Chancen der Technologie Darum ist Bitcoin mehr als nur digitales Geld

Beim Begriff Bitcoin denken viele an eine Onlinewährung. Doch die Technologie könnte auch unseren Umgang mit dem Internet verändern - wenn sie stärker als digitale Infrastruktur genutzt wird.
Von Friedemann Brenneis
Bitcoin: Die Technologie lässt sich vielfältig nutzen

Bitcoin: Die Technologie lässt sich vielfältig nutzen

Foto: NurPhoto/ NurPhoto via Getty Images

Bitcoin ist schon lange kein Nischenphänomen mehr. Interessierten sich zunächst nur Nerds und Hacker dafür, ist die Technologie mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das zeigt beispielhaft eine repräsentative Umfrage aus dem Frühjahr dieses Jahres. Der Befragung zufolge, die vom Hamburger Blockchain Research Lab entworfen wurde, ist Bitcoin für knapp 87 Prozent der Deutschen kein Fremdwort mehr. Und mehr als jeder zehnte besitzt sogar digitales Geld .

Für Menschen wie den Mathematiker Rene Pickhardt ist das Potenzial von Bitcoin damit aber noch lange nicht ausgeschöpft: "Bitcoin ist eine Technologie mit super vielen Anwendungsmöglichkeiten", sagt er. "Weil aber zu viele Menschen noch nicht verstehen, wie man sie benutzt, erscheint sie noch so kompliziert. Einfach, weil sie neuartig und ungewohnt ist." Pickhardt schreibt gerade seine Doktorarbeit an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens. Er will herausfinden, wie sich die Effektivität von Bitcoin so erhöhen lässt, dass man damit auf der ganzen Welt innerhalb von zwei Sekunden bezahlen kann.

Doch Bezahlen sei nur die einfachste Anwendung der Bitcoin-Technologie, sagt Pickhardt: "Was unterschätzt wird, ist die Tatsache, dass wir Verträge mit Bitcoin machen können. Ein einfacher Vertrag ist dabei zum Beispiel: Ich übertrage dir fünf Bitcoin."

Rene Pickhardt

Rene Pickhardt

Foto: privat

Bereits heute werden weltweit jeden Tag Hunderttausende solcher einfachen Verträge auf Basis der Bitcoin-Infrastruktur geschlossen und abgewickelt. Digitales Geld im Wert von umgerechnet mehr als einer Milliarde Dollar fließt so Tag für Tag zwischen verschiedenen Bitcoin-Adressen . Ermöglicht wird das durch digitale, kryptografische Signaturen, mit denen sich Vereinbarungen im Netz sicher und nachvollziehbar treffen lassen.

"Die physikalische Signatur gilt immer noch in vielen Situationen als das universelle Mittel, einen Vertrag zu unterzeichnen", sagt Pickhardt - und das, obwohl Unterschriften anders als digitale Signaturen vergleichsweise leicht zu fälschen seien.

In Norwegen klappt vieles online

Bei Bitcoin stellen die Signaturen unter anderem sicher, dass nur derjenige das digitale Geld ausgeben kann, der auch dazu berechtigt ist. Nur wer im Besitz des richtigen kryptografischen Schlüssels ist, kann damit die Signatur erzeugen, die notwendig sind, damit das Netzwerk den Vertrag, der eine Transaktion vereinbart, als gültig anerkennt und abwickelt.

Weil sie praktisch sind, spielen digitale Signaturen mittlerweile in vielen Bereichen des Netzes eine wichtige Rolle: zum Beispiel beim Verschlüsseln von E-Mails, bei privaten Chats und beim sicheren Einloggen ins Onlinebanking.

Aber auch im norwegischen Alltag sind sie allgegenwärtig. Als Rene Pickhardt neulich zum Arzt musste, loggte er sich online in dessen Kalender ein und buchte per digitaler Signatur einen Termin. Und auf der Website des Labors konnte er später nach demselben Prinzip die Ergebnisse seines Bluttests einsehen. Nach einer weiteren Online-Konsultation mit dem Arzt konnte er anschließend sein virtuelles Rezept in jeder beliebigen Apotheke einlösen.

Rene Pickhardt nutzte dafür ein USB-Stick-großes Gerät am Schlüsselbund, das es ihm erlaubt, sich zu verifizieren und mit dem darin enthaltenen Schlüssel digitale Signaturen zu erzeugen. In Norwegen heißt dieses System BankID  und ist schon seit 16 Jahren im Einsatz. Termine, Dokumente, Verträge - alles lässt sich auf diese Weise digital unterschreiben, egal, ob es um Arztbesuche oder Hauskäufe geht. Das ist praktisch und hat sich derart bewährt, dass mittlerweile drei Viertel aller Norwegerinnen und Norweger bei BankID angemeldet sind.

Im Prinzip ist auch Rene Pickhardt von der Funktionalität von BankID angetan. Doch er sieht auch Missbrauchs- und Manipulationsrisiken und erlebte selbst die Kehrseite des Angebots. Als er als zugezogener EU-Bürger einmal sein Bankkonto umstellen musste und es dabei zu Verzögerungen kam, fiel er vorübergehend wieder aus dem System heraus. Ohne BankID konnte er plötzlich keinen Termin mehr bei seinem Arzt machen.

Zwar hätte er im Notfall noch mit seinem Pass ins Krankenhaus gehen können, doch zeigt das Beispiel das grundsätzliche Problem von zentralen und exklusiven Anbietern. Nur wem Zugang zu der notwendigen Infrastruktur gewährt wird, kann den Dienst nutzen. Alle anderen sind grundsätzlich davon ausgeschlossen.

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten

Bei Bitcoin mit seinem offenen und dezentralen Konzept ist das genau andersherum. Die global verfügbare und frei zugängliche Infrastruktur ist per Design barrierefrei. Jeder, der will, kann darauf zugreifen, ohne einen anderen um Erlaubnis bitten zu müssen. Unabhängig von Nationalität, Einkommen, Geschlecht, sozialem Status oder geografischem Standort.

Man braucht lediglich Zugang zum Internet und eine Bitcoin-Wallet-App. Ähnlich der BankID-Hardware erzeugt und verwahrt diese die Schlüssel, mit denen sich fälschungssichere digitale Signaturen erzeugen lassen. Gleichzeitig ermöglicht sie die Interaktion mit der Blockchain, einer Datenbank, deren Besonderheit ist, dass sie nichts vergisst und bestehende Einträge nachträglich nicht mehr verändert werden können.

Als offener und zensur- und manipulationsresistenter Datenspeicher ist die Blockchain damit eine Art universeller digitaler Notar, dessen Zuverlässigkeit daran erkennbar ist, dass es in elf Jahren noch niemandem gelungen ist, ihn zu kompromittieren. Obwohl der dreistellige Milliardenbetrag, den er absichert, ein höchst lukratives Ziel ist.

Welche Möglichkeiten die Bitcoin-Infrastruktur jenseits des Gelds bietet, wird bereits erprobt. Das Einloggen in einen Online-Account nur mit einer Bitcoin-Wallet ist technisch bereits möglich . Für die Nutzer funktioniert das nicht anders als ein Log-in über eine E-Mail-Adresse oder mithilfe des Facebook- oder Google-Accounts. Es wäre jedoch sicherer und sehr viel privater. Man müsste sich nicht mehr unzählige potenziell unsichere Passwörter merken und würde gleichzeitig außerhalb der Reichweite der großen Internetdienstleister mit ihrer allgegenwärtigen Daten-Neugier agieren.

Auch lassen sich alle möglichen Formen von Dokumenten - Verträge, Patente, Zertifikate - digital signieren und in der Blockchain verankern. Dafür wird nicht die Datei selbst in der Blockchain gespeichert, sondern nur ein digitaler kryptografischer Fingerabdruck davon . Mit dem lässt sich dann beweisen, dass ein bestimmtes Dokument in einer bestimmten Form zu einem bestimmten Zeitpunkt existiert hat. Wird es nachträglich manipuliert, würde man das am veränderten kryptografischen Fingerabdruck erkennen, der nicht mehr mit dem Original in der Blockchain übereinstimmt.

Ein Vermögen weggeworfen

Sogar vor Gericht können mit Bitcoin-Schlüsseln signierte Nachrichten eine Rolle spielen. In einem Prozess mit dem Bruder seines ehemaligen Geschäftspartners hat der Australier Craig Wright, der von sich selbst behauptet, der Erfinder von Bitcoin zu sein, eine Liste mit Bitcoin-Adressen vorgelegt, die angeblich ihm gehörten . Vor wenigen Wochen tauchte nun allerdings eine Nachricht im Internet auf, die mit einigen ebendieser Schlüssel signiert wurde. Ihr Inhalt : "Craig Steven Wright ist ein Lügner und Betrüger. Er hat nicht die Schlüssel, um diese Nachricht zu signieren."

Allerdings bringt eine dezentrale Lösung auch neue Probleme mit sich. Wenn Rene Pickhardt seinen BankID-Schlüssel verliert, geht er zur Bank und bekommt direkt einen neuen. Bei Bitcoin sind verlorene Schlüssel bislang ein sehr viel größeres Problem. Einmal verloren, sind sie unwiederbringlich weg - man denke an die 7500 Bitcoins von James Howells . Der Waliser erlangte traurige Berühmtheit, weil er 2013 versehentlich die Festplatte mit den zugehörigen Schlüsseln und damit den Zugang zu einem Vermögen von umgerechnet aktuell mehr als 64 Millionen Euro wegwarf.

Für den Mathematiker Rene Pickhardt ist das aber kein unlösbares Problem: Statt den eigenen Back-up-Schlüssel einer Bank anzuvertrauen, könnte man ihn stattdessen auch kryptografisch aufteilen und die Einzelteile unter Freunden und Verwandten aufteilen. Zur Wiederherstellung müsste man dann nur eine Mindestmenge dieser Teilestücke wieder zusammenfügen. Bis solche Ansätze aber massentauglich sein werden, wird es dauern. Noch ist Bitcoin eben eine sehr junge Technologie.