittsbegriff zurück. Das alte, linke Projekt des Fortschritts etwa bekam unübersehbare Risse. Die progressive Flucht nach vorn mithilfe einer ordentlichen Krise war plötzlich mangels goldener Zukunftsvision kaum mehr erstrebenswert. Im Wahlprogramm  der damals noch zweifelsfrei linken Partei Die Grünen stand 1987:

»DIE GRÜNEN unterstützen den Widerstand gegen IuK-Techniken und fordern: …             

  • Keine Digitalisierung des Fernsprechnetzes.

  • Keine Dienste- und Netzintegration im Fernsprechnetz (ISDN).

  • Keine Glasfaserverkabelung (Breitband-ISDN). …

DIE GRÜNEN sind für Boykottmaßnahmen gegen Erzeugnisse der IuK-Industrie wie Bildschirmtext«.

Obwohl es retrospektiv doch einen gewissen Charme hat, die Fehlentwicklungen der Digitalisierung dem nicht erfolgten Verbot des Bildschirmtextes zuzuschreiben, müssen wir erkennen: Krise und Fortschritt sind sehr eng miteinander verbunden. Denn eine Krise ist immer auch eine Gelegenheit für den Fortschritt, sich endlich angemessen zu beweisen (Internet, Elektroroller) – oder eben nicht (Atomkraft, Fax).

Das gilt umso mehr in der Coronakrise, wo sich das evolutionär eskalierende Virus und die wissenschaftlich herbeigeforschten Gegenmaßnahmen in Echtzeit gegenseitig hochschaukeln und beschleunigen – wie in einer Art Gleichgewicht des Schreckens. Nach der produktiven Krise und der ohnmächtigen Krise als bestimmenden Elementen des 20. Jahrhunderts folgt deshalb im Jahr 2021 mit Corona: die Kalte Krise.

Kalte Krise bedeutet, dass für die große Mehrheit der Menschen eine ständige Bedrohung vorhanden ist, die jederzeit ausbrechen, also heiß werden kann. Fast alle fühlen die Gefahr, die Einschläge scheinen näherzukommen, manche erwischt es. Anspannung total. Die einzige Hoffnung liegt ganz unmittelbar im Fortschritt, wann ist je eine Impfung global so sehr herbeigewünscht worden? Jeder Rückschlag wie eine Virusmutation wird vom Publikum so intensiv wie vulgärwissenschaftlich diskutiert, hier scheint der Quell des großen Gelabers zu liegen. Die Leute reden und reden und reden über Corona, halten sich an jedem kleinen Wissenshalm fest, Drosten gestern im Podcast, aber der Schwager meiner Tennislehrerin, die Ute kennt jemanden, der. Immer in der Erwartung, die eigene, noch so halbinformierte Beschäftigung mit dem Thema würde irgendwas verbessern.

Und Überraschung: Das stimmt!

Denn wir haben es nicht nur mit einer neuen Form der Krise zu tun, sondern – vor allem durch die Digitalisierung – auch mit einer neuen Form des Gelabers, das natürlich nicht nur, aber doch auch positive Aspekte mitbringt. Zunächst macht das eigene Gelaber die Kalte Krise leichter bewältigbar, und das ist viel wert. Deshalb blüht das Gelaber schon jetzt, und 2021 wird es noch heftiger. Eine selten beachtete Eigenschaft des Gelabers ist seine Funktion als Pfeifen im Walde, der eigenen Angst entgegenzulabern.

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Sascha Lobo

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Von Katzen weiß man, dass sie in Extremsituationen schnurren, um sich selbst zu beruhigen, das Schnurren des Menschen ist das einlullende Selbstgespräch. Meist in Anwesenheit Dritter, die als Scheinpublikum dienen, obwohl wir mit uns selbst reden. Ohne unser eigenes, ständiges Gelaber über Corona würden wir durchdrehen. In der sozialen Variante erzählen sich Ähnlichgesinnte gegenseitig etwas von Spike-Proteinen, Aerosolverbreitungsschemata oder mRNA-Vakzinen, die sie über das bloße Wort hinaus kaum wirklich begreifen. Aber sie versuchen es, viele sehr ernsthaft, und das ist eine neue, unterschätzte Qualität.

Nie kannten sich so viele Menschen so gut mit einer Krankheit aus

Hier entpuppt sich eine intellektualistische Gewissheit des 20. Jahrhunderts als kontraproduktiv. Adorno schimpfte noch episch auf die gelaberähnliche »Halbbildung« , die nicht Vorstufe, sondern Feind der echten Bildung sei. In digital vernetzten Zeiten, mit den Möglichkeiten des Netzes ausgerüstet, muss man diese herablassende, adornosche Interpretation neu justieren. Nicht, dass es kein Knalldackeltum mehr gäbe, siehe Telegram. Aber aus dem Meer des Gelabers schält sich langsam ein breites, gar nicht so schlechtes Basiswissen über komplexeste Zusammenhänge heraus. Das dazu noch fast in Echtzeit angewendet werden kann.

Ja, 2021 wird das Jahr des Gelabers, aber das Gelaber der Kalten Krise Corona ist nicht wie das frühere, jedenfalls nicht immer. Der völlig unerträgliche Spott von »80 Millionen Virologen«  verdeckt die enorme Leistung, die hinter der sehr schnellen und weitgehenden Verbreitung neuer, wissenschaftlicher Erkenntnisse im Moment ihrer Entstehung steckt. Nie zuvor kannten sich so viele Menschen so gut mit einer Krankheit aus. Und das ist nicht nur das Verdienst der Forschenden und Vermittelnden, sondern hängt auch am Mut des Publikums zum Gelaber. Sich immer wieder an das aktuelle Wissen heranzuplappern – was natürlich nur mit einer gewissen Fehlerkultur geht.

Denn das unterscheidet den alten Bullshit vom neuen, multifunktionalen Gelaber: die Bereitschaft einzulenken, umzuschwenken. Harry G. Frankfurts obige, von der Wurstigkeit der Laien genervte Einlassung kann man auch als Anleitung lesen. In Zeiten, in denen es auf das rationale, einsichtige Handeln der Vielen ankommt, ist es tatsächlich »ihre Verantwortung als moralisch handelnde Menschen, sämtliche Zustände und Ereignisse in aller Welt zu bewerten«. Und wenn das nur mit dem neuen Gelaber geht, dann sei es so.