Depeschen-Debakel WikiLeaks' wunde Punkte

Julian Assange wollte mit WikiLeaks den Journalismus revolutionieren, anonyme Informanten sollten im Internet sicher Missstände offenlegen. Doch das aktuelle Datendebakel hat die Schwachstellen des Prinzips offenbart. Haben Whistleblower-Plattformen noch eine Zukunft?

Enthüllungsplattform WikiLeaks: Geheimnisse können gefährlich werden
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Enthüllungsplattform WikiLeaks: Geheimnisse können gefährlich werden

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Hamburg - Die anderen sind Schuld an der Katastrophe, so erklärt WikiLeaks am Donnerstag das Datendesaster um die Veröffentlichung von US-Botschaftsdepeschen im Web. Ein Journalist des "Guardian" soll demnach für die Krise der Enthüllungsplattform verantwortlich sein.

"Guardian"-Redakteur David Leigh hatte in einem Buch über WikiLeaks ein Passwort veröffentlicht, das laut WikiLeaks Zugang zum Archiv mit allen unbearbeiteten Depeschen erlaubt. Die verschlüsselte Datei, die im Internet kursiert, lässt sich so lesbar machen. Mehr als 250.000 Dokumente sind nun unredigiert im Netz zu finden - mit den Namen von Informanten und Tippgebern, die sich Mitarbeitern der US-Botschaften anvertraut haben.

Für WikiLeaks ist der Fall klar: Es handele sich um einen "bislang unentdeckten Akt grober Fahrlässigkeit oder Bosheit", um einen Verstoß gegen eine mit dem "Guardian" ausgehandelte Sicherheitsvereinbarung, heißt es bei der Plattform. Dabei haben vor allem Fahrlässigkeit und Streitereien bei WikiLeaks das Datenleck ermöglicht.

WikiLeaks versus "Guardian", Online-Enthüller gegen Blattmacht - es ist der alte Kampf zwischen der Web-Plattform und den etablierten Medien. Die Frage ist nun, wie sich der aktuelle Rückschlag auf die Bereitschaft künftiger Whistleblower auswirken wird, sich WikiLeaks anzuvertrauen.

Misstrauen gegen die Medien

Den Journalismus neu erfinden, nichts weniger hatte sich WikiLeaks auf die Fahnen geschrieben. Die Ende 2006 von Julian Assange und einer Schar klandestiner Mitstreiter gestartete Enthüllungsseite wollte vieles anders machen als die Medienhäuser: Anonyme Tippgeber konnten geheime Dokumente auf Webservern ablegen, Helfer von WikiLeaks sichteten das Material, nahmen sich interessante Dokumente vor und begannen mit der journalistischen Aufarbeitung.

Tausende Dokumente wurden so veröffentlicht, versehen mit einem einleitenden Artikel und zum Teil bereinigt um Informationen, die einzelne Tippgeber in Gefahr bringen könnten. So arbeiten Journalisten zwar schon weit länger, als es das Internet gibt - doch Assange hegt gegenüber den Medien ein großes Misstrauen. Er zweifelt ihre Unabhängigkeit an und wirft ihnen vor, mit Regierungen und Unternehmen zunehmend unkritisch umzugehen.

Schon in den ersten Jahren veröffentlichte WikiLeaks brisantes Material. Nicht immer fiel das Medienecho so aus, wie Assange und seine Mitstreiter es sich wünschten. Denn sind Daten einmal öffentlich, stehen Redaktionen vor einem Problem: Investieren sie Zeit in aufwendige Recherchen? Kommt ihnen dabei vielleicht ein Wettbewerber zuvor? So entfalten geleakte Dokumente oft nicht die Wirkung, die sie nach redaktioneller Bearbeitung und mit publizistischem Rückenwind erzielen könnten.

Doch dann gelangte die Plattform an ihren bisher größten Datenschatz: Hunderttausende geheime Dokumente der US-Regierung, Berichte des Militärs aus Afghanistan und dem Irak, Depeschen der US-Botschaften. Es war ein gigantischer Fundus, der exklusiven Einblick in die globale Machtpolitik der Vereinigten Staaten bot.

Als Erstes veröffentlichte WikiLeaks im April 2010 ein Video, das eine scherzende Helikopterbesatzung beim Niedermetzeln von Zivilisten in Bagdad zeigt, aufgenommen drei Jahre zuvor. Der isländische TV-Journalist Kristinn Hrafnsson half WikiLeaks bei den Recherchen, reiste in den Irak, um die Echtheit des Angriffs zu verifizieren. Spätestens mit der Veröffentlichung des Videos war WikiLeaks Regierungen und Unternehmen auf der ganzen Welt ein Begriff.

In den kommenden Monaten veröffentlichten große Medienhäuser, darunter die "New York Times", der "Guardian" und der SPIEGEL, Artikel und Auszüge aus dem WikiLeaks-Material - dabei wurde peinlich genau darauf geachtet, keine in den Quellen genannten Tippgeber zu gefährden. Eine Mammutaufgabe, die WikiLeaks allein wohl nicht hätte stemmen können. Und so sieht der neue Journalismus plötzlich ganz so aus wie der alte. Dann folgte eine Reihe von Vorfällen, Missverständnissen und Fehlern, die addiert zum aktuellen Datendesaster führen - und die die Schwachstellen des Prinzips WikiLeaks offenbaren.

Katastrophe Nummer eins: Die mutmaßliche Super-Quelle wird verhaftet

Zur ersten Katastrophe für WikiLeaks kam es 2010, auch wenn das Netzwerk keine direkte Schuld trifft: Am 26. Mai wurde der junge US-Soldat Bradley Manning in Kuwait festgenommen. Er soll WikiLeaks die geheimen Daten zugespielt haben. Möglicherweise verriet er sich selbst, vertraute sich in einem Chat einem Hacker an, der ihn an die Behörden verriet.

Seitdem ist er in Haft. Mannings Unterstützer sprechen von Bedingungen, die an Folter grenzen. Es ist ein erstes Signal an mögliche Tippgeber: Du bist nicht sicher. Wenn du dich erwischen lässt, können die Konsequenzen vernichtend sein.

Katastrophe Nummer zwei: Daten gehen auf Wanderschaft

Die zweite Katastrophe für WikiLeaks: Im Streit trennte sich Daniel Domscheit-Berg, eine Zeitlang der deutsche Sprecher der Gruppe, von WikiLeaks. Dabei nahm er das Archiv sowie eingeschickte, bisher unveröffentlichte Daten mit, angeblich traute er WikiLeaks die sichere Verwahrung der Dokumente nicht zu. Ebenso soll er eine neu programmierte Einsendefunktion entwendet haben. Der anonyme Briefkasten von WikiLeaks ist bis heute offline.

Es sind nicht die einzigen Daten, die verlorengingen: Außerdem kursierten die US-Botschaftsdepeschen durch eine Unachtsamkeit oder eine gezielte Indiskretion in Originalform im Internet - zunächst allerdings noch versteckt und verschlüsselt. Das Signal ist verheerend: WikiLeaks kann nicht für die Sicherheit von Dateien garantieren, WikiLeaks hat selber ein Leck.

Katastrophe Nummer drei: Schleichender Kontrollverlust

Die dritte Katastrophe trifft schließlich nicht mehr nur WikiLeaks: Parallel zum bizarren Streit zwischen Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg, der immer weiter eskaliert, wird schließlich das Passwort für die Botschaftsdepeschen öffentlich und auch, wo die entsprechende Datei zu finden ist. Alle Namen, die von WikiLeaks und den zusammenarbeitenden Medien so sorgsam aus den Dokumenten getilgt wurden, stehen nun im Internet, mit nicht absehbaren Folgen für die Informanten.

Für Tippgeber stellt sich die Frage, ob sie ihr Leben und ihre Freiheit einer Organisation anvertrauen möchten, die in den vergangenen Monaten ein desolates Bild abgibt - und die nun über Twitter darüber abstimmen lässt, ob die US-Botschaftsdepeschen in Reinform, mit allen Namen, veröffentlicht werden sollen - jetzt, da alle interessierten Geheimdienste ohnehin eine Kopie haben. Das Desaster ist perfekt.

Fazit: Schneller - aber nicht sicherer

Für potentielle Tippgeber ergibt sich aus dem Fall WikiLeaks: Durch eine technische Plattform wird das Leaken einfacher - sicherer wird es dadurch nicht unbedingt. Die größte Herausforderung für Whistleblower ist von jeher nicht die Plattform - es finden sich immer Mittel und Wege, Briefumschläge mit Dokumenten oder USB-Sticks sicher an Redaktionen zu übermitteln. Es braucht Mut und Überzeugung, ein hohes persönliches Risiko einzugehen.

Und: Das Risiko für einen potentiellen Überbringer geheim gehaltener Informationen und Dokumente endet nicht mit der Übergabe jener Information. Je mächtiger die Organisation ist, der mit der Veröffentlichung geschadet werden könnte, desto größer ist auch die Gefahr für die Quelle.

Die drei Katastrophen von WikiLeaks offenbaren, dass auch eine technische Einreichungsplattform dieses Problem nicht lösen kann. Sie bringt unter Umständen weitere Risiken für Quellen und im Material genannte Personen mit sich. Das machen die aktuellen Ereignisse deutlich.

insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
Rainer Unsinn 01.09.2011
1. ...
Zitat von sysopJulian Assange wollte mit WikiLeaks den Journalismus revolutionieren, anonyme Informanten sollten im Internet sicher Missstände offenlegen. Doch das aktuelle Datendebakel hat die Schwachstellen des Prinzips offenbart. Haben Whistleblower-Plattformen noch eine Zukunft? http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,783801,00.html
Das man versuchen würde Wikileaks und Ansage massiv durch den Dreck zu ziehen war doch wohl klar. Aber inwiefern sowas die Zukunft von Whistleblower Plattformen gefährden sollte ist mir schleierhaft. Solche Projekte brauchen nicht den Konsenz einer Mehrheit, oder die Erlaubnis oder Duldung von Staaten oder Staatsbünden. Einige wenige Entschlossene mit spezifischen Kenntnissen reichen schon. Den Rest besorgt die menschliche Neugier seine Nase in den Schmutz anderer zu stecken.
Crytash 01.09.2011
2. !
Wenn man sich selbst im Dreck suhlt, ist es eben nicht schwer, in den Dreck gezogen zu werden. So viele "Handwerkliche" Fehler wie die Plattform hat, ist es doch klar, dass man hier nicht davon liest, wie reibungslos das ganze von statten läuft.
fliro01 01.09.2011
3. Nunja...
Zitat von Rainer UnsinnDas man versuchen würde Wikileaks und Ansage massiv durch den Dreck zu ziehen war doch wohl klar. Aber inwiefern sowas die Zukunft von Whistleblower Plattformen gefährden sollte ist mir schleierhaft. Solche Projekte brauchen nicht den Konsenz einer Mehrheit, oder die Erlaubnis oder Duldung von Staaten oder Staatsbünden. Einige wenige Entschlossene mit spezifischen Kenntnissen reichen schon. Den Rest besorgt die menschliche Neugier seine Nase in den Schmutz anderer zu stecken.
Die Frage hierbei ist allerdings: Wie tief will man seine Nase in den Schmutz anderer stecken oder reicht einem das multimedial Aufbereitete der Boulevard-Presse, um weitreichende Zusammenhänge erkennen zu können!?
Hubert Rudnick, 01.09.2011
4. So ist es
Zitat von CrytashWenn man sich selbst im Dreck suhlt, ist es eben nicht schwer, in den Dreck gezogen zu werden. So viele "Handwerkliche" Fehler wie die Plattform hat, ist es doch klar, dass man hier nicht davon liest, wie reibungslos das ganze von statten läuft.
Wer mit Steinen wirft, der darf dann nicht im Glashaus bleiben, aber mir kommt das alles nur dilettantisch vor, oder es wurden Leute gekauft, die nun den Spieß umdrehen. HR
claireannelage 01.09.2011
5. Assange ist der wunde Punkt
Es ist traurig dass dieses Netzwerkes ausgerechnet unter Führung eines Menschen wie Assange entstanden ist, bei dem eine recht zweifelhafte Persönlichkeit die Aufmerksamkeit auf sich und weg von der Sache zieht, ansonsten wären vielleicht Tatsachen dass die amerikanische Armee Kriegsverbrecher in den eigenen Reihen dulded und deckt. Bleibt nur zu hoffen dass es in Zukunft besser gemacht wird - es ist zwar traurig dass es eine solche Instanz gibt, aber Menschen sind einfach zu korrupt als dass man sie einfach machen lassen könnte - die die uns kontrollieren dürfen eben selber auch nicht unkontrolliert sein.
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