Covid-19 in Südkorea Südkoreas Strategie der radikalen Transparenz

In Südkorea hat sich das Coronavirus schnell ausgebreitet. In dem hochdigitalisierten Land kann jeder die Wege von Covid-19-Patienten nachverfolgen.
Eine Quarantänebeamtin überprüft die Körpertemperatur von Passagieren am Flughafen Incheon

Eine Quarantänebeamtin überprüft die Körpertemperatur von Passagieren am Flughafen Incheon

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Park Mi-So/ DPA

Die Warnmeldungen kommen fast jeden Tag. Wer sich momentan durch Südkorea bewegt, weiß: Wenn das Smartphone intensiv brummt, hat sich in der Nähe ein Coronavirus-Patient aufgehalten.

Eine infizierte 29-Jährige war im Bezirk Mapo-gu unterwegs, steht dann auf dem Bildschirm. In Andong hat ein Erkrankter einen Yogakurs besucht. Auf einer Baustelle in Yeouido gab es ebenfalls einen Fall.

Notfallmeldungen der Regierung erhalten Koreaner auch sonst auf ihre Smartphones, sie warnen vor hoher Luftverschmutzung oder starker Kälte. Nun dienen sie als Alarm vor dem neuartigen Coronavirus und sind dabei verblüffend detailliert.

Geradezu radikale Transparenz

Möglich ist das, weil die südkoreanische Regierung nach dem Ausbruch der Infektionskrankheit Mers vor fünf Jahren für ihre schlechte Kommunikation kritisiert worden war. Nun setzt sie neben einer sehr guten medizinischen Versorgung der Patienten auf Aufklärung und geradezu radikale Transparenz.

Seit Anfang der Coronavirus-Krise wird genau dokumentiert, wo welcher Infizierte wann war. Die Beamten befragen Patienten, welche Wege sie genommen haben und mit wem sie Kontakt hatten. Sie überprüfen Überwachungskameras und gleichen Daten von Kreditkarten und Mobiltelefonen ab. Die Routen werden dann veröffentlicht, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Anfangs war diese Arbeit leichter, weil Südkorea zunächst nur wenige Covid-19-Fälle verzeichnete.

Seit vergangener Woche aber sind die Zahlen stark gestiegen. Knapp 3000 Menschen sind nun infiziert, der weitaus größte Teil im Süden des Landes. In der betroffenen Region wurden die Menschen aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Außerdem sind alle Schulen Südkoreas geschlossen. Konzerte und Veranstaltungen wurden abgesagt und Firmen empfehlen ihren Mitarbeitern, von zu Hause aus zu arbeiten. Viele Menschen bleiben inzwischen ohnehin lieber daheim.

Um die Ansteckungsgefahr möglichst gering zu halten, hat das Land sogar "Drive-Thru"-Testzentren aufgebaut. Dort kann ein Mensch mit Covid-19-Symptomen mit dem Auto vorfahren und von medizinischem Personal in Schutzanzügen getestet werden. In zehn Minuten ist die Prozedur beendet.

Wer traf Patientin Nummer 31?

Dass es überhaupt zu dem heftigen Coronavirus-Ausbruch kam, liegt offenbar vor allem an Patientin Nummer 31. Wo die 61 Jahre alte Koreanerin sich angesteckt hat, ist noch unklar, aber über ihre Wege weiß die Öffentlichkeit Bescheid: Dass sie von der Stadt Daegu nach Seoul reiste, dass sie trotz Fieber am Büfett eines Hotels gegessen hat und dass sie an Gottesdiensten der Shincheonji-Sekte in Daegu teilgenommen hat. In diesen sitzen Gläubige eng beieinander, sodass sie sich vermutlich massenhaft angesteckt haben.

Coronaita-Betreiber Kim Hak-joon: "Viele Menschen sind besorgt. Sie versuchen, ruhig zu bleiben, aber sie wollen auch informiert werden"

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Foto: WOOHAE CHO

Die Behörden begannen daraufhin, Hunderte Menschen zu identifizieren und zu testen, denen Patientin Nummer 31 begegnet war. Inzwischen haben sie eine Liste mit den 310.000 Mitgliedern der Sekte erhalten, die nun auf Covid-19-Symptome untersucht werden.

"Die detaillierten Daten könnten Experten in der ganzen Welt helfen nachzuvollziehen, wie schnell und auf welchem Weg sich ein solches Virus übertragen kann", so Michael Mina, Epidemiologie-Professor an der T. H. Chan School of Public Health der Universität Harvard, zur "LA Times" . "Auf der anderen Seite müssen die Behörden auch sensibel vorgehen und überlegen, wie stark die Öffentlichkeit es toleriert, wenn so detailliert Daten veröffentlicht werden."

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Die Grenzen des Datenschutzes

Der Ansatz könnte somit Medizinern auf der ganzen Welt wichtige Hinweise über das neuartige Virus liefern. "Ehrlichkeit ist im öffentlichen Gesundheitswesen sehr viel mehr wert als Hoffnung", hat der britische "Economist" gerade geschrieben . Nicht in jedem Land aber lassen es die Datenschutzgesetze zu, dass so umfassend Informationen veröffentlicht werden wie in Südkorea.

Dort ist die Nachfrage allerdings groß. Zahlreiche Bürger haben Websites gelauncht, die inzwischen teils noch detaillierter informieren als die Behörden. Einige Seiten wie Corona Nearby  visualisieren die Wege von Infizierten auf Karten, andere funktionieren eher wie ein Newsticker. So etwa Corona Live , das in drei Sprachen angeboten wird.

Eine der beliebtesten Seiten ist Coronaita , wo man in das Suchfeld einen Ort eintippen kann und sieht, ob registrierte Covid-Patienten sich in der Nähe aufgehalten haben. Im Detail ist aufgelistet, wo ein Patient wann war. Der Zeitraum reicht bis zu vier Wochen zurück. Andere Coronaviren überlebten im Schnitt zwischen vier und fünf Tage auf Oberflächen. In Südkorea werden die Orte, an denen sich ein Patient nachweislich aufgehalten hat, daher desinfiziert. Doch die Bürger wollen sichergehen.

"Auf mir lastet jetzt eine große Verantwortung"

"Viele Menschen sind besorgt. Sie versuchen, ruhig zu bleiben, aber sie wollen auch informiert werden", sagt Kim Hak-joon, 27, der Coronaita nur als kleines Projekt neben seinem Start-up betreiben wollte. Nun aber arbeitet er mit einem Team von acht Leuten rund um die Uhr daran, die Daten von Regierungsstellen und lokalen Medien zu sammeln, zu überprüfen und einzuspeisen.

Weil die Infektionszahlen so rapide gestiegen sind, dokumentieren die Regierungsstellen die einzelnen Fälle nicht mehr so genau auf ihren Websites, dafür müssen Kim und sein Team die lokalen Behördenseiten durchforsten. Außerdem gibt es eine Chat-Gruppe für jede Region, wo die Bürger Hinweise posten können. Mehr als vier Stunden Schlaf bekomme Kim zurzeit nicht, sagt er. "Auf mir lastet jetzt eine große Verantwortung."

Auf die Kritik, dass zu viele Informationen auch Angst auslösen könnten, antwortet Kim: "Ich möchte Menschen einfach helfen, an Informationen zu kommen." Zwischen 700.000 und 3,8 Millionen User klicken pro Tag auf seine Seite.

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