Sascha Lobo

Gesellschaften in der Krise Corona demaskiert

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Corona schärft den Blick auf die Welt: In der weltweiten Krise treten die Schwächen und Absichten von Menschen, Gesellschaften und Systemen deutlicher denn je zutage. Diese Demaskierung kann erschüttern.
Schaufensterpuppen mit Masken: Eine Zeit der politischen Demaskierung

Schaufensterpuppen mit Masken: Eine Zeit der politischen Demaskierung

Foto: Privat/ DPA

Das Virus, das die Menschheit dazu bringt, Masken zu tragen, hat gesellschaftlich die umgekehrte Wirkung: Corona demaskiert. Die Coronakrise verdeutlicht, intensiviert und beschleunigt.

Es ist nicht so, dass dadurch gleich "die Wahrheit" über Menschen, Gesellschaften oder Systeme ans Licht käme. Die Wahrheit ist fast immer zu komplex, um durch das simple Ablegen einer ohnehin nur metaphorischen Maske erschöpfend entlarvt zu werden, so denken nur Vereinfachungspopulisten.

Aber die wichtigste Funktion der Maske im übertragenen Sinn ist, Schwächen und Absichten zu verbergen. Deshalb lassen sich durch die Corona-Demaskierung viele schon länger existierende Muster leichter erkennen.

Die vielleicht größte Erkenntnis der Coronakrise ist, dass zu wenig oder falsch regulierter Kapitalismus nicht lebensfähig ist. Nicht, dass man das nicht schon vorher hätte wissen können. Aber die Krise zeigt erneut, wie bestürzend fragil die globalisierten Volkswirtschaften sind.

2001 nach dem 11. September, 2008/2009 nach der Finanzkrise, 2020 wegen Corona: Etwa alle zehn Jahre, eher häufiger, brauchen ganze ökonomische Landschaften offensichtlich massive Staatshilfen: Finanzwirtschaft, Flug- und Automobilunternehmen, Touristik und viele mehr. Dazwischen aber poltern und pöbeln maßgebliche Führungsfiguren ebendieser Branchen gegen Überregulierung oder hohe Steuerlast. Oder sie setzen alles daran, gar keine Steuern zu zahlen, plädieren dann aber für umfassende Bailouts im Bedarfsfall. Wie absurd, dass sich selbst nach der Bankenkrise die Politik noch hat einwickeln lassen von den Predigern eines schlankestmöglichen Staates.

Eine Katastrophe des schädlich deregulierten Kapitalismus

Die Corona-Katastrophe mit vermutlich Hunderttausenden Toten, auf die die USA zusteuern, ist eine Katastrophe des schädlich deregulierten Kapitalismus. Und wie bei der desaströsen Bankenrettung von Bush droht das trumpsche Stimuluspaket zur Umverteilung von unten nach oben zu werden.

Eine ungetrübt neoliberale Ideologie lässt sich nur noch mit extrem schlechtem Gedächtnis vertreten, Neoliberalismus entspricht etwa der Aussage: "Wozu brauche ich eine Krankenversicherung, ich bin doch gesund."

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Bittere Ironie, dass die vermeintliche Gegenseite beinahe ebenso falsch liegt: Corona demaskiert auch die verbreitete Vulgärkritik am Kapitalismus, vor allem in Form des uninformierten Geschimpfes auf den ach so bösen Markt. Der plumpe Sarkasmus der Sorte "Das regelt der Markt, hoho", mit dem jetzt die Klopapierknappheit, der temporäre Hefemangel und jede fehlende Atemmaske auf eine angebliche Dysfunktionalität von Markt und Marktwirtschaft geschoben wird.

In den meisten dieser Äußerungen zeigt sich zuallererst eine Abwesenheit jeder ökonomischen Sachkunde. Wir kennen kein besser funktionierendes System für die Erfindung, Herstellung und Verteilung von Gütern fast aller Art als das Prinzip Markt in der Geschmacksrichtung "soziale Marktwirtschaft" - man darf bloß niemals glauben, der Markt regele alles inklusive sich selbst. Bei lebenswichtigen Infrastrukturen etwa werden die Grenzen schnell spürbar, und ein beherztes Eingreifen des Staates wird unumgänglich.

Zu viel Kapitalismus tötet ebenso wie zu wenig

Und insbesondere darf man Märkte nicht für Instrumente der sozialen Gerechtigkeit halten - dieses Gut muss anders, nämlich politisch und gesellschaftlich, hergestellt werden. Kapitalismus ist wie Wasser: Zu viel tötet ebenso wie zu wenig.

Nebenbei ist es auch ausgesprochen angenehm, den Kapitalismus für wirklich alles verantwortlich zu machen, was schiefläuft. Schon weil man damit eine lebenslange Meckergarantie hat, aber auch, weil diese Jokerkritik für gar nicht wenige Leute alles sticht. So umgeht man leicht die tiefere Analyse: Rassismus, Misogynie, Behindertenfeindlichkeit? Alles Kapitalismusprobleme, da müssen wir dann ja gar nicht weiter drüber nachdenken, mit dem Angriff Marxens wird das alles in Ordnung kommen.

Die Corona-Demaskierung lässt auch viele konservative und sozialdemokratische Argumente wie "Wer soll das bezahlen?", "Würden die Wähler nie akzeptieren" oder "Das geht nicht" an der Realität des Jahres 2020 zerschellen. Plötzlich wird deutlich, dass Politik viel stärker eine Prioritäten- als eine Möglichkeitsfrage war. Es zeigt sich, dass in unserer liberalen Demokratie in den letzten Jahren zu viel Verantwortungsabwehr betrieben und zu selten die Vision für eine bessere Zukunft beschworen und danach gehandelt wurde. Denn ganz offensichtlich können - wenn es wirklich darauf ankommt - in wenigen Tagen dreistellige Milliardenbeträge nicht nur zur Bankenrettung, sondern auch für die Menschen selbst mobilisiert werden. In einem Musterbeispiel der administrativen Effizienz. Was die deutsche Verwaltung sogar im Digitalen hier abliefert, ist großartig. Teilweise.

Und so zieht der Corona-Feldzug der Demaskierung mit jedem Tag weiter. Wer Überwachung vorher toll fand, schlägt jetzt Überwachung vor. Wer reine Staatsgläubigkeit vorher toll fand, schreit seine Überzeugung jetzt in Gewinnerlaune laut heraus, als gäbe es nie die Möglichkeit, dass Staaten kippen. Wer Autoritarismus und Nationalismus vorher gut fand, sucht auch in der Coronakrise darin sein Heil.

Demaskierung heißt nicht Entzauberung

Die multiple politische Demaskierung läuft nirgends drastischer als in Ungarn, mitten in der EU. Orbán hat mit der Entmachtung des Parlaments und der unbefristeten Ausdehnung seiner Befugnisse faktisch eine rechtsradikale Diktatur errichtet. Vor wenigen Wochen hat übrigens noch CDU-Urgestein und Ex-EU-Kommissar Günther Oettinger bei Orbán als Berater angefangen. Das laute Schweigen zu Ungarn, mit dessen Hilfe Ursula von der Leyen überhaupt erst Kommissionspräsidentin werden konnte: Mehr allseitige Demaskierung ist schwer vorstellbar, selbst wenn man Diplomatie, Taktik und Timing mit einrechnet.

An dieser Stelle ist es wichtig, den Unterschied zwischen Demaskierung und Entzauberung zu verdeutlichen. Das ist leicht, denn Entzauberung existiert nicht. Jedenfalls nicht in dem oft bemühten Sinn, dass zum Beispiel rechtsradikale Wähler endlich begreifen, dass sie Rechtsradikale wählen, und dann damit aufhören. Demaskierung dagegen muss man sich trotz der Metapher weniger als Einzelmoment à la "Jetzt fällt die Maske!" vorstellen, sondern als Erkenntnisprozess der Verdeutlichung, Konkretisierung, Verdichtung.

Auch das lässt sich an Beispielkaskaden verdeutlichen:

  • Wie zuerst Chinas diktatorischer Autoritarismus gelobt wurde, weil auf diese Weise die Krise so drastisch wie schnell beherrschbar schien.

  • Wie dann argumentiert wurde, dass ohne den chinesischen Autoritarismus und das davon untrennbare Vertuschen die Krise gar nicht erst entstanden wäre.

  • Wie dann aber Österreich und speziell Ischgl bewies, dass auch in liberalen Demokratien die Neigung zur Vertuschung zur Katastrophe werden kann.

  • Wie inzwischen gerade Chinas Autoritarismus zu massiven Zweifeln an den veröffentlichten Zahlen geführt hat.

  • Wie schließlich Bolsonaro und Trump eindrucksvoll zeigten und noch zeigen, dass rechtsradikale und rechtspopulistische Politik immer und überall unmittelbare Lebensgefahr bedeuten kann.

Die Lehre ist, dass eine funktionierende, demokratische Zivilgesellschaft für die Bewältigung der meisten Bedrohungen essenziell ist - und dazu gehört neben einem Mindestmaß an Empathie auch die Abwesenheit von Filz und Korruption, im Großen wie im Kleinen.

Am Ende werden wahrscheinlich (mit wenigen Ausnahmen) die zivilisiertesten Gesellschaften die Coronakrise am besten meistern. Unabhängig davon, als wie "reich" die jeweiligen Staaten nach klassischen Maßstäben betrachtet werden.

Vielleicht trägt das mittelfristig dazu bei, den Wert von Anstand, demokratischer Solidarität und, so kitschig es klingen mag, schlichter Alltagsfreundlichkeit zu verdeutlichen. Demaskierung muss nichts ausschließlich Schlechtes sein - wenn man eine Antwort hat auf den Horror unter manchen Masken.