Sascha Lobo

Die Pandemie und das Danach Die kalte Impfpflicht kommt

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Ein Großteil der Bevölkerung wird bald geimpft sein. Für Impfverweigerer macht das den Alltag schwieriger: Sie könnten unter Druck gesetzt oder ausgegrenzt werden – und das vielleicht sogar langfristig.
Schlange vor einem Impfzentrum: Die Mehrheit der Bevölkerung wird sich impfen lassen

Schlange vor einem Impfzentrum: Die Mehrheit der Bevölkerung wird sich impfen lassen

Foto: Robert Michael / dpa-Zentralbild

Die Pandemie ebbt langsam ab, 40 Prozent der Bevölkerung sind mittlerweile mindestens einmal geimpft worden. Für den von vielen erhofften und von sachkundiger Seite angekündigten »guten Sommer« scheint irgendwie nur noch der Sommer zu fehlen. Das liegt vor allem daran, dass die deutsche Impfkampagne in Fahrt gekommen ist und sehr gute Erfolge erzielt.

So uneingeschränkt begrüßenswert diese Entwicklung ist, so sehr kann sie das Land verändern. Denn die einen sehen in der Impfung die Erlösung vom pandemischen Fluch. Die Impfsicht der anderen aber bewegt sich zwischen Indifferenz und Bedrohung.

Aus meiner Sicht sind diese Meinungen nicht gleichwertig: Die eine orientiert sich am wissenschaftlichen Konsens, an Solidarität sowie der flächendeckenden Schnauzenvollheit, die andere stützt sich oft auf unseriöse, esoterische Quellen oder auf Propaganda.

Aber unabhängig vom weiteren Verlauf der Pandemie – ob eine große vierte Welle im Herbst kommt oder nicht – sehe ich die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Entwicklung am Horizont: Ich sehe eine kalte Impfpflicht.

Der Begriff existiert bis jetzt nicht, daher möchte ich ihn definieren. Die amerikanische Satire-Seite »The Onion«  hat vor zwölf Jahren eines ihrer berüchtigten, zugleich völlig übertriebenen und sehr wahren Videos veröffentlicht, dessen Pointe bereits im Titel deutlich wird: »Google lässt Nutzer einfach ihre Privatsphäre schützen, sie müssen nur in ein abgelegenes Bergdorf umziehen.«

Eine nicht gesetzlich festgeschriebene, aber faktische Impfpflicht

Ohne zu tief in das onkelige Geschäft der Witzerklärung einsteigen zu wollen, taugt das als lustige Parallele. Die kalte Impfpflicht ist eine nicht gesetzlich festgeschriebene, aber faktische Impfpflicht, weil der ungeimpfte Alltag für viele Leute schwierig bis unmöglich wird. Die kalte Impfpflicht wird getrieben vom Verhalten der geimpften Mehrheit, vom wirtschaftlichen Druck auf Unternehmen mit Publikumsverkehr und vom öffentlichen Wunsch, der ganze Shit möge endlich, endlich vorbei sein. Wahrscheinlich werden auch Virusvarianten eine gewisse Rolle spielen.

In mehreren Ländern sind Impfungen ab zwölf Jahren zugelassen, die großen Hersteller arbeiten an Impfungen ab sechs Monaten, Neugeborene bekommen Antikörper von ihren Müttern. Fast forward: Irgendwann besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es in Deutschland nur noch dreieinhalb größere Impfgruppen gibt, nämlich Geimpfte, Leute, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können, und Impfverweigerer. Die halbe Gruppe sind die Genesenen, die aber schon jetzt oft den Geimpften gleichgestellt werden und zudem nach sechs Monaten in eine der anderen Gruppen zurückfallen.

Wenn die Impfquote die 70 Prozent übersteigt, dann ist nicht nur eine eventuelle Herdenimmunität in Sichtweite. Es werden auch soziale Mehrheitseffekte wirksam wie der Konformitätsdruck. Weil die Impfung als Erlösung aus der pandemischen Starre betrachtet wird und umgekehrt die Nichtimpfung als Bedrohung, erhöht die geimpfte Mehrheit den Druck auf die Ungeimpften immer weiter.

Menschen mit Attest der Nichtimpfbarkeit werden dann mehr oder weniger akzeptiert, vielleicht schwingt ab und zu Argwohn mit, ob das Papier echt sein mag. Aber die Geimpften werden ihre Wut und Bitterkeit über anderthalb Jahre Zumutungen, Entbehrungen und Bananenbrot auf die Impfverweigerer projizieren und sie ihren Makel spüren lassen. Dieser soziale Druck soll eine Art psychologische Herdenimmunität bewirken und dient zugleich der Selbstbestätigung der Geimpften, dass sie alles richtig gemacht haben.

Eine Melange aus Angst und Ablehnung

Weil auch die durchaus rationale Furcht vor Ansteckung nicht verschwinden wird, kann diese Melange aus Angst und Ablehnung leicht zu einer Ausgrenzung Ungeimpfter führen – und zwar zu der am schwersten zu ertragenden, nämlich absichtsvollen und Schuld zuweisenden Ausgrenzung: Du lässt dich nicht impfen, dann lasse ich dich die Konsequenzen spüren.

Obwohl Ausgrenzung manchmal ein hartes, aber sinnvolles gesellschaftliches Instrument sein kann, ist leider zu befürchten, dass dieser soziale Druck die Selbstradikalisierung vieler Impfgegner begünstigt. Auch deshalb, weil sowohl russische  wie inzwischen auch chinesische Propaganda  mit Impfnarrativen arbeitet – weil diese großes Potenzial zur Verwirrung, Unruhestiftung und letztlich Schwächung der westlichen, liberalen Demokratien versprechen.

Die Mehrheitseffekte werden durch den wirtschaftlichen Druck auf Unternehmen und Institutionen mit Publikumsverkehr verstärkt, die einen guten Teil der öffentlichen Bewegungsfreiheit ausmachen: Cafés, Restaurants, Geschäfte, Verkehrsanbieter, Kinos, Friseure, Fitnessstudios und jede Menge andere Dienstleistungen wie Veranstaltungen. Viele dieser für das Freiheitsgefühl relevanten Orte haben eine Form von Hausrecht und können ihre Leistungen daher (wahrscheinlich) juristisch zulässig auf Geimpfte beschränken. In dem Moment, wo eine deutliche Mehrheit geimpft ist, dürfte der heute noch allgegenwärtige Coronatest entweder zur Impfungsergänzung gerinnen – oder seltener als Impfersatz akzeptiert werden. Zumal die vergleichsweise ungenauen Schnelltests ohnehin als Notlösung gelten.

Mittelfristig ist eine Test-Infrastruktur komplexer, weniger Erfolg versprechend und teurer als die Impfung samt Impfkontrolle. Diese Argumente sprechen aus wirtschaftlicher Sicht klar für einen massiven Impfdruck durch Unternehmen mit Publikumsverkehr. Auch in der Verbindung mit dem Druck durch Geimpfte selbst, die es als Reduktion der pandemischen Bedrohung empfinden, sich nur unter ihresgleichen aufzuhalten. Verstärkt werden kann dieser Druck durch Arbeitgeber, die für bestimmte Jobs ebenfalls eine faktische Impfpflicht einführen, also ein Impfangebot, das für Angestellte sehr schwer abzulehnen ist. Ob, wann und wie Gerichte diese Fälle entscheiden, ist kaum abzusehen.

Mutationen führen zu neuen Virusvarianten

Die vielleicht stärkste Kraft bei der Entstehung der kalten Impfpflicht aber ist die Kombination aus dem öffentlichen Wunsch, der Shit möge endlich vorbei sein, und den durch Mutation entstandenen Virusvarianten. Der Europa-Chef von Moderna erklärt im SPIEGEL-Interview , dass etwa die südafrikanische Variante den Impfschutz um den Faktor fünf bis sechs reduziert.

In der Folge, so glauben Fachleute, kann die Situation entstehen, dass alle paar Monate oder beim Auftauchen neuer Mutationen eine Booster-Impfung verabreicht werden muss, damit der Schutz bestehen bleibt. Das (meist ohnehin nur vorgeschobene) Argument vieler Impfablehnenden, man müsse als geimpfte Person ja keine Angst vor Ungeimpften haben, verliert dadurch immer wieder seine Gültigkeit.

Weil nicht fünfzig Millionen Booster-Impfungen in wenigen Tagen verabreicht werden können, werden Impfverweigerer als dauerhafte Gefahr für eine Wiederausbreitung wahrgenommen und von eigentlich vollständig Geimpften als persönliche Bedrohung. Deshalb wird der soziale Druck auf Ungeimpfte nicht nur erhöht, sondern auch langfristig bestehen bleiben. Wer weiß schon, ob nicht doch noch irgendwann irgendwie irgendwo eine neue Mutation auftaucht? Das ist das soziale Mutationsparadox der Herdenimmunität: Sie verhindert nicht die Angst, von einer neuen Mutation doch noch angesteckt zu werden.

Aus meiner persönlichen Sicht ist die kommende, kalte Impfpflicht ein für manche vermutlich schmerzhafter, aber insgesamt akzeptabler, für die Beherrschung der Pandemie ein vielleicht sogar entscheidender, gesellschaftlicher Vorgang. Sie wird in jedem Fall ein so interessantes wie vielsagendes Beispiel für eine harte Form der angewandten Mehrheitsherrschaft: Wir verlangen von dir, dass du dir etwas spritzt, damit wir nicht zu Schaden kommen.

Als Teil der geimpften Mehrheit glaube ich aber, man sollte so ehrlich sein, die kalte Impfpflicht auch als solche zu benennen und nicht unter Absingen pathetischer Freiheitslieder und Freiwilligkeitshymnen so zu tun, als hätten Ungeimpfte keine Nachteile zu befürchten. Denn sie werden Nachteile haben. Allerdings kann ich nicht sagen, dass ich mit übergroßem Furor dagegen kämpfen möchte.