Coronavirus Jeder zweite Deutsche würde Handy-Tracking von Infizierten dulden

Corona-Infizierte und deren Kontaktpersonen rasch aufzuspüren, gilt als zentrale Maßnahme zur Eindämmung des Virus. Die Hälfte der Deutschen würde dafür Handy-Ortung dulden. Ein Konzept gibt es schon.
Handy-Display

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Foto: Sebastian Gollnow/ dpa

Jeder zweite Deutsche hätte nichts gegen die Nutzung von Handydaten im Kampf gegen das Coronavirus. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa hervor.

50 Prozent der Befragten teilten mit, sie hielten die Ortung von Kontaktpersonen von Infizierten über die Standortdaten für sinnvoll. Nur 38 Prozent fänden das unangemessen, 12 Prozent machten keine Angaben.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte ursprünglich geplant, den Gesundheitsbehörden bei einer "epidemischen Lage von nationaler Tragweite" zu erlauben, Kontaktpersonen von Erkrankten anhand von Handy-Standortdaten zu ermitteln, dadurch ihre Bewegung zu verfolgen und sie im Verdachtsfall zu kontaktieren.

Die Behörden hätten zudem Verkehrsdaten zur Bestimmung des Aufenthaltsortes nutzen dürfen - etwa um den Betroffenen über sein persönliches Risiko zu informieren. Nach heftiger Kritik aus der Opposition, aber auch der SPD, stellte Spahn diese Pläne bei der Änderung des Infektionsschutzgesetzes zunächst zurück.

Unter den Wählern der Grünen ist die Zustimmung mit 61 Prozent am größten, dicht gefolgt von Wählern der Union mit 60 Prozent. Von den AfD-Anhängern wären 55 Prozent für die Nutzung von Handydaten gegen die Ausbreitung des Coronavirus, von den Wählern der SPD und Linken jeweils 50 Prozent, im Lager der FDP sind es nur 49 Prozent.

Unionspolitiker haben inzwischen einen neuen Vorschlag für digitales Tracking ins Gespräch gebracht. Sie wollen möglichst bald eine App einsetzen, die Bürger freiwillig auf ihrem Handy installieren können. Sie soll wie eine Art digitales Tagebuch funktionieren und - falls sein Besitzer positiv auf das Coronavirus getestet wird - automatisch anonymisierte Hinweise an alle Menschen versenden, die in den zurückliegenden zwei Wochen mit ihm Kontakt hatten. Eine Nachricht würde allerdings wohl nur erhalten, wer eine solche App selbst auch auf sein Mobiltelefon heruntergeladen hat.

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber zeigte sich offen für die Nutzung einer Anti-Corona-App auf freiwilliger Basis. Als Vorbild nannte er Singapur: Eine App zeichne dort auf dem Gerät des Nutzers auf, wo dieser sich gerade aufhalte. Über Technologien wie Bluetooth lasse sich ermitteln, wie nahe man anderen Nutzern der App komme. "Und wenn man feststellt, dass man sich infiziert hat, kann man sein Bewegungsprofil teilen und Kontakte informieren", sagte Kelber.

Im Umfeld des Robert Koch-Instituts wird an einer solchen App gearbeitet. Singapur hat angekündigt, den Quellcode ihrer App weltweit kostenlos zur Verfügung zu stellen .

Eine Handy-Ortung über die Funkzellen würde aus Kelbers Sicht indes gar nicht funktionieren. "Diese haben selbst schon in Städten einen Radius von mehreren Hundert Metern, auf dem Land sogar von mehreren Kilometern", sagte der SPD-Politiker den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Das ist viel zu ungenau, um einen Rückschluss auf den Aufenthaltsort von Infizierten oder ihren Kontaktpersonen zuzulassen." Wenn ein Vorhaben ungeeignet sei, "muss man sich über mögliche Eingriffe in die Grundrechte gar nicht mehr unterhalten".

ssu/dpa-AFX