Sascha Lobo

Deutschlands Umgang mit dem Coronavirus Die sieben größten postpandemischen Baustellen

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die vielen kleinen Coronakatastrophen versperren den Blick auf die großen: Das föderale System, die politische Kommunikation, die Leichtgläubigkeit der Bürger – vieles muss sich nach der Pandemie schnell ändern.
Niedrigschwellige Nachvollziehbarkeit? Angela Merkel

Niedrigschwellige Nachvollziehbarkeit? Angela Merkel

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Michael Kappeler / AP

Noch stecken wir mitten im stockfinsteren pandemischen Tunnel, aber da ist ein fernes Licht zu erkennen, dort, wo der Horizont sein könnte. Gut, AstraZeneca bleibt seinem Hang zum Kommunikationsdesaster treu, wieder ist ein Unionsmann durch eine gewisse Verschmiertheit aufgefallen, und sowohl vor Ostern als auch vor Supermutanten wird gewarnt. Also ist da noch jede Menge Luft nach unten. Aber vielleicht ist es gerade deshalb, auch zur Verbesserung des Durchhaltevermögens, sinnvoll, zwei- bis dreihundert Schritte zurückzutreten und sich die jetzt schon absehbaren Erkenntnisse aus der Pandemie zu vergegenwärtigen.

Föderales System

Uff. Wenn die Pandemie etwas nicht war, dann Werbung für den Föderalismus. Natürlich ist aus der deutschen Geschichte eindeutig erkennbar, warum harsche Durchgriffsrechte eines Zentralstaats gefährlich sein können. Schon deshalb kann es nur um eine Reform, keinesfalls um eine Abschaffung des real existierenden Föderalismus gehen. Aber das derzeitige Bund-Länder-Prinzip ist handlungspolitisch unzumutbar. Das hat auch ganz praktische Gründe: Wenn man etwa Institutionen nicht einmal, sondern 16-mal aufbauen muss, werden irgendwann die guten Leute knapp. Bei Behörden hat sich gezeigt, dass der Föderalismus Minifürstentümer mit Inselattitüde begünstigt. Ab und zu mag das ein Vorteil sein, aber meistens nicht. In Notzeiten mit der Notwendigkeit straffer Gesamtplanung ist es ein eklatanter Nachteil, wenn der Bundesgesundheitsminister bei einer kommunalen Gesundheitsbehörde lieb nachfragen muss, ob man sich vielleicht auf ein Vorgehen einigen könnte.

Digitalisierung

Die Pandemie hat in Sachen Digitalisierung eigentlich keine eigenen, brandneuen Erkenntnisse hervorgebracht. Sie hat aber Salz in die Wunden längst formulierter Erkenntnisse gestreut. Viel Salz. Digital Sachkundige, ach was – fast alle Sachkundigen, mahnen seit Jahrzehnten an, dass Deutschland zurückfällt. Hört sich an wie eine Phrase, aber bedeutet konkret: Dieses superreiche Land ist, wenn es so weitergehen sollte, demnächst nicht mehr superreich. Ehrlich gesagt möchte ich dieses Deutschland auf keinen Fall mit 20 Prozent Arbeitslosigkeitsrate erleben. Deshalb ist das Ziel, auch künftig wirtschaftlich erfolgreich zu sein, viel mehr als nur eine Frage irgendwelcher Industrie- und Arbeitgeberträume im Shareholder-Value-Land. Was in Deutschland noch immer nicht flächendeckend verstanden worden ist: Digitalisierung ist nie vorbei, Digitalisierung ist immer. Deutschland muss die digitale Transformation postpandemisch aggressiv herbeiinvestieren. Und zwar sowohl staatlich, was Infrastruktur, Forschung und Subventionierung angeht, wie auch privatwirtschaftlich, wo zu viele erfolgreiche Unternehmen noch immer glauben, ohne Großinvestitionen ihre alten Erfolgsrezepte weiter durchstiefeln zu können.

Arbeit und Bildung

Arbeit und Bildung lassen sich gut parallel betrachten, weil einerseits das Gelingen der Digitalisierung zwischen Büros und Fabriken eine Bildungsfrage ist. Und andererseits die Bildungslandschaft viel, viel näher an die tatsächlichen Erfordernisse der kommenden Arbeitswelt herangeshiftet werden muss. Einerseits kaputtgesparte Schulen, die dazu noch föderal aufgestellt sind, keine Digitalisierungsstrategie vorbereitet haben und durch diese Gemengelage mit didaktischen Konzepten von 1973 arbeiten, weshalb Homeschooling für so viele Eltern zu der heute spürbaren Zumutung geworden ist. Andererseits brauchte es eine Pandemie, um Homeoffice zu einer Art Standard in Deutschland werden zu lassen. Wir werden nicht wieder zurückfallen in eine alternativlose Büroselbstverständlichkeit oder in eine nicht digitale Bildungsära. Und das sogar trotz der Kultusministerkonferenz, die sich als Abschreckungsgremium der institutionalisierten Kleingeistigkeit bewiesen hat. Die konkrete Erkenntnis lautet: Arbeit und Bildung brauchen eine staatlich und privatwirtschaftlich massiv geförderte Dezentralisierungsoffensive, mit Hardware, Software, Arbeitsplatzkonzepten und sinnvollen Rahmenbedingungen.

Austerität

Austerität, in der praktischen Alltagsübersetzung bedeutet das, dass der Staat um wirklich jeden Preis spart, ist toxischer Sondermüll. Die Schuldenbremse und ihr Giftschaumkrönchen schwarze Null zerstören die Substanz von Ländern und Gesellschaften. Austerität als vermeintlich konservatives oder gar »vernünftiges« Konzept verhindert zukunftsgewandte Investitionen und wirft kommende Generationen so um Dekaden zurück.

Politik und politische Kommunikation

Die Vermittlung von Politik muss sich dramatisch ändern, und zwar: verbessern. Warum wer wie was entscheidet, was dabei herauskommt, welche Folgen es hat und welche es haben könnte – hier muss die Politik sich neue Konzepte überlegen, die über Kosmetik weit hinausgehen. Die Pandemie hat gezeigt, wie gefährlich es werden kann, wenn große Teile der Bevölkerung die Frage, warum eine Entscheidung getroffen wurde, nicht mehr beantworten können. Der wichtigste Begriff kommender politischer Strategien wird lauten: Niedrigschwellige Nachvollziehbarkeit. Der zweitwichtigste, damit untrennbar verbundene lautet: Vertrauen. Deshalb sind die immer weiter und immer weiter auffliegenden Betrügereien und Korruptionen so toxisch nicht nur für CDU und CSU, wo bisher ein Großteil der pandemischen Unregelmäßigkeiten stattgefunden zu haben scheint. Sondern für die demokratische Politik insgesamt.

Leichtgläubigkeit

Aber es ist ja nicht nur die Politik, die hier nachbessern muss. Ein Nachmittag auf Telegram, ein paar Stunden in WhatsApp-Gruppen oder in anderen sozialen Medien offenbaren quer durch die Bevölkerung eine verstörende Leichtgläubigkeit, die sich zum eigenen Problem herausgebildet hat. Denn sie betrifft fast bildungsunabhängig einen Querschnitt von Personen, denen man zuvor eine Grundvernunft unterstellt hat. Die ist in den weitaus meisten Köpfen tatsächlich auch vorhanden. Sie ist, das hat die Pandemie gezeigt, nur leider nicht konsistent. Die gleiche Person, die klug, umsichtig und mit wunderbar bürgerlicher Vernunft ihre Ideen zu Schulbildung und liberaler Demokratie vorträgt, erweist sich mitunter als esoterisch-irrationaler Totalausfall, was Masken- und Impfüberzeugungen angeht. Hier liegt eine gigantische Aufgabe der Bevölkerungsbildung vor uns, des Lifelong Learning, ohne dass es sich so auch anfühlen sollte.

Wir müssen dringend politische, demokratiekompatible Konzepte gegen die Leichtgläubigkeit der Bevölkerung entwickeln. Wer das nicht für notwendig hält, muss einfach nur »Morgellons« googeln und darauf achten, wie viele Menschen deshalb Mund-Nasen-Masken mit einer »gewissen Skepsis« begegnen. Die Infodemie, die die Coronapandemie begleitet, die zerstörerischen, sogar mörderischen Verschwörungstheorien – sie basieren auf der weitverbreiteten voraufklärerischen Leichtgläubigkeit der Bevölkerung.

Selbstbild

Die vielleicht bitterste Erkenntnis aber ist der verlorene Glaube an die Solidität und Funktionsfähigkeit dieses Landes. Im Hinterkopf noch der kritischsten Geister war doch verankert, wie gut dieses Land organisiert sei, wie stabil das Funktionsregime sei, wie tief der deutsche Perfektionismus wirke. Leider handelte es sich, wie wir erkennen müssen, um schiere Nationalhybris. Das deutsche Selbstbild hat sich als Deutschlandkitsch ohne Realitätsbezug herausgestellt. Deutschland ist allenfalls Mittelmaß, was die deutschen Tugenden angeht.

Der verbockte Flughafen war eben nicht nur Berlin-spezifisch, die verknalldackelte digitale Infrastruktur eben nicht nur Digitalaversion, der Niedergang des Bildungssystems eben nicht nur mangelnde Investition. Nein, dahinter steht eine Haltung, eine toxische Selbstüberhöhung der Sorte »Wir sind so gut und fleißig, wir kriegen das auch so hin, ohne uns zu ändern«. Das ist die wichtigste und unbequemste Erkenntnis aus der Pandemie.

Und vermutlich auch die, aus der zu lernen am härtesten sein wird.

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