Cryptoparty im Bundestag NSA-Affäre schreckt Abgeordnete auf

Es gab Hackerbrause wie bei den Piraten: Der FDP-Abgeordnete Jimmy Schulz hat für seine Kollegen eine Cryptoparty im Bundestag veranstaltet. Dort wurde erklärt, wie man sich mit Verschlüsselung vor Geheimdiensten schützt - ausgerechnet aus den Reihen einer Regierungspartei.
Reichstagsgebäude in Berlin: Club Mate und Festplattenverschlüsselung

Reichstagsgebäude in Berlin: Club Mate und Festplattenverschlüsselung

Foto: Wolfgang Kumm/ picture alliance / dpa

Berlin - Für die Bundesregierung ist die Affäre um die umfassende Überwachung des Internets durch Geheimdienste bereits beendet, bevor die Aufklärung überhaupt begonnen hat. Dabei ist seit den Enthüllungen von Edward Snowden klar, dass auch deutsche Nutzer massenhaft ausgespäht werden. Nun hat ausgerechnet der FDP-Abgeordnete Jimmy Schulz, dessen Partei immerhin an der Regierung ist, am Dienstagabend eine Cryptoparty im Bundestag veranstaltet.

Die Idee dahinter ist einfach: Interessierte Menschen kommen zusammen und lernen, wie sie E-Mails, Dateien und ihre Computer vor Einblicken von außen schützen können. Solche Cryptopartys finden seit der NSA-Affäre regelmäßig in Treffpunkten von Computerfreunden statt, meist abends.

Die Bundestags-Cryptoparty dagegen beginnt am späten Nachmittag im Fraktionssaal der FDP, es herrscht Büroatmosphäre. Dafür gibt es Club Mate, das koffeinhaltige Lieblingsgetränk der Nerds.

"Gesetzgeber hilft nicht"

Etwa 40 Menschen sind gekommen, darunter der eine oder die andere Bundestagsabgeordnete und deren Mitarbeiter. Einberufen hat das Ganze Jimmy Schulz, FDP-Abgeordneter und selbst Internetunternehmer. "Es geht darum, Neugierde zu wecken", sagt er. Offenbar fragt sich nach den Berichten über Ausspähprogramme amerikanischer und britischer Geheimdienste auch so mancher im Bundestag, wie die eigene Kommunikation besser geschützt werden kann.

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Dabei ist dafür eigentlich das IT-Referat des Bundestages zuständig. Der Bundestag bietet zwar E-Mail-Verschlüsselung an, doch kaum jemand nutzt die Technik. Außerdem gibt es regelmäßig Streit um eine Liste erlaubter Software - einige Programme, die auf Cryptopartys eingesetzt und erklärt werden, dürfen die Abgeordneten und ihre Bürosoffiziell nicht installieren.

Zahlensalat gegen Datenspione

Kritiker bemängeln, dass eine Cryptoparty das eigentliche Problem - die Möglichkeit des massenhaften Ausspähens auch deutscher Kommunikation - nicht lösen kann. Für den Grünen-Abgeordneten Konstantin von Notz ist die FDP-Cryptoparty dann auch eine Steilvorlage: "FDP privatisiert Grundrechtsschutz. Gesetzgeber hilft nicht. Bundesregierung verschleiert: Hilf Dir selbst!", ätzte er .

Schulz hält dagegen: Der Staat könne den Datenverkehr im internationalen Netz nicht überall schützen. Gefahr drohe auch von Kriminellen. Verschlüsselung "wäre auch ohne NSA und auch ohne den britischen Geheimdienst sinnvoll", sagt er.

Die Kurse der Piraten sind nicht nur für eine Elite

Wie die Technik funktioniert, erklären IT-Experten an vier Stationen. Da geht es zum Beispiel darum, Dateien auf dem eigenen Computer so zu schützen, dass sie für jeden Außenstehenden nur wie ein Zahlensalat aussehen. Das helfe auch, wenn der eigene Computer oder ein USB-Stick mal verloren gehe, sagt Referent Thomas Möhle. Das Programm dafür, genannt Truecrypt, sei nicht besonders kompliziert, sagt der 24-jährige Informatik-Student: "Jeder, der ein Interesse daran hat und sich die Zeit nimmt, das zehn Minuten zu lernen, sollte am Ende erfolgreich damit umgehen können."

Mit Cryptopartys wird längst Wahlkampf gemacht. Allen voran versucht die Piratenpartei, möglichst viele "Kryptopartys" zu veranstalten, allerdings gleich für alle, nicht nur für Politiker, deren Mitarbeiter und Journalisten. Auch Politiker anderer Parteien haben bereits Workshops zur Verschlüsselung abgehalten. Ein Mitarbeiter eines CDU-Abgeordneten besucht die FDP-Party und sagt, sein Chef überlege, auch eine Cryptoparty zu veranstalten.

Nach gut zwei Stunden brechen die meisten Gäste auf. Schulz ist zufrieden: Überraschend viele Zuhörer hätten gleich die Programme installiert und ausprobiert. "Ich hoffe, dass es das nächste Mal länger sein wird", sagt eine Mitarbeiterin eines Unionsabgeordneten. Sie will im Internet nach mehr Informationen suchen - auch über Cryptopartys von Computerkennern .

Jessica Binsch, dpa / ore
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