Sascha Lobo

Zum Lesen und Weiterleiten Warum soll ich mich impfen lassen?

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Sie sind weder Querdenker noch Impfgegner – aber trotzdem unsicher, ob und warum Sie sich impfen lassen sollen? Dann ist dieser Text für Sie.
Impfzentrum (in Freiburg)

Impfzentrum (in Freiburg)

Foto: Winfried Rothermel / imago images/Winfried Rothermel

Vielleicht haben Sie diesen Text gerade von jemandem zugeschickt bekommen, der Sie gern mag und der sich um Sie sorgt. Denn dieser Text ist für die Leute, die bisher nicht gegen das Coronavirus geimpft sind – aber nicht für harte Impfgegner, Verschwörungstheoretiker und Querdenker, die viel kaputt gemacht haben, auf die man mit Recht wütend sein darf (war ich zum Beispiel in der letzten Woche). Dieser Text ist für ganz normale Leute, die vielleicht noch unsicher sind, ob und warum sie sich impfen lassen sollen. Vielleicht gehören Sie dazu?

Unsicherheit ist okay, die Welt ist kompliziert und groß. Die meisten Leute sind irgendwo unsicher. Aber es herrscht eine Pandemie, die inzwischen für sehr viele Menschen tödlich endet, und deshalb muss man irgendwann etwas gegen seine Unsicherheit tun. Dabei möchte ich Ihnen helfen, weil ich der absoluten Mehrheit der seriösen Fachleute folge: Der Impfstoff ist für uns alle der Weg aus der nervigen Pandemie , wenn sich in Deutschland so viele Leute impfen lassen wie in Spanien oder Portugal.

Deshalb schreibe ich hier über die wichtigsten Gründe, warum sich manchmal auch ganz normale, überhaupt nicht radikale Leute bisher nicht impfen lassen. Die sind gut erforscht, und vielleicht sind ja auch Ihre persönlichen Gründe dabei, weshalb Sie bisher zögern. Die Quellen für die meisten wichtigen Aussagen in diesem Text habe ich übrigens verlinkt, damit Sie alles selbst nachvollziehen können. Am Ende erkläre ich, warum so viele Menschen Lügen über die Impfung verbreiten. Es gibt nämlich eine gute Chance, dass Ihre Zweifel durch verwirrende und bedrohliche Gerüchte in sozialen Medien größer geworden sind.

Für die Glaubwürdigkeit so eines Textes ist wichtig zu klären, wer ihn schreibt: Mein Name ist Sascha Lobo, ich bin kein Virologe oder Arzt, sondern Diplom-Kommunikationswirt und habe zusätzlich drei Jahre Biotechnologie studiert. Mein Job ist, komplizierte Informationen zu recherchieren, richtig einzusortieren und so zu erklären, dass man sie leichter versteht. Ich arbeite unter anderem als Kolumnist für den SPIEGEL, aber den größten Teil meines Geldes verdiene ich mit Vorträgen über Digitalisierung. Manchmal tue ich das zwar auch für Pharmaunternehmen, aber ich verdiene nichts an den Impfungen.

Das Einfachste am Anfang: Warum sollten Sie sich gegen Corona impfen lassen?

Vier Gründe, die alle wissenschaftlich bewiesen wurden:

Inzwischen werden Krebsoperationen verschoben , weil so viele Coronapatienten im Krankenhaus sind. Es sterben Menschen, weil sie nicht operiert werden. Genau jetzt. Den Vorteil der Impfung können Sie an den Inzidenzen erkennen, also der Zahl, wie viele Leute pro 100.000 Einwohner sich in den letzten sieben Tagen angesteckt haben. Zum Beispiel in Sachsen am 16. November 2021. 

Die Inzidenz lag da bei Geimpften bei 64.

Bei Ungeimpften lag sie bei 1823. Das ist fast 30-mal mehr.

Diesen Herbst wurden bei einer Umfrage über 3000 Leute in Deutschland gefragt , warum sie bisher nicht geimpft sind. Unter den häufigsten Antworten sind vielleicht auch Ihre persönlichen Gründe.

Auf Platz eins:

Der Impfstoff ist nicht ausreichend erprobt.

Auf Platz zwei:

Die Angst vor Nebenwirkungen.

Und auch ziemlich weit vorn:

Die Angst vor Langzeitfolgen.

Schauen wir uns das einmal näher an.

  • Zum Ersten: Ist der Impfstoff nicht ausreichend erprobt?

Inzwischen sind weltweit 3,2 Milliarden Leute vollständig geimpft . Es gibt eigentlich keinen Impfstoff, der schneller und intensiver bei mehr Menschen geimpft und damit ja auch ständig erprobt wird.

Es stimmt, das ist alles erst ein paar Monate her – aber viele glauben, dass die sogenannten mRNA-Impfstoffe (dazu gehören Biontech und Moderna) völlig neu sind. Das stimmt so nicht. mRNA-Impfstoffe werden seit 1993 erforscht, also seit 28 Jahren . Seit Mitte der Neunzigerjahre werden sie Tieren gespritzt. Seit 2002, seit fast 20 Jahren, werden mRNA-Impfstoffe an Menschen getestet . mRNA ist also nicht neu.

Und es heißt zwar »mRNA«, und diese Abkürzung hat mit dem Erbgut zu tun – aber die Impfung verändert nicht das Erbgut . Die Behauptung, dass die Impfung ein »Gen-Experiment« ist, die ist einfach falsch. Sie fragen sich, warum der Impfstoff gegen Corona so verdächtig schnell da war? Es gab 2012 schon mal einen nahen Verwandten des heutigen Coronavirus namens »MERS«  – seitdem wird an Impfstoffen geforscht. Deshalb konnte die Wissenschaft jetzt so schnell reagieren. Und auch weil völlig neue, digitale Instrumente in der Forschung angewendet wurden. Die Digitalisierung macht fast alles schneller.

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  • Zum Zweiten: Nebenwirkungen.

Ja, es kann Nebenwirkungen geben. Und leider stimmt es auch, dass in der Vergangenheit nicht immer offen und ehrlich über Nebenwirkungen von Medikamenten und Impfungen gesprochen worden ist. Aber bei den Coronaimpfungen werden die Nebenwirkungen nicht verschwiegen, sondern intensiv erforscht und regelmäßig veröffentlicht . Es gibt dafür sogar eine App vom staatlichen Paul-Ehrlich-Institut mit dem einigermaßen bekloppten Namen »SafeVac«.

In den allermeisten Fällen fühlen sich die Nebenwirkungen an wie eine leichte Grippe , wenn sie überhaupt auftreten. Zu den schlimmsten Nebenwirkungen gehören bei den meistverwendeten Impfstoffen von Biontech und Moderna Herzmuskelentzündungen. Aber die sind wie alle schwereren Nebenwirkungen bei der Coronaimpfung wirklich sehr selten. In den USA wurden von einer Krankenkasse zwei Millionen Versicherte untersucht : Auf 100.000 Geimpfte kamen 2,8 Menschen mit Herzmuskelentzündungen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist also kleiner, als aus einem Skat-Kartenspiel dreimal hintereinander zufällig die exakt gleiche Karte zu ziehen. Und das Wichtigste: Alle Erkrankten haben überlebt. Trotzdem ist eine Herzmuskelentzündung eine ernste Sache. Doch die Wahrscheinlichkeit, eine Herzmuskelentzündung durch eine Covid-Erkrankung zu bekommen, ist deutlich höher.

Das gilt auch für andere Komplikationen: Wenn man alle Nebenwirkungen zusammennimmt, sind sie viel seltener und viel ungefährlicher als die Auswirkungen der Corona-Erkrankung. Covid-19 ist nämlich richtig gefährlich , spätestens seit es die Delta-Variante des Virus gibt auch für junge Menschen. Die Krankheit ist auch nicht mit der Grippe zu vergleichen, sie ist gefährlicher. Covid-19 kann zu Schlaganfällen und Hirnblutungen führen, zu monatelangen Schwächezuständen, zu Herzkrankheiten und natürlich auch zum Tod. Von den Leuten, die wegen Corona beatmet werden müssen, sterben ungefähr die Hälfte .

Es bleibt immer eine Nutzen-Risiko-Abwägung, aber im Grunde läuft es auf genau eine Wahl heraus, vor der die Menschen jetzt stehen: Entweder man lässt sich impfen oder man infiziert sich.  Bloß lässt sich nicht abschätzen, wie die eigene Corona-Erkrankung verläuft. Natürlich kann sie mild verlaufen – aber sie kann auch schlimm ausgehen. Und womöglich steckt man wiederum andere an, die vielleicht sehr krank werden oder sterben.

Wenn Sie übrigens auf einen sogenannten Totimpfstoff warten, sollten Sie noch einmal überlegen. Es ist nämlich unklar, wann Totimpfstoffe in der EU zugelassen werden und auch, wie gut sie gegen die neuen Varianten vom Coronavirus wirken .

  • Bleibt noch die dritte große Befürchtung, warum so viele Leute mit der Impfung zögern: Langzeitfolgen.

Dahinter steckt vielleicht das größte Missverständnis. »Langzeit« führt einfach als Wort in die Irre. Wissenschaftlich betrachtet bedeutet Langzeit nämlich ein paar Tage bis maximal Wochen . Alle Wirkungen und Nebenwirkungen von Impfungen zeigen sich recht schnell nach der Impfung. Es kann zwar sein, dass Betroffene unter manchen Nebenwirkungen letztlich längere Zeit zu leiden haben. Es kann auch sein, dass eine Nebenwirkung erst nachträglich mit der Impfung in Verbindung gebracht wird. Doch es gibt bisher keinen verifizierten Fall bei irgendeiner Impfung, wo ein paar Jahre später plötzlich irgendwelche überraschenden neuen Folgen aufgetreten sind.

Man kann sich das ungefähr vorstellen wie einen Stein, den man ins Wasser wirft. Natürlich gibt es Folgen, die Wellen. Aber es ist Quatsch, nach zwei Jahren noch mal zu schauen, ob durch den Steinwurf ins Wasser vielleicht nicht doch irgendetwas anderes passiert ist. Leider gibt es viele Gerüchte und Lügen zu Nebenwirkungen und Langzeitfolgen. Zum Beispiel, dass die Impfung impotent oder unfruchtbar macht. Das ist einfach falsch, es gibt keine seriöse Untersuchung, die das bestätigt. Im Gegenteil haben schon unglaublich viele geimpfte Menschen Kinder gezeugt und zur Welt gebracht

Sie fragen jetzt mit Recht, warum es dann so viele Lügen über die Impfung gibt.

Das ist sehr interessant: Es gibt eine häufige Verhaltensweise bei Menschen namens »Versunkene-Kosten-Falle «, die die vielen Unwahrheiten in sozialen Medien erklärt. Je länger die Pandemie wütet, desto deutlicher merken erbitterte Impfgegner, wie unklug es war, sich nicht impfen zu lassen und der ganzen Welt davon lautstark zu erzählen. Es wird auch immer unangenehmer.

Deshalb suchen sie verzweifelt nach irgendwelchen Gründen, warum ihr Verhalten doch richtig war: »Schau, ich hatte doch recht!« Um sich nicht zu korrigieren und für ihren Fehler schämen zu müssen, ist ihnen in ihrer Verzweiflung jede an den Haaren herbeigezogene Begründung recht. Das ist die Versunkene-Kosten-Falle: »Ich habe da schon so viel Energie reingesteckt, das hat mich schon so viele Freunde gekostet und mich so oft doof dastehen lassen, das darf einfach nicht falsch sein!« Fallen Sie nicht auf Leute rein, die Ihnen aus Egoismus Lügen auftischen.

Sprechen Sie stattdessen mit Leuten, die sich bereits haben impfen lassen. Sprechen Sie mit Bekannten, die unter Corona gelitten haben oder mit ihrer Hausärztin, die Sie auch impfen kann. Oder sprechen Sie mit der Person, warum Sie Ihnen diesen Text geschickt hat, um Ihnen einen liebevollen Anstoß zum Impfen zu geben. Es wird sich lohnen.

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