Landgericht Heidelberg Darknet-Waffenhändler zu fünfeinhalb Jahren verurteilt

Ein Mann hat über das Darknet Waffen an einen Rechtsextremisten und einen Sympathisanten der Terrorgruppe "Islamischer Staat" verkauft. Nun muss der Sportschütze dafür fünfeinhalb Jahre ins Gefängnis.

Polizeiwagen vor dem Landgericht Heidelberg
DPA

Polizeiwagen vor dem Landgericht Heidelberg


Ein Sportschütze hat im sogenannten Darknet illegal mit Waffen gehandelt. Dafür ist der Mann vom Landgericht Heidelberg jetzt zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 32-Jährige zwischen Januar 2014 und Oktober 2015 Pistolen und Sturmgewehre sowie Zubehör illegal an verschiedene Abnehmer verkauft hat.

Die Verteidigung hatte dafür plädiert, dass der zum Teil geständige Mann nicht länger als fünf Jahre hinter Gitter muss. Die Staatsanwaltschaft hatte sieben Jahre gefordert. Einig waren sich Verteidigung und Anklage darin, dass der gelernte Optiker Dutzende Schusswaffen an Kunden aus dem In- und Ausland verkauft hat.

Waffenverkauf an IS-Sympathisanten

Die Verteidigung argumentierte, der Waffenliebhaber habe den Handel aufgezogen, um seine eigene Kollektion an Schusswaffen zu finanzieren. Dass die von ihm verbreiteten Sturmgewehre, Maschinenpistolen und auch Pistolen der Marke Glock viel Leid verursachen könnten, habe ihr Mandant "ausgeblendet", sagte Rechtsanwältin Andrea Combé.

Aus Sicht von Staatsanwältin Anna Römhild hat der Angeklagte ohne Skrupel seine Geschäftsinteressen verfolgt. So hätten sich unter seinen Kunden gewaltbereite Männer befunden, darunter etwa ein Sympathisant der Terrormiliz "Islamischer Staat" und ein Rechtsextremist. Deutlich werde die Gefahr des illegalen Waffenhandels auch am Beispiel des Amokläufers von München.

Das Bundeskriminalamt (BKA) bewertet die Bedeutung des Darknet beim Thema Waffenbeschaffung zurückhaltend. Es gebe Waffen in diesem verborgenen und verschlüsselten Bereich des Internets, sagte BKA-Präsident Holger Münch am Mittwoch, "allerdings muss man sagen, zum Glück nicht in der Menge, wie es zum Beispiel bei Betäubungsmitteln ist".

Das BKA führt nach eigenen Angaben derzeit mehr als 80 Verfahren wegen möglichen Waffen- und Sprengstoffhandels im Darknet. Münch nannte die Zahl von 85 Verdächtigen, gegen die ermittelt werde.

Was ist das Darknet?
Was ist mit Darknet gemeint?
Wer im Internet surft, öffnet seinen Browser und kann dann Webseiten wie www.spiegel.de besuchen - oder er googelt Inhalte. Das Darknet, das "dunkle Netz", kann man sich demgegenüber als virtuellen Hinterraum vorstellen, der schwerer zu erreichen und anders gebaut ist als das offene Internet.

Dort gibt es keine zentralen Server. Stattdessen verbinden sich viele einzelne Computer zu Netzwerken. So entstehen exklusive Kreise, die Nutzer nicht einfach per Google-Suche finden. Es gibt also nicht nur ein Darknet, sondern viele solcher Netzwerke. Sie arbeiten unterschiedlich, aber das Ziel ist immer: Die Nutzer sollen anonym bleiben können. Die Daten in den Darknets werden in der Regel verschlüsselt übertragen, deshalb ist das Darknet schwer zu überwachen.

Doch auch dort gibt es Dinge, die Nutzer des World Wide Web (WWW) kennen dürften: Chaträume, soziale Netzwerke und Online-Shops voll illegaler Angebote, die zum schlechten Ruf beitragen.

Wie komme ich ins Darknet?
Wer in ein Darknet gelangen möchte, kann das nicht mit einem herkömmlichen Browser. Der dunkle Teil des Netzes ist nur über spezielle Software zu erreichen. Je nach Darknet ist der Zugang unterschiedlich kompliziert.

Das wohl bekannteste Darknet ist über den sogenannten Tor-Browser erreichbar. Viele nutzen ihn, um auch beim Surfen im WWW anonym zu bleiben. Tor nutzt dafür eine Technik namens "Onion Routing".

Anfragen werden dabei auf wechselnden Routen über verschiedene Server umgeleitet, die jeweils nicht das eigentliche Ziel kennen. Nach dem Passieren verschiedener Stationen gelangt die Kommunikation über einen Exit-Knoten wieder ins Netz. Sender und Empfänger sollen so anonym bleiben. In der Vergangenheit sind dennoch immer wieder Tor-Nutzer enttarnt worden.

Vom WWW abgesehen, kann man mit den Tor-Browser Seiten aufrufen, auf die man mit normalen Browsern keinen Zugriff hat. Im Darknet existieren nämlich sogenannte Hidden Services. Das sind in der Regel anonym betriebene Webseiten und Server, die nicht über die IP-Adresse oder eine klassische Adresse wie google.de oder spiegel.de angesteuert werden. Hidden-Service-Adressen enden auf .onion und bestehen aus langen Zahlen- und Buchstabenkombinationen. Derzeit gibt es über 50.000 .onion-Adressen. Um sich zurechtzufinden, gibt es für Interessenten an den Seiten unter anderem eine Art Wikipedia zur Übersicht.

Wer benutzt das Darknet?
Das per Tor erreichbare Darknet hat einen ziemlich schlechten Ruf als Ort für Kriminelle. Dabei ist der vermeintlich dunkle Teil des Netzes nicht illegal - zumindest solange nicht, bis man dort etwas Illegales tut.

Auf großen Darknet-Markplätzen werden allerdings viele illegale Geschäfte abgewickelt. Die 2013 geschlossene Silk Road war so ein Ort. Waffen- und Drogenhändler und auch Pädophile nutzen die technischen Möglichkeiten durchaus für ihre Zwecke.

In den Online-Shops können Kunden und Händler nur schwer belangt werden, bezahlt wird auf Darknet-Marktplätzen oft mit der Krypto-Währung Bitcoin. Um Bitcoin zu bekommen, gibt es gesonderte Onlinebörsen, wo man sein Geld in die Krypto-Währung umtauschen kann.

Doch die Anonymität, die ein Darknet bietet, ist auch ein Segen für Menschen in autoritär regierten Ländern, die sich vor Überwachung durch das Regime schützen wollen. Chinesische Dissidenten benutzen Darknet-Netzwerke genauso wie Journalisten oder Whistleblower. Auch viele ganz normale Webseiten haben Tor-Adressen, Facebook zum Beispiel ist unter https://facebookcorewwwi.onion/ zu erreichen.

Ist das Darknet das Gleiche wie das Deep Web?
Die Begriffe Darknet und Deep Web werden häufig synonym verwendet. Streng genommen gibt es zwischen Dark- und Deep Web aber einen Unterschied: den Zugangsweg. Deep-Web-Seiten lassen sich über einen normalen Browser aufrufen, Darknet-Seiten nicht.

Wenn man sich einen Eisberg vorstellt, ist das WWW die sichtbare Spitze über Wasser. Unter Wasser gibt es aber noch einen großen anderen Bereich: das Deep Web. Man findet es, wenn man weiß, wie man hinkommt.

Auch das Deep Web wird nicht nur für illegale Sachen genutzt: Große Teile des Deep Webs sind sogar unspektakulär und bestehen zum Beispiel aus riesigen Informationsdatenbanken, passwortgeschützten Seiten und solchen, die nicht für Suchmaschinen gelistet sind und die bei einer Suche folglich nicht angezeigt werden.

Kann man eine Seite also mit einem normalen Browser und ohne Zusatzsoftware öffnen, liegt sie vielleicht im Deep Web, aber nicht im Darknet.

brt/dpa



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