Datenschutz-Alphabetisierung Google klärt Mitarbeiter auf, was Privatsphäre bedeutet

Nach den Datenschutz-Pannen bei Street View sollen Mitarbeiterschulungen beweisen, dass Google das Thema endlich ernst nimmt. Derweil tapst Chef Schmidt schon ins nächste Fettnäpfchen. Klar, findet Frank Patalong: Datenschutz ist für wahre Sammler ein ziemlich fremdes Konzept.
Google-Logo: Sympathieträger im Abschwung

Google-Logo: Sympathieträger im Abschwung

Foto: Paul Sakuma/ AP

Wenn Google-Chef Eric Schmidt freundlich schaut und Gewagtes sagt, ist es stets schwer auszumachen, ob da nicht vielleicht doch Humor im Spiel sein könnte. Der Mann ist einer der mächtigsten Konzernlenker der Welt - und nebenbei berüchtigt für seine Fähigkeiten als Fettnapf-Detektor. Vor einigen Wochen regte er vermeintlich an, Jugendliche, die sich ihren Ruf durch pubertäre Web-Veröffentlichungen versaut hätten, müssten dann einfach irgendwann ihren Namen wechseln.

Ein Schmidt-Witz, natürlich. Der neueste dieser Art: In einem CNN-Interview  gab er zum Besten, man könne ja umziehen, wenn man nicht wolle, dass die Wohnung bei Google Street View gezeigt werde. Der Kamerawagen komme ja nur einmal vorbei.

Das ist zwar schwer abseitig, aber sogar irgendwie logisch: Die Wohnung, in der man dann wohnt, war zumindest zum Zeitpunkt des Street-View-Fotos ja nicht die eigene. Aus dem gleichen Grund, erklärte Schmidt seinen Interviewern, würden ja auch die Satellitenbilder von Google Earth mit zeitlichem Versatz veröffentlicht. Noch sind sich die Experten nicht ganz einig, ob das wirklich auch ein Witz war - oder nur auf bizarre Weise weltfremd, wenn nicht sogar zynisch.

Betriebliche Weiterbildung in Sachen Datenschutz

Doch die eigentliche Pointe ist, dass diese Anekdote ausgerechnet Schlagzeilen macht, als Google den öffentlichen Datenschutz-Kotau übt . Erstmals hat der Suchkonzern mit Alma Whitten eine eigene Datenschutzbeauftragte ernannt. Darüber hinaus werden alle 23.000 Angestellten verpflichtet, Schulungen zur Sache zu durchlaufen. Die Geschichte der letzten Monate hat gezeigt, dass so einige davon offenbar wirklich Nachholbedarf haben.

So soll auch das Abfischen von W-Lan-Informationen durch Googles Street-View-Wagen angeblich "versehentlich" geschehen sein. Da hatte ein Angestellter ein Programm entwickelt, mit dem eigentlich eine Art W-Lan-basierte Ortsbestimmung durchgeführt werden sollte. Huckepack aber sackte das Programm auch Informationen aus dem Datenstrom ein - inklusive E-Mail-Bestandteile und Passwörter, wie sich nun herausstellt.

In der letzten Woche kam Kanadas oberste Datenschützerin Jennifer Stoddart in einem Gutachten  zu dem Schluss, dass der Grund dafür nicht nur in einem "fahrlässigen Fehler eines Ingenieurs" lag, sondern auch an einem "Mangel an Kontrollmechanismen, um die Wahrung der Privatsphäre [der Betroffenen] zu gewährleisten". Ein naheliegender Schluss, wenn man bedenkt, dass Google über 600 Gigabyte Daten gesammelt hatte, bevor überhaupt jemand darauf kam, sich diesen Wust mal genauer anzusehen. Im Klartext: Google hat hier ein strukturelles Problem.

Die Empörung darüber mag nirgends größer sein als in Deutschland, wo Google sich sogar genötigt sah, einen Präventiv-Notausgang für Street View zur Verfügung zu stellen: Einen Service, der schon die Erfassung in Street View vorab verhindert. Dass "nur" 2,9 Prozent aller Haushalte das verlangten, mag für Google erfreulich sein. Dabei muss man "bisher" sagen, denn die Vorab-Streichung läuft außerhalb der 20 größten deutschen Städte ja noch weiter - am Ende dürfte Street View in Deutschland ungewöhnlich löchrig ausfallen.

Klagen wegen Datenweitergabe: Das geht ans Eingemachte

In etlichen anderen Ländern laufen Klagen, Staatsanwaltschaften ermitteln, staatliche Behörden prüfen die Rechtmäßigkeit des Google-Dienstes. Zuletzt erhoben am Montag mehrere US-Bürger vor dem Bundesgericht in San Jose in Kalifornien Klage wegen Datenmissbrauchs gegen Google.

Gefährlich sind solche Klagen für Google nicht nur, weil (gerade in Kalifornien) unter Umständen drakonische Strafzahlungen drohen könnten, sondern auch, weil sie Googles geschäftliche Basis gefährden. Die Begründung der kalifornischen Klage argumentiert, Google habe "die persönlichen Informationen und Suchergebnisse seiner Nutzer" an andere Firmen weitergegeben. Die Kläger verlangen nicht nur Schadenersatz, sondern auch eine Verfügung gegen Google, künftig die Weitergabe von Daten an Dritte zu unterlassen. Je nachdem, wie das definiert ist, könnte es die Schaltung zielgruppengerechter Werbung gefährden - Googles Kerngeschäft. Dass Google nun von einer so wuchtigen Welle des Protestes und der Klagen offenkundig kalt erwischt wird, deutet darauf hin, dass der Konzern das Thema Datenschutz bisher kaum auf dem Radar hatte.

Kein Wunder, ist die Firma doch von Haus aus auf Datensammeln fokussiert. Die 23.000 Google-Angestellten sind so etwas wie die Elite der weltweiten Datensammler und -Verknüpfer. Dafür werden sie bezahlt, das ist das Ziel ihres Unternehmens: Das Denken aus der Betroffenen-Perspektive liegt Google dagegen entsprechend fern. Die Sicht des Konzerns ist zuerst die Mehrwert-Perspektive des Daten-Nutzers: Was der Community der Google-Anwender nutzt, erscheint erst einmal gut. Dass man beispielsweise erst fragt, bevor man das Werk oder die Daten eines anderen digitalisiert und veröffentlicht statt umgekehrt, darauf kommt man in Mountain View mitunter gar nicht.

Googles Buchdigitalisierung hat das gezeigt, als der Konzern schon einmal mit der Veröffentlichung von Fremdwerken begann und erst im Nachhinein die Bedingungen dafür in einem Schlichtungsverfahren mit den Besitzern der Rechte klärte. Die gleiche Denke zeigte Google in einem Akt unglaublicher Unsensibilität auch mitten in der Street-View-Debatte mit der Veröffentlichtung seines Buzz-Dienstes. Der verteilte unautorisiert die privaten Daten von Google-Mail-Anwendern in einem automatischen Verfahren an deren E-Mail-Kontakte. Dass irgendjemand etwas dagegen haben könnte, lag den Googleanern offenbar fern.

Wie sagte Eric Schmidt kürzlich so treffend? Wer nicht wolle, dass jemand erfahre, was er getan habe, solle solche Dinge eben nicht tun. Was offenbar nicht als Schmidt-Witz gedacht war.

Der wichtigste Schutz vor sich selbst: Strukturelle Veränderungen

Höchste Zeit also, dass die Google-Schar auf die Schulbank geschickt wird, um etwas Neues zu lernen: Es gibt doch tatsächlich immer noch Menschen, die Wert auf Privatsphäre legen. In Kreisen, in denen Menschen und deren Verhalten mit Vorliebe durch Algorithmen erfasst werden, ist Privatheit ein völlig fremdes Konzept. Außer für Herrn Schmidt, übrigens: Über das Privatleben des Google-Lenkers ist relativ wenig bekannt. Veröffentlichungen und Indiskretionen über ihn tritt Schmidt mit großer Vehemenz entgegen.

Doch auch Schulungen werden vor menschlichem Fehlverhalten nicht schützen, wie der Fall eines Google-Technikers zeigte, der die Mails von vier Minderjährigen fleißig mitlas. So etwas ist bedauerlich, aber kein Skandal des Unternehmens. Voyeure, Regelbrecher, Schmutzfinken und Kriminelle findet man überall, Google reagierte adäquat und setzte den Menschen vor die Tür.

Der Skandal ist vielmehr, dass dieser überhaupt dazu in der Lage war, offenbar problemlos durch einen direkten Zugriff auf private Kommunikation Minderjährigen nachzustellen.

"Don't be evil" ist nicht nur ein tolles Firmenmotto, sondern sogar ein notwendiges, wenn man prinzipiell so viel über so viele Menschen weiß wie Google: Die Maschine liest die private Post ihrer Nutzer (um sie mit passenden Anzeigen zu beschicken), sie beobachtet und archiviert ihr Suchverhalten (für ein Jahr), sie vermarktet ihre Erkenntnisse an die werbetreibende Industrie. Datenschutz-Sensibilisierung für die Mitarbeiter ist da ein guter erster Schritt, Alma Whittens Aufgaben aber sind weiter gesteckt.

Die wichtigste Aufgabe ist dabei die effektive Durchsetzung neuer Strukturen im Hierarchiengefüge von Google. Künftig, verkündete Alan Eustace, der Leiter von Googles Entwicklungsabteilung, im Firmenblog, sei jeder Abteilungs- und Projektleiter verpflichtet, die Einhaltung von Datenschutzbestimmungen für jedes einzelne Projekt zu dokumentieren. Eustace: "Dieses Dokument wird eine Aufzeichnung darüber enthalten, wie Nutzerdaten gehandhabt werden und regelmäßig von Managern sowie einer internen Aufsichts-Arbeitsgruppe überprüft werden."

Wenn dann noch alles gut geht, sitzt in diesem Kreis dann niemand, der meint, man solle doch umziehen, wenn man seine Wohnung nicht weltweit zeigen wolle.

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