Cyberattacken US-Firma entzieht WikiLeaks die Internetadresse

WikiLeaks ist nicht mehr über seine gewohnte Internetadresse erreichbar. In der Nacht entzog ein US-Dienstleister der Enthüllungsplattform die Kennung wikileaks.org - Begründung: Gezielte Cyberangriffe hätten andere Seiten gefährdet. Nun zieht die Organisation auf eine Schweizer Adresse um.
WikiLeaks-Web-Seite: Seit dem Morgen nur noch über Umwege erreichbar

WikiLeaks-Web-Seite: Seit dem Morgen nur noch über Umwege erreichbar

Foto: Richard Drew/ AP

Die zentrale Website von WikiLeaks ist seit dem frühen Freitagmorgen nicht mehr über die gewohnte Adresse wikileaks.org erreichbar. Via Twitter meldete das Enthüllungsportal: "Die Domain wikileaks.org ist nach angeblichen Massenattacken vom US-Provider everydns.net gekillt worden" , verbunden mit einem Aufruf zu Geldspenden. Stunden später verkündete WikiLeaks, künftig unter einer anderen Kennung erreichbar zu sein: " WikiLeaks zieht in die Schweiz  - http://wikileaks.ch". Unter dieser Adresse, die schon vor längerem von der Schweizer Piratenpartei registriert wurde, ist das Portal nun erreichbar.

Verantwortlich für den Entzug der alten Kennung ist tatsächlich das US-Unternehmen EveryDNS. Es hatte die WikiLeaks-Adresse verwaltet und teilt nun auf seiner Internetseite  mit, man habe wikileaks.org bis zum Donnerstag 22 Uhr Ortszeit an der US-Ostküste kostenlos unterhalten. Dann habe man die Dienste eingestellt, "in Einklang mit den Geschäftsbedingungen". Via Twitter ergänzte das Unternehmen, man habe "im besten Sinne unserer Nutzer und Kunden gehandelt" . Begründung für die Aktion: Es habe mehrere Distributed-Denial-of-Service-Angriffe (DDoS) auf die Seite gegeben, also Cyberattacken, um wikileaks.org lahmzulegen. Angesichts der Gefahr weiterer Attacken hätte dies Folgen für die DNS-Dienste der übrigen rund 500.000 Adressen haben können, die EveryDNS verwaltet.

Hintergrund: Die WikiLeaks-Internetseite ist grundsätzlich und weiterhin unter der Adresse http://213.251.145.96/ erreichbar. Alle Internetseiten haben einen solchen Zahlencode - die sogenannte IP-Adresse - als Basisadresse. Damit niemand den Code eintippen muss, gibt es sogenannte DNS-Provider wie EveryDNS. Sie fungieren als Telefonbücher des Internet: In ihren Datenbanken steht, welche IP-Adresse zu welchem Seitennamen gehört. Wer wikileaks.org eintippte, wurde über EveryDNS zu 213.251.145.96 verbunden.

WikiLeaks hat nun seinen neuen DNS-Eintrag wikileaks.ch in der Schweiz registrieren lassen - ein Land, das WikiLeaks-Gründer Julian Assange offenbar für besonders sicher hält: Kürzlich sagte er, er erwäge, dort politisches Asyl zu beantragen und auch die Enthüllungsplattform komplett dorthin zu verlegen.

Auf Twitter wurden gleich nach der Entscheidung von EveryDNS noch weitere alternative Namen für die Kennung 213.251.145.96 verbreitet. Nicht betroffen von dem Adressentzug sind einige Spendenseiten und alte WikiLeaks-Unterseiten wie jene zum "Collateral Murder"-Video.

Großer politischer Druck in den USA

WikiLeaks war in den vergangenen Tagen offensichtlich wegen Cyberangriffen oft schwer zu erreichen. Bei den DDoS-Attacken werden Server durch eine Vielzahl automatisch gesteuerter, gleichzeitiger Anfragen aus dem Netz ausgebremst, im schlimmsten Fall komplett lahmgelegt. Üblicherweise werden solche Angriffe von sogenannten Botnets ausgeführt - großen Netzwerken, die aus Rechnern zusammengestellt werden, die zum Beispiel von einer Trojaner-Schädlingssoftware befallen sind. Die Besitzer dieser Rechner merken oft nicht mal, dass ihre Computer Teil eines Großangriffs sind.

EveryDNS hat nach eigenen Angaben WikiLeaks per E-Mail, Twitter und über die Chat-Funktion der WikiLeaks-Web-Seite auf den drohenden Adressentzug wegen der Attacken hingewiesen. Die Organisation habe 24 Stunden vorher Kenntnis bekommen, teilte das Unternehmen mit. Dass sie nicht mehr über wikileaks.org erreichbar sei, liege am Versäumnis von WikiLeaks, sich anderswo zu registrieren - was nun allerdings in der Schweiz geschehen ist.

Die Aktion von EveryDNS macht klar, wie schwierig es für WikiLeaks inzwischen geworden ist, mit Internetanbietern in den USA zusammenzuarbeiten. Der politische Druck, der Plattform keine Basis zu geben, ist groß.

Sperraktionen auch bei anderen US-Anbietern

Etwa zeitgleich mit der Abschaltung der DNS-Dienste hat auch der Datenvisualisierungsdienst Tableau Software  alle von WikiLeaks hochgeladenen Daten aus seinem kostenlosen Angebot Tableau Public entfernt. Begründung: WikiLeaks habe gegen die Geschäftsbedingungen verstoßen, weil es für die Veröffentlichung der Daten keine Rechte besitze. Es habe eine Beschwerde wegen eines bestimmten Datensatzes gegeben. Man behalte sich immer die Löschung vor.

Mit einer ähnlichen Begründung hatte schon vor anderthalb Tagen der Online-Händler Amazon mitgeteilt, WikiLeaks von seinen Servern auszusperren. Der Internet-Handelskonzern bietet auch Web-Dienstleistungen an, von denen WikiLeaks Gebrauch machte - dabei aber gegen Nutzungsbedingungen verstieß, argumentiert Amazon. So sähen die Geschäftsbedingungen vor, dass ein Kunde Rechte an Inhalten halten müsse, die er veröffentliche. Außerdem dürfe die Veröffentlichung niemandem schaden. Amazons Argumentation: "Es ist klar, dass WikiLeaks nicht über die Rechte an den vertraulichen Dokumenten verfügt." Und angesichts von mehr als 250.000 US-Diplomatendepeschen sei nicht gesichert, dass Unschuldige, wie etwa Menschenrechtler, geschützt seien.

US-Senator Joe Lieberman hatte zuvor offenbar bei Amazon interveniert. Der parteilose, den Demokraten nahestehende Vorsitzende des Senatsausschusses für Heimatschutz habe dem Konzern mit einem Boykott gedroht, berichtete der britische "Guardian".

mak, mit Material von dpa