Ermittlung zum Daten-Leak Tippgeber wehrt sich gegen Anfeindungen im Netz

Auch Zeugenaussagen haben die Ermittler auf die Spur des Tatverdächtigen im Datenskandal geführt. Einer der Tippgeber wird jetzt in sozialen Netzwerken als Verräter beschimpft.

Auch die Informationen aus Befragungen in der Gamer- und YouTuber-Szene haben dem Bundeskriminalamt die Festnahme des Tatverdächtigen im Datenskandal ermöglicht. Am vergangenen Sonntag hatten Ermittler die Wohnung des 19-jährigen IT-Experten Jan Schürlein stundenlang durchsucht sowie Geräte beschlagnahmt, weil er mit dem Tatverdächtigen in Kontakt stand. "Die standen um 10 Uhr morgens im Wohnzimmer", sagte Schürlein dem SPIEGEL.

Der 19-jährige IT-Experte aus Heilbronn hat sich auf Twitter dazu bekannt, den Behörden entscheidende Informationen gegeben zu haben - und er wendet sich öffentlich an den Tatverdächtigen: "nimms übrigens nicht zu persönlich. Mir tut die Situation für dich persönlich in gewisser Hinsicht auch leid, aber du hast den Vogel mit der Aktion einfach abgeschossen und ich denke kaum einer wäre bereit das zu decken und den rechtlichen Stress auf sich zu nehmen", schrieb Jan Schürlein in einem Tweet am Dienstagnachmittag.

Eine Anfrage beim Bundeskriminalamt, ob Schürlein tatsächlich der entscheidende Tippgeber war, blieb unbeantwortet. Von der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft hieß es allerdings, "dass aus der Vernehmung eines Zeugen aus Heilbronn und Informationen aus sichergestellten Datenträgern Hinweise erlangt werden konnten, die sachdienlich für die Identifizierung des Tatverdächtigen waren".

"Persönlich hat er nicht viel preisgegeben"

Er habe "unregelmäßig, mal mehr mal weniger" mit dem Hacker Kontakt gehabt, erzählt Schürlein dem SPIEGEL - etwa über den Messengerdienst Telegram. Mit privaten Details habe der Tatverdächtige sich in den Gesprächen bedeckt gehalten: "Persönlich hat er nicht viel preisgegeben, aber ein einzelner Fehler oder ein Detail reichen eben, um auf eine Identität zu schließen."

Die technischen Vorkehrungen, die der Tatverdächtige traf, um anonym zu bleiben, waren offenbar nicht lückenlos. Schürlein zufolge hatte er etwa sein Telegram-Konto über seine private Handynummer angemeldet. "Ihm ist die Sicherheit natürlich nicht egal, aber er hatte diesen Kanal schon seit Jahren verwendet und mit der Eskalation der Situation wohl nicht gerechnet", so Jan Schürlein.

Er selbst ist auch in der Hackerszene unterwegs - die normalerweile ungern mit Behörden kooperiert. Aber Schürlein hatte wohl Angst, selbst ins Visier der Behörden zu geraten, wenn er sich nicht äußert. Seitdem äußert er sich öffentlich ungewöhnlich umfassend zu dem Fall - etwa auf Twitter. Überprüfen lassen sich seine eigenen Angaben nicht.

In der Öffentlichkeit kämpft Schürlein nun um seinen Ruf

"Jan Schürlein scheint Teil der Discord-Hacker-Community zu sein und kennt die Szene", sagt die Extremismus- und Terrorismusforscherin Julia Ebner vom Institute for Strategic Dialogue. Laut ihr war er Administrator eines umstrittenen YouTubers. Schon vor einem Jahr habe er damit geprahlt, der Einzige zu sein, der die Details zum Hack eines Youtubers kenne und wisse, wer dahinter stecke, sagt die Analystin Julia Ebner. "Er teilte auch immer wieder selbst die persönlichen Daten von anderen gehackten Personen und löschte sie dann wieder."

Offenbar hat er schon in der Vergangenheit Erfahrungen mit Ermittlern gemacht, die etwa seine Geräte beschlagnahmt haben: "Ich glaube, ich bin der Einzige in Deutschland, der ein Staatsanwaltschafts-Paket-Unboxing auf YouTube gemacht hat", kommentierte Schürlein in einem Video von 2016 , in dem er mehrere Smartphones, Festplatten und andere Geräte auspackt, die ihm die Staatsanwaltschaft Heilbronn angeblich zurückgeschickt hatte.

Die letzte Nachricht, die Jan Schürlein von dem Tatverdächtigen erhalten haben will: eine E-Mail vom 4. Januar 2019, in der der Hacker die Vernichtung seiner Hardware ankündigte. "Hab Telegram erstmal entfernt, werde auch den PC vernichten, melde mich dann in ein paar Tagen oder so." Doch dazu kam es nicht mehr.

Jan Schürlein wird für die Kooperation mit dem Bundeskriminalamt angegriffen, in sozialen Netzwerken wird er etwa als "Snitch", Verräter, angefeindet. Ihm wird vorgeworfen, dass er dem Tatverdächtigen in den Rücken gefallen sei und ihm niemand mehr vertraue. Indem er an die Öffentlichkeit geht, kämpft Schürlein offenbar um seinen Ruf.

"Klar habe ich den entscheidenden Hinweis geliefert, evtl. hätte es so aber einfach nur länger gedauert", verteidigt sich Schürlein in einem Tweet. Durch sein Geständnis erwarte den Tatverdächtigen zudem eine "geringere Strafe, später Aussichten auf einen Job im IT-Bereich & dieser ganze Spuk ist endlich vorbei".

sop
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